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Der Aufstand der Kneipen

Gaststätten in Teplice boykottieren die neuerlichen Einschränkungen. Die Gäste machen mit. Die Politik zögert.

Das Bier fließt wieder im Restaurant und Brauerei Monopol in Teplice. Doch wie lange darf das so sein?
Das Bier fließt wieder im Restaurant und Brauerei Monopol in Teplice. Doch wie lange darf das so sein? © Matthias Rietschel

Für Gabriela Schönbauerová geht es jetzt um alles. Dafür hat die Eigentümerin der kleinen Brauerei Monopol in Teplice (Teplitz) gemeinsam mit anderen Restaurants den „Aufstand der Gaststätten“ initiiert. Seit Mittwoch widersetzen sie sich der staatlichen Anordnung, dass Gastbetriebe schon 20 Uhr schließen müssen.

Damit hatte die Regierung auf den neuerlichen Anstieg der Infektionszahlen reagiert. Erst Donnerstag vergangene Woche hatten Restaurants wieder unter Auflagen öffnen dürfen. Nach dem Risikobarometer des Gesundheitsministeriums hatte Tschechien fast zwei Wochen lang die dritte Stufe erreicht, die diese Lockerung möglich machte.

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An Tischen durften nur vier Personen sitzen und 22 Uhr war Schluss. Angesichts immer noch hoher Infektionszahlen, war dies ein großer Fortschritt, von dem die Restaurantbetreiber in Sachsen derzeit nur träumen können.

Polizei hält sich am ersten Tag zurück

Doch seitdem gehen die Zahlen wieder nach oben. „Der Anstieg begann ja schon vor der Wiederöffnung der Restaurants, kann also schlecht mit uns zusammenhängen“, fühlt sich Schönbauerová als Sündenbock. Die zwei Stunden am Abend, die ihr von der Regierung genommen wurden, seien die umsatzstärksten.

Dem Aufruf zum Boykott der früheren Schließzeit folgten in Teplice nicht nur fast 20 Betriebe, sondern auch zahlreiche Gäste. „Wir haben die Nationalflagge aufgehängt und natürlich alle Hygienevorschriften respektiert“, so Schönbauerová.

Die Polizei reagierte zwar am ersten Abend auf den angekündigten Boykott, blieb aber angesichts der Vielzahl der Betriebe machtlos. „Sie hatten sogar für uns Verständnis. Das sind ja teils Jungs, die selbst in die Gaststätte gehen.“

Bürgermeister hat Verständnis für die Kneiper

Verständnis zeigte auch der Oberbürgermeister von Teplice, Hynek Hanza. Der Politiker der konservativen ODS, die in Prag in der Opposition ist, wollte der Aktion zwar nicht als öffentlicher Funktionsträger zustimmen. „Als Mensch habe ich aber für Sie Verständnis. Die Einschränkung der Öffnungszeit macht keinen Sinn und beeinträchtigt ganz bedeutend ihre ohnehin schon bedrohten wirtschaftlichen Grundlagen“, schrieb Hanza auf seinem Profil bei Facebook.

Die Lage der Hotels und Gaststätten in Tschechien ist in der Tat dramatisch. Sie bekommen zwar Zuschüsse je Beschäftigte. Diese erlischen aber, wenn sich die Gaststätte für einen Außer-Haus-Verkauf entscheidet, was viele in den letzten Wochen genutzt hatten, um die Kundschaft zu halten.

„Außerdem werden die Zuschüsse nur mit großer Verzögerung ausgezahlt. Für die letzte Schließung im Oktober und November habe ich noch gar kein Geld gesehen“, sagt Gabriela Schönbauerová. Sie beschäftigt in Kleinbrauerei, Restaurant und Hotel insgesamt 40 Kräfte. „Und wir haben die Fixkosten, die uns keiner ersetzt. Energie, Versicherung, Kredite“, so Schönbauerová.

Bis zu 115.000 Euro Strafe

Dass es tschechischen Betrieben ja besser geht als deutschen, die gar nicht öffnen können, findet sie nicht. „Die deutschen Betriebe erhalten ja eine Kompensation für ihren Umsatzausfall.“ Genau darum geht es ihr auch bei ihrem jetzigen Kampf.

„Wir wurden bislang vergessen.“ Busspediteure erhalten eine Entschädigung je Sitzplatz. „Das würde bei uns auch funktionieren mit einer Entschädigung je Stuhl“, stellt sich Schönbauerová eine Lösung vor.

Doch die Polizei geht inzwischen konsequenter gegen die Boykotteure vor. „Am zweiten Abend kam gleich ein ganzes Kommando ausgestattet mit Schlagstöcken und Maschinengewehr“, wundert sich Schönbauerová, die ihre Gäste lieber vorher nach Hause geschickt hatte.

Die Regierung hat nämlich inzwischen einen neuen Bußgeldkatalog verabschiedet. So droht Betrieben, die die Öffnungszeiten missachten, eine Strafe von bis zu drei Millionen Kronen, was umgerechnet 115.000 Euro entspricht. Noch hat Schönbauerová keine Strafe bekommen. „Aber das wäre für uns das Aus“, weiß die Wirtin.

"Wir stehen mit dem Rücken zur Wand"

Ob sie keine Angst habe, dass die Regierung auf den Aufstand mit einer völligen Schließung reagiert? „Nein, im Gegenteil. Im Oktober haben wir die frühere Schließung so hingenommen und wurden Tage später eh geschlossen. Dann wehre ich mich lieber dagegen. Wir stehen mit dem Rücken zur Wand“, sagt Schönbauerová.

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Zur erneuten Schließung der Gaststätten wird es aufgrund der steigenden Infektionszahlen wahrscheinlich ohnehin bald kommen. Gesundheitsminister Blatný hat Entscheidungen für Montag angekündigt. Vielleicht hilft der Aufstand der Kneipen aber doch. Es gibt erste Signale, dass sich endlich auch um die Gaststätten gekümmert wird.

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