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Hunderte bei heimlicher Stöcker-Impfaktion

Im "Kulti" von Kiesdorf haben Eingeweihte den nicht zugelassenen Impfstoff erhalten. Stöcker selbst soll auch dabei gewesen sein. Ein Vor-Ort-Bericht.

Winfried Stöckers Corona-Antigen wollen viele haben. In Kiesdorf auf dem Eigen hatten Hunderte an diesem Donnerstag die Chance.
Winfried Stöckers Corona-Antigen wollen viele haben. In Kiesdorf auf dem Eigen hatten Hunderte an diesem Donnerstag die Chance. © Bernd Gärtner

Kiesdorf. Vor dem langgezogenen, gelben Flachbau ist an diesem Donnerstag um 15 Uhr die Hölle los: Autos, hauptsächlich mit Nummernschildern aus den Kreisen Görlitz und Bautzen, quetschen sich an den Rand der schmalen Straße, die am "Kulturzentrum" im kleinen Kiesdorf auf dem Eigen - im Dreieck Löbau-Zittau- Görlitz - vorbeiführt. Die Parkbuchten selbst sind ohnehin restlos besetzt, auch auf den Wiesenflächen stehen Autos. Deren Insassen streben allesamt auf die Eingangstür des Hauses zu und stellen sich erst einmal geduldig an. Viele kennen sich, überall hört man "Hallo" und "Wie geht's". Die Stimmung bei den Menschen aller Altersgruppen - vom Schulkind bis zu zum Senior - ist gut. Was alle hier vereint und optimistisch macht: Sie werden den "Impfstoff" von Winfried Stöcker gegen das Coronavirus erhalten. Obwohl der nicht zugelassen ist und gegen Stöcker juristische Verfahren laufen.

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Dass diese - damit illegale - Impfaktion in dem Gebäude, das die Einheimischen liebevoll Kulti nennen, stattfindet, kommt nicht von ungefähr: Die Stöcker Hotel GmbH, die unter anderem Essen für Schul- und Kitakinder in der Region kocht, hat von der Gemeinde das Kulti gepachtet und betreibt es. Winfried Stöcker hat hier also Hausrecht. Und so reihen sich die Impfwilligen in einem großen Bogen durch den Saal, wo Tische mit Servietten und Gläsern eingedeckt sind. Beim Blick auf die lange Schlange lächelt eine Frau in der Reihe beruhigend: "Das geht schnell, letztens waren auch mindestens 50 Leute vor uns und wir waren in acht Minuten dran", sagt sie. Sie kommt zum dritten Mal.

Stöckers Impf-Aktion ist straff organisiert

Schnell geht es wirklich - und das liegt daran, dass alles perfekt organisiert ist: Alle, die hier warten, haben einen Termin. Während die meisten sich eine der drei von Stöcker empfohlenen Dosen des Wirkstoffes spritzen lassen, kommen andere zur Blutabnahme. Bei ihnen soll zum Abschluss getestet werden, ob Antigene vorhanden sind und damit - laut Stöcker - ein Corona-Schutz vorliegt. Dass sich bei einer wirksamen Impfung aber nicht nur Antikörper bilden müssen, sondern auch sogenannte T-Zellen, betonen Experten immer wieder. Laut Stöcker haben sich bei seinem Stoff "bei über 95 Prozent der Impflinge schützende Antikörper in hoher Konzentration und bei der Mehrheit cytotoxische T-Zellen gebildet". Genauer wird er an dieser Stelle in seinem Internet-Blog nicht.

Geleitet werden die Leute bei der Impfaktion von einer Mitarbeiterin von Stöckers Görlitzer Kaufhaus-Team. Sie hakt in einer großen Liste die Namen der Impfwilligen ab, erfragt Kontaktdaten und bespricht die nächsten Termine. Ohne Termin einfach mal drankommen? Geht nicht. "Das hier ist ein geschlossener Kreislauf", erklärt sie auf Nachfrage zweier SZ-Mitarbeiter, die sich inkognito in die Schlange eingereiht haben. Die Impfdosen seien genau abgezählt, da könne man keine zusätzlichen Patienten drannehmen. Und wann gibt es neue Termine? Könne sie nicht sagen. Koordiniert werde alles über eine von ihr namentlich genannte Ärztin aus dem Oberland. An sie solle man sich wenden.

Vor dem Kulti ist die Schlange der Wartenden inzwischen weiter gewachsen. Schätzungsweise 150 bis 200 Personen werden am Ende in rund einer bis anderthalb Stunden insgesamt wohl "geimpft" oder getestet worden sein. Eine Passantin, die mit dem Bollerwagen auf der Straße vorbeizieht, schüttelt den Kopf. Was hier wohl wieder los ist? "Das möchte ich auch wissen - aber vielleicht impfen sie hier wieder?", sagt die Frau. Sie hat schon mehrmals solche Ansammlungen vor dem Kulti beobachtet. Nach SZ-Recherchen hat es in Kiesdorf schon mindestens einen solchen Termin am 18. Mai und einen weiteren im Juni gegeben. Das bestätigen mehrere Informanten der SZ.

So ruhig sieht es normalerweise vor dem Kulti in Kiesdorf aus. Das Haus gehört der Gemeinde, es betreibt die Stöcker Hotel GmbH.
So ruhig sieht es normalerweise vor dem Kulti in Kiesdorf aus. Das Haus gehört der Gemeinde, es betreibt die Stöcker Hotel GmbH. © Rafael Sampedro/foto-sampedro.de
Alle Parkplätze voll, auch der Straßenrand ist zugeparkt. Das Kulti an diesem Donnerstag zwischen 15 und 16 Uhr.
Alle Parkplätze voll, auch der Straßenrand ist zugeparkt. Das Kulti an diesem Donnerstag zwischen 15 und 16 Uhr. © Foto: privat
Auf der schmalen Straße vor dem Kulti herrscht rege Betriebsamkeit in dieser reichlichen Stunde der Impfaktion.
Auf der schmalen Straße vor dem Kulti herrscht rege Betriebsamkeit in dieser reichlichen Stunde der Impfaktion. © Foto: privat

Staatsanwaltschaft ermittelt weiter gegen Stöcker

Aber warum all die Heimlichtuerei? Das liegt an den juristischen Ermittlungen, die gegen Stöcker laufen. Die Staatsanwaltschaft Lübeck, die seit Ende 2020 gegen den 74-Jährigen ermittelt, ist noch immer mit dem Fall befasst, bestätigte Oberstaatsanwältin Ulla Hingst auf Nachfrage. Die Vorwürfe gegen Stöcker: Herstellung eines Impfstoffes ohne behördliche Genehmigung und mehrfache Verabreichung wiederum ohne Genehmigung. Stöcker hat - anders als alle anderen Hersteller - das von ihm entwickelte Antigen eben nicht in umfangreichen Studien untersuchen lassen, weil er "schon nach den ersten fünf auf Anhieb erfolgreichen Immunisierungen - wie vorausgesagt" eine solche Studie nicht mehr brauche, "da ich die Sache als wirklicher Experte von Anfang an durchschaut habe und der Impferfolg feststeht".

Experten wie der Virologe Alexander Kekulé schließen gar nicht aus, dass seine Entwicklung funktionieren könnte, denn sein Impfstoff basiert auf einem sehr einfachen, tradierten Prinzip. Dennoch gibt es Kritik. Namhafte Impfstoffhersteller haben sich an diesem Ansatz auch schon probiert, aus China ist ein solcher Impfstoff bereits auf dem Markt. Doch nicht in jedem Fall war dieses Modell erfolgreich, einige Firmen haben die Versuche mit dieser Technik mangels Wirksamkeit wieder eingestellt, sagte der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach im März in der Sendung Stern TV, in der auch Stöcker selbst dabei war. Das ist auch das Problem bei Stöcker: Weder die Wirksamkeit noch die Unverträglichkeit sind bei seiner entwickelten Substanz in Studien nachgewiesen.

Stöcker selbst aber ist von seinem Vorgehen und dessen Rechtmäßigkeit überzeugt. Diese Überzeugung ließ ihn seine im Februar 2021 erklärte Zurückhaltung - er sagte damals, dass er vorerst nicht mehr impfen werde - offenbar schnell ad acta legen. Das zeigt sich zum einen an solchen Impfaktionen wie im Kulti Kiesdorf, zum anderen benennt Stöcker selbst in seinem Internet-Blog mit den Bestelladressen für interessierte Mediziner die Bezugsmöglichkeiten für die Grundbausteine des Mittels und hat am 14. Juli sogar das Vorgehen für die "Herstellung eines (banalen) Anti-Corona-Impfstoffes durch einen Arzt" detailliert beschrieben. Man muss sich also nur die Zutaten bestellen.

Biochemische Substanz W1-X5 bestellbar

Eine der Firmen, die Ärzte mit dem Stöcker-Impfstoff versorgt, sitzt in Salzburg in Österreich und heißt Medidoc. Auf der Internetseite dieses Unternehmens, das sich als "Partner für Gesundheit und Sicherheit" bezeichnet, ist von Winfried Stöcker keine Rede. Wohl aber von einer "Biochemischen Substanz" mit der Bezeichnung "W1-X5". Dieses Antigen trägt dabei den Zusatz "für wissenschaftliche Zwecke und Laborverwendungen". Der Hersteller des Stöcker-Impfstoffes - beziehungsweise seiner Bestandteile - sei diese Firma nicht, teilt beim Anruf der SZ ein Mann mit österreichischem Akzent mit. Man sei nur eines von mehreren Logistik-Unternehmen, die diese biochemische Substanz in alle Welt transportierten. Mit alle Welt ist hier vor allem der amerikanische Markt gemeint, erklärt der Mann am Telefon auf Nachfrage. "In Europa geht ja nicht viel", ergänzt er. Ob er denn sagen könne, wo genau die Substanz hergestellt werde? "In Europa", kommentiert er knapp.

Wie aber kommen die Interessenten an die Information, wo und wann ein solcher Impftermin stattfindet? Dabei gibt es nach SZ-Recherchen verschiedene Wege. Zum einen reichen die Patienten sich die Infos untereinander per Mund-zu-Mund- Propaganda weiter - oder eben per Kurznachrichtendienst. Auch Ärzte, die von Patienten angesprochen werden, die selbst aber nicht Stöckers Antigen spritzen, verweisen zum Teil an Kollegen, die dies tun. Das bestätigt beispielsweise ein Hörnitzer, der bereits das erste Mal mit dem Stöcker-Stoff geimpft worden ist. Außerdem scheint auch über Mitarbeiter von Stöckers einstiger Firma Euroimmun, der er noch immer eng verbunden ist, der Infoaustausch zu laufen. Man müsse sich auf einen Euroimmun-Mitarbeiter berufen, wenn man sich in Kiesdorf impfen lassen wolle, berichten Insider.

Egal wo das Stöcker-Antigen verabreicht wird - geimpft wird in der Regel dreimal - so beschreibt es auch Stöcker selbst in seinem Blog. Bei "Immunschwächlingen", also Patienten, die nach diesen drei Injektionen noch nicht ausreichend Antikörper gebildet haben, empfiehlt Stöcker eine vierte und fünfte Dosis. In der "Behandlung inklusive" ist offensichtlich auch ein abschließender Antikörpertest, der den Patienten bestätigt, dass sie Antikörper gegen das Coronavirus gebildet haben. Von der Ärztin im Kreis Görlitz, die der SZ gegenüber bereits bekannt hatte, dass sie den Stöckerstoff verabreicht, berichtet ein Patient der SZ, dass man für die drei Spritzen und den anschließenden Nachweis insgesamt 60 Euro bezahle. Auch andere Impfwillige berichten von einer solchen Größenordnung.

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