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Guten Tag, Fahrschein und Maske, bitte

Kaum etwas wird in der Corona-Krise mehr diskutiert als die Maske. Eine Stunde mit Bus-Kontrolleuren in Görlitz.

Normalerweise ist die häufigste Frage von Kontrolleuren in Bus und Bahn die nach dem Ticket. Jetzt geht es auch um die Maske.
Normalerweise ist die häufigste Frage von Kontrolleuren in Bus und Bahn die nach dem Ticket. Jetzt geht es auch um die Maske. © André Schulze

Darf ich Sie darauf aufmerksam machen, dass Ihre Maske versehentlich runtergerutscht ist, fragt Roland Bergmann einen hochgewachsenen Schüler, dessen Maske unter der Nase sitzt. Kurz nach 14 Uhr, viele Schüler fahren im A-Bus mit. Roland Bergmann und Björn Fries sind Kontrolleure von den Görlitzer Verkehrsbetrieben (GVB). Sie teilen sich auf, einer beginnt vorn, einer hinten mit den Kontrollen. "Guten Tag, darf ich bitte Ihre Fahrkarte sehen." Mit dem Spruch arbeitet sich Bergmann in die Mitte des Busses vor. Auch den Satz "Darf ich Sie darauf aufmerksam machen, dass Ihre Maske verrutscht ist?" wird er in der nächsten Stunde noch öfter sagen.

Gerade die Maskenpflicht ist zum Sinnbild der Diskussionen um die Corona-Regeln geworden. Wie man etwa in den Debatten in den sozialen Netzwerken zu einem Beitrag über Elternräte, die ein Ende der Maskenpflicht in Schulen fordern, sieht. 

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Zahlen deutlich gestiegen

Dabei sind die Neuinfektionen diese Woche im Kreis Görlitz deutlich gestiegen. Die Unsicherheit ist das Schwierige: Bislang ist die Region vergleichsweise gut durch die Pandemie gekommen. Durch Disziplin und Rücksichtnahme sei es bisher gelungen, eine beherrschbare Gesamtlage zu schaffen, sagte etwa der Görlitzer OB Octavian Ursu am Montag. Aber: "Die Infektionszahlen nehmen leider wieder zu und wir müssen alle miteinander aufpassen, dass in Görlitz keine Situation wie in manchen Großstädten entsteht", sagte Ursu und bat um die Unterstützung der Bevölkerung. 

Wie schnell Dinge sich ändern können, zeigten die Tage darauf:  Diese Woche stieg die 7-Tage-Inzidenz im Kreis Görlitz nach 91 Neuinfektionen auf 42,3. Eine Zahl, die noch immer unter dem kritischen Wert von 50 Neuinfektionen pro Woche und 100.000 Einwohner liegt, aber weit über dem 35er-Wert, mit dem nun Gastronomen und Veranstalter die Kontaktdaten ihrer Gäste erfassen müssen. Das Maskentragen ist erst am Donnerstag wieder von der Politik zu den vier wichtigsten Vorkehrungen in der Pandemie erklärt worden, neben Abstand, Hygiene, Lüften. Gerade in Bus und Bahn begegnen sich stärker gefährdete Gruppen wie Senioren und weniger gefährdete wie etwa Schüler auf engem Raum. 

Die Taktik der Kontrolleure

Die Fahrt mit den beiden Kontrolleuren beginnt am Demianiplatz. Mit dem A-Bus geht es in Richtung Landeskronsiedlung: Die Stimme, die die Haltestellen ankündigt, gibt jetzt außerdem einen Hinweis auf die Mund-Nase-Bedeckung. "Die meisten halten sich dran", sagt Roland Bergmann, "oder es reicht ein Hinweis". So wie: Darf ich Sie darauf aufmerksam machen, dass Ihre Maske versehentlich runtergerutscht ist? "Wir haben in den vergangenen Monaten ein bisschen Erfahrung gesammelt." Und dieser Satz habe sich als am besten erwiesen. Er unterstellt nichts. "Es kann ja tatsächlich sein, dass es ein Versehen ist." 

Der hochgewachsene Jugendliche, vielleicht 16 Jahre, schiebt seine Maske wortlos über die Nase. Scheint tatsächlich nicht so gut zu passen und ist ein paar Augenblicke später wieder runtergerutscht. "Ich gebe Ihnen einen Tipp", sagt Bergmann, "ziehen Sie mal die Bändchen ein Stück nach unten, oben sitzt die Maske dann besser." Außerhalb des Busses wirkt der Kontrolleur zurückhaltend, fast reserviert. Im Bus ist er fast ein bisschen Unterhalter. "Ich mache das gerne."

Maskenverweigerer waren schon dabei

Bergmann und Fries, das sind nicht ihre echten Namen. Auch auf ihren Kontrolleurs-Ausweisen sieht man keine Klarnamen. "Das hat seinen Grund", sagt Bergmann. Sie haben es schon erlebt, dass Fahrgäste ohne Ticket mehr als ungehalten auf sie reagiert hätten. Nur so viel: Roland Bergmann stammt aus der Nähe von Leipzig und ist eigentlich Schweißer, hat acht Jahre auf Montage gearbeitet. Durch den Beruf kam er nach Görlitz. Und blieb. "Es ist ruhiger, gemütlicher." Behalten hat er sich aber seine Mundart. Ob es ums Ticket oder die Maske geht, Sächsisch lockere auf. Auch Björn Fries, gebürtiger Görlitzer, ist "Quereinsteiger" bei der GVB, wie er mit einem Schmunzeln sagt.

Bei Hinweisen auf die Maske seien Gäste aber noch nie ausfallend oder gar handgreiflich geworden. Maskenverweigerer dagegen haben sie schon erlebt. Fahrgäste, die auch nach mehrfacher Aufforderung nicht bereit waren, Mund und Nase zu bedecken, teils gar keine Maske dabei hatten. Zwei, drei Mal haben die beiden Kontrolleure dann schon Fahrgäste aus Bus oder Bahn verwiesen. "Aber das ist wirklich sehr selten", sagt Bergmann. Dem Landkreis, der Bußgelder wegen Verstößen gegen die Maskenpflicht erheben kann, liegen aktuell sieben Anzeigen aus dem gesamten Kreisgebiet vor, teilt Kreissprecherin Franziska Glaubitz mit.

Fahrgäste greifen selten ein

Die Mitte des Busses ist erreicht. Dort haben sich inzwischen drei Kinderwagen inklusive Eltern versammelt. Fries sagt nichts. Eine der Mütter, eine junge Frau mit schwarzem  Haar blickt er einfach an. Nicht unfreundlich. Man sieht das Lächeln auch mit Maske. Sie schaut zurück, merkt schnell, was gemeint ist - und zieht ihre Maske über die Nase. "Wann ist das nur vorbei?", fragt sie. 

Manchmal reicht solch ein Blick, oder Fries tippt sich an die Maske auf seiner eigenen Nase. "Das funktioniert ganz gut." Manchmal braucht es mehr. "Junger Mann!", fordert Roland Bergmann einen Mann zum zweiten Mal auf. "Stay safe" steht auf der Maske, die aber unter der Nase sitzt. Eine Frau mittleren Alters mit dunklem Dutt fragt: "Ist es denn so schwer?" Dass Fahrgäste selbst andere ansprechen, sei eher selten, sagt Bergmann. "Ich glaube, viele trauen sich das nicht."

Öfter mal aussteigen zum Durchatmen

Wechsel in den B-Bus stadteinwärts. Voll war es im A-Bus, Abstandhalten nicht möglich. Kein gutes Gefühl. Auf Facebook schrieb kürzlich ein SZ Leser, seit Wochen seien einige Busse und Bahnen im ZVON-Gebiet konstant überfüllt. Ein Risiko, findet er, bei dem aber alle Beteiligten die Hände heben würden, der schwarze Peter immer weitergereicht werde, "wahlweise an Verbund, Landkreis oder Stadt", schreibt er. Ein anderer Facebook-Nutzer antwortet: "Es wäre ja schon mal ein Anfang wenn alle in den Öffis den MNS korrekt tragen würden."

Auch wenn die Infektionszahlen in Görlitz selbst noch überschaubar sind - haben die Kontrolleure keine Angst? Eigentlich nicht, sagen beide. "Mit Angst würde diese Arbeit auch nicht gehen", sagt Bergmann. Acht Stunden sind sie täglich auf Kontrolle. In ihren Pausen am Demianiplatz gehen sie sich die Hände waschen, ansonsten: Fries holt ein Fläschchen mit Desinfektionsmittel aus der Tasche, "immer am Mann", sagt er. "Wir steigen öfter mal um zum Durchatmen", sagt Bergmann.

Warum zu solchen Hochzeiten nicht mehr Fahrzeuge eingesetzt werden? Das Problem bei den GVB: Für eine engere Taktung reichen die Fahrzeuge nicht aus, sagt Sprecher Andreas Kolley. "Wir versuchen gerade in diesen Zeiten, die Busse und Bahnen so sinnvoll wie möglich einzusetzen", so Kolley. "Aber wir sind an den Kapazitätsgrenzen."

Durchatmen am Südausgang. Hier geht es in die Straßenbahn und Richtung Königshufen. Eine ältere Dame steht auf sehr unsicheren Beinen am Ticketautomaten. "Ich übernehme das für Sie", sagt Bergmann und wirft die Münzen ein. Eine davon will der Automat ausgerechnet jetzt nicht nehmen. Bergmann tauscht sie gegen eine von seinen.

Es ist eine Geduldsprobe

Auch hier: Die meisten Fahrgäste tragen ihre Maske ordentlich. Zumindest, wenn die Kontrolleure mitfahren. Einige nicht. "Darf ich sie darauf aufmerksam machen, dass Ihre Maske runtergerutscht ist", fragt Bergmann einen Mann mit Dynamo Dresden-Maske unter der Nase. Das müsse so sein, antwortet er. Sonst könne er schlechter atmen.

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Tatsächlich komme es vor, dass Fahrgäste eine ärztliche Befreiung vom Maskentragen haben. Der Mann aber hat keine, schiebt letztlich doch die Maske rauf. "Dann beschlägt meine Brille", sagt ein älterer Herr. "Also, ich mache es so, dass die Brille auf der Maske sitzt", antwortet Bergmann gut gelaunt. "Na nicht gleich über die Augen", ruft er einer Frau zu, nachdem er sie gefragt hat: Darf ich Sie darauf aufmerksam machen, dass Ihre Maske versehentlich runtergerutscht ist?

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