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Japaner zieht in Corona-Zeit nach Herrnhut

Tamito Koinuma lebt seit einem halben Jahr in Großhennersdorf. Der Weltreisende ist extra hierher gekommen und sucht einen besonderen Schatz.

Tamito Koinuma ist ein ruhiger und überlegter Mann. In Großhennersdorf lebt er seit knapp einem halben Jahr.
Tamito Koinuma ist ein ruhiger und überlegter Mann. In Großhennersdorf lebt er seit knapp einem halben Jahr. © Matthias Weber/photoweber.de

Wenn Tamito Koinuma in einem Herrnhuter Supermarkt mit seinem Gastgeber Matthias Keyßner einkaufen ist, zieht er schon mal ein paar Blicke auf sich: Ein Japaner? Was macht der jetzt in Herrnhut - und wie geht das in Corona-Zeiten überhaupt? Die Antwort ist recht simpel: Koinuma ist über ein Austausch-Projekt nach Großhennersdorf gekommen. Er arbeitet auf dem Keyßner-Hof - dem alten Rittergut - hilft dort bei einfachen Bauarbeiten oder hackt auch gern einmal Holz. Dafür bekommt er Kost und Logis von Keyßner, der das Modell seit Jahren auf dem Hof mit Gästen aus vielerlei Ländern praktiziert. Der 42-jährige Asiate hat Keyßner über die Tauschplattform "HelpX" kennengelernt. "Er ist auch hier angemeldet, als erster Japaner in Großhennersdorf", erzählt Keyßner, der mit seinem Gast auf der Rückfahrt vom Herrnhuter Stadtamt gleich den Satz "Ich bin ein Großhennersdorfer" geübt hat.

Dabei wäre der Weg von Tamito Koinuma in die Oberlausitz beinahe am fehlenden Smartphone gescheitert: Als er am 18. Oktober vergangenen Jahres aus Rumänien in Nürnberg am Flughafen ankam, musste er sich einem Corona-Test unterziehen, der dann als Nachweis auf sein Handy geladen werden sollte. "Aber ich habe seit 2010 kein Mobiltelefon mehr", sagt der Mann mit den schwarzen Haaren und den dunklen, aufmerksamen Augen. Dass diese Erkenntnis am Flughafen für Furore sorgte, amüsiert ihn noch heute ein bisschen: "Was? Ein Japaner und kein Handy? - haben die Leute dann gesagt", erzählt er in fast akzentfreiem Deutsch und schmunzelt. Dass Tamito Koinuma generell kaum in gängige Klischees passt, konnte in Nürnberg ja keiner ahnen.

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Normales Leben in Millionenmetropole

Koinumas Leben hat sich vor 14 Jahren um 180 Grad gewendet: Als er 16 war, so erzählt er, habe er die Schule verlassen, weil er arbeiten wollte. Er wurde Metallbauer, schraubte auf Baustellen in luftiger Höhe die Metallteile aneinander. "Ich habe gut verdient, hatte dann auch Verantwortung im Job", erzählt er, während er auf dem noch winterlichen Keyßner-Grundstück steht. "Ich hatte eine eigene Wohnung, ein Handy und ein japanisches Auto", sagt der Mann, der von der südjapanischen Insel Okinawa stammt. Was er nicht hatte, war Zeit, um diese Dinge zu genießen. "Ich habe nur gearbeitet", erinnert er sich. Bis zu dem Tag, an dem er zusammenbrach und ins Krankenhaus eingeliefert wurde.

Dort hatte er plötzlich Zeit, über sein Leben nachzudenken und las das Buch "Der Alchemist" von Paulo Coelho, in dem ein junger Mann davon träumt, die Welt zu bereisen. "Das Buch hat mir den Weg gezeigt", sagt er. Denn die Welt hat Tamito Koinuma mittlerweile bereist. In den 14 Jahren auf Wanderschaft durchstreifte er erst Japan, dann Neuseeland und Australien. Inzwischen hat er auch auf den anderen großen Kontinenten - in Nord- und Südamerika, Afrika und Europa gelebt. Die Sprachen der Welt hat er sich so ganz nebenbei beigebracht: "Ich spreche Englisch, Französisch, Spanisch und seit etwa zwei Jahren auch ein bisschen Deutsch", sagt er bescheiden, obwohl er sich sehr gut in der so fremden Sprache ausdrücken, sogar Ironie einstreuen kann. Wie hat er das gelernt? "Ich habe viel gelesen und schaue auf einem Tablet Fernsehen", sagt er. Das Tablett hat ihm sein Freund in Kanada geschenkt - ohnehin ist fast alles, was er besitzt, einst ein Geschenk gewesen. Am liebsten schaut er übrigens Fußball - und da die Bundesliga.

Tatsächlich erfüllt Tami, wie ihn seine Freunde nennen, hier ein echtes Klischee: "Deutscher Fußball und ein kühles Bier - davon habe ich immer geträumt", erklärt er. Er ist Fan des VfB Stuttgart - wie passenderweise auch einer seiner neuen Bekannten in Großhennersdorf - und für Jürgen Klinsmann schwärmt er ohnehin seit Ewigkeiten. "Fußball ist für mich fast wie eine Religion", gesteht er. Auf ein Bier sich mit Menschen treffen - auch ohne Fußball - das würde er auch in Großhennersdorf gern tun. Aber Corona macht ihm derzeit einen Strich durch die Rechnung. "Ich habe noch eine Aufenthaltserlaubnis für das nächste halbe Jahr und hoffe, dass ich dann mit den Menschen hier vor Ort zusammentreffen und für sie in Projekten mitarbeiten kann", erklärt er.

"Seelenfamilien" überall auf der Welt

Was ihn interessiert, sind Lebensweisheiten und Erfahrungen der Menschen in den verschiedenen Orten der Erde. Seine Erlebnisse und die vielen Freunde - Seelenfamilien nennt er sie - sind sein Reichtum, sein Schatz, den er stetig vermehrt. Er tut dies über Bekanntschaften mit Menschen, bei denen er über viele Monate, manchmal Jahre lebt, Ziegen für sie hütet, beim Ökolandbau hilft oder eben beim Bau mit anpackt. "Ich habe gemerkt, dass ich nicht viel Geld brauche, um glücklich zu sein", sagt er. Und eine eigene Familie? "Wer weiß, vielleicht kommt das noch", sagt er und lächelt. Zu Mutter und Schwester hält er Kontakt, auch wenn sie sich selten sehen. "Das erste Mal war ich acht Jahre nach meiner Abreise wieder in Japan", erzählt er. Seine Schwester wollte damals heiraten - und da der Vater bereits verstorben war, führte der Weltenbummler-Bruder sie zum Traualtar. Selbstverständlich war das nicht: Er reiste dafür extra aus Frankreich an. "Meine Familie und Freunde wissen, dass Tamito nicht normal ist", erklärt er mit einem Augenzwinkern.

Den Platz, wo er einmal für immer bleiben will, den hat er noch nicht gefunden. "Aber ich habe viele Orte und Seelenfamilien, die ich noch einmal besuchen möchte", sagt er. Großhennersdorf wird also nicht seine letzte Station sein. Aber für die nächsten Monate auf alle Fälle seine Heimat. Neben weiteren Reiseplänen hegt er auch noch einen anderen Wunsch: "Ich will einmal ein Buch schreiben", sagt er. Ein Roman soll es werden.

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