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Liegt die hohe Todesrate nur an Corona?

In Löbau/Zittau sind in der zweiten Welle rund doppelt so viele Menschen gestorben wie in den Jahren zuvor - und deutlich mehr als Covid-19-Tote gemeldet worden.

Solche Schilder kleben auf den Särgen, wenn Menschen am oder mit dem Corona-Virus gestorben sind.
Solche Schilder kleben auf den Särgen, wenn Menschen am oder mit dem Corona-Virus gestorben sind. © Sebastian Kahnert/dpa

Die Fernseh-Bilder der Särge-Stapel aus dem Zittauer Hochwasserstützpunkt haben sich sicher bei vielen eingebrannt. Die Kühlzellen im Krematorium reichen nicht mehr. Viermal so viele Sterbeurkunden wie im gleichen Zeitraum der Vorjahre hat das Zittauer Standesamt in den vergangenen Wochen ausstellen müssen. Auf jedem zweiten Sarg steht ein Hinweis auf Covid-19.

Zahlen wie die vierfache Übersterblichkeit in Zittau werfen Fragen auf. Sind wirklich viermal so viele Zittauer gestorben wie sonst? Nein. Die Verstorbenen in den Särgen im Hochwasserstützpunkt und im Krematorium sind zwar in der Stadt aus dem Leben geschieden, waren aber nicht alle Einwohner. In den Zahlen sind zum Beispiel Auswärtige enthalten, die im Zittauer Krankenhaus behandelt wurden, es aber trotzdem nicht geschafft haben.

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Tatsächlich sind nach Angaben der Stadtverwaltung vom Beginn der zweiten Corona-Welle Anfang Oktober bis zum 15. Januar 271 Zittauer verstorben, reichlich doppelt so viele wie im gleichen Zeitraum der Vorjahre. Da waren es im Durchschnitt 116. Gleichzeitig hat das Gesundheitsamt des Landratsamtes für diese Zeit 90 mit oder an Covid-19 gestorbenen Zittauer gezählt.

116 + 90 ergibt aber noch lange nicht 271. Beim Blick auf die anderen Städte und Gemeinden im Südkreis Görlitz zeigt sich: Diese Lücke klafft nicht nur in Zittau. Bei den meisten anderen ist es ebenso. Auch, wenn man alle zusammen nimmt, ergibt sich dieses Bild. Ausnahmen sind Großschweidnitz, Lawalde und Oppach, wo es in diesem Zeitraum keine Übersterblichkeit gibt, und einige andere, bei denen sich die höhere Zahl der Verstorbenen ziemlich genau mit Covid-19 erklären lässt. Gibt es also noch andere Ursachen für die Übersterblichkeit als Corona?

© SZ

An einer zusätzlichen Welle von Grippe-Erkrankungen oder anderen um diese Jahreszeit üblichen Krankheiten liegt es jedenfalls nicht. Die Zahlen sind im Vergleich zu den Vorjahren niedrig. Einige Experten schließen nicht aus, dass Menschen zusätzlich gestorben sind, weil sie aus Angst vor einer Ansteckung mit dem neuen Virus auch bei einer schweren Krankheit nicht zum Arzt gegangen sind. Oder, dass einige an den Folgen von Operationen, die wegen der Belastung der Krankenhäuser in der Corona-Pandemie verschoben wurden, ums Leben kamen. Oder, dass einige alte Menschen vor Einsamkeit in Heimen sterben. Das sächsische Sozialministerium aber macht auf SZ-Anfrage klar: Die Übersterblichkeit sei hauptsächlich durch Covid-19 begründet. Allerdings "haben wir es hier mit großen Unschärfen zu tun". Und zwar diesen:

  • Aus Gesundheitsämtern wird laut dem Ministerium berichtet, dass die Ärzte auf Basis klinischer Diagnosen und positiver Antigen-Tests auf Todesbescheinigungen zwar sehr häufig Covid-19 als Todesursache angeben. Da aber kein positiver PCR-Befund vorliegt, werden diese Verstorbenen in der Statistik nicht als mit oder an Corona verstorben erfasst.
  • Die Reihenfolge der Angaben auf den Todesbescheinigungen führt ebenfalls dazu, dass ein Teil der mit oder an Corona Verstorbenen nicht in der Statistik auftaucht. Das Ministerium gibt ein Beispiel: "Wenn zum Beispiel eine Person an einem Schlaganfall (oder Nieren-, Herzinsuffizienz etc.) verstirbt, dieser aber (vermutlich) aufgrund einer SARS-CoV-2-Erkrankung ausgelöst wurde, wird Covid-19 nicht als unmittelbare Todesursache angegeben. Eventuell wird es sogar unter II. "andere wesentliche Krankheiten" verschlüsselt und taucht somit in der Statistik nicht als Todesursache auf und wird als Nicht-Covid-19-Todesfall gezählt."
  • Dazu kommen die Spätfolgen. "Ein Großteil (bis zu zwei Drittel) der an Covid-19-Erkrankten leidet unter den Spätfolgen der Infektion, die die verschiedensten Organsysteme betreffen kann", teilt das Ministerium mit. "Insbesondere bei älteren und gegebenenfalls bereits multimorbiden Menschen könnten die Langzeitfolgen zu einer erhöhten Mortalität beitragen. Diese Fälle fielen dann aber auch nicht mehr unter Covid-19."

Dass die Übersterblichkeit vor allem an der Corona-Pandemie liegt, legt auch eine Auswertung des Statistischen Bundesamtes nahe. Bei der Betrachtung der Zahlen bis Ende 2020 kommen die Statistiker zu dem Schluss, dass die Übersterblichkeit im vergangenen Jahr auch dann immer stieg, wenn die Zahl der Corona-Infizierten in die Höhe schoss - bis auf eine Ausnahme im August. Da gab es aufgrund einer Hitzewelle mehr Todesfälle als in den Vorjahren üblich.

Diese Übersterblichkeit stellt das Statistikamt für ganz Deutschland fest. Nirgends war sie in der zweiten Welle aber so hoch wie im damaligen Corona-Hotspot Sachsen - in dem wiederum der Landkreis Görlitz mit den Gemeinden in der Region Löbau/Zittau zu den am stärksten betroffenen gehörte.

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