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Testpflicht für Grenzpendler: Firmen sind sauer

Oberlausitzer Betriebe wie ULT in Löbau beschäftigen tausende Polen und Tschechen. Ab morgen müssen sie diese auf Corona testen lassen. Und es könnte noch schlimmer kommen.

Die Firmenchefs Alexander und Stefan Jakschik (rechts) von ULT aus Kittlitz sind nur zwei von vielen Oberlausitzer Unternehmern, denen die Pflichttests für ihre ausländischen Mitarbeiter Sorgen bereiten.
Die Firmenchefs Alexander und Stefan Jakschik (rechts) von ULT aus Kittlitz sind nur zwei von vielen Oberlausitzer Unternehmern, denen die Pflichttests für ihre ausländischen Mitarbeiter Sorgen bereiten. © Matthias Weber (Archiv)

Von Miriam Schönbach, dpa

Die Deutlichkeit seiner Worte ist unüberhörbar: "Unsere polnischen Kollegen sind eine wichtige Stütze unserer Fertigung. Wir brauchen sie", sagt Geschäftsführer Alexander
Jakschik des Umwelttechnikunternehmens ULT AG in Löbau. Die firmeninterne "Corona-Task-Force" trifft sich derzeit fast täglich. Ihr jüngstes Thema - wie in vielen anderen Betrieben in der deutsch-polnisch-tschechischen Grenzregion: Wie wird ab 18. Januar die wöchentliche Testpflicht für Mitarbeiter aus den Nachbarländern
erfüllt? Denn laut sächsischer Corona-Quarantäne-Verordnung müssen
sich von diesem Datum an alle, die zum Arbeiten die Grenze
überqueren, einmal wöchentlich auf das Coronavirus testen lassen.
Pragmatismus ist gefragt, doch ohne Kritik bleiben die angeordneten
Schutzmaßnahmen nicht.

Die ULT beschäftigt von 130 Arbeitnehmern gut zehn aus Polen. "Wir haben Schnelltests bestellt und lassen unsere Ersthelfer in einer Löbauer Apotheke schulen. Wir werden noch einen Testtag festlegen", sagt Jakschik, der auf keinen Mitarbeiter verzichten kann. Die Auftragsbücher der Spezialisten für Luftfiltersysteme sind voll. Ihre Neuentwicklung eines Raumlufteinigers zum Infektionsschutz haben sie Ende 2020 auf den Markt gebracht. Aufträge kommen etwa aus Schulen, von Einzelhändlern, Arztpraxen und Unternehmen.

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Die Praxis der Extra-Testung bezeichnet Jakschik als "befremdlich". "Ich finde es nicht richtig, dass Grenzpendler - zumal die Inzidenzwerte in Polen derzeit niedriger als bei uns sind - benachteiligt werden. Was ist das für ein europäisches Verständnis?" Zudem kämen Mehrausgaben auf die Unternehmen zu: Ein Schnelltest kostet zwischen 25 und 35 Euro. Das Kabinett in Dresden hatte sich am Donnerstag darauf verständigt, dass sich Sachsen an den Kosten mit zehn Euro pro Test beteiligen wird.

Im von Löbau 30 Kilometer entfernten Kodersdorf muss sich Sägewerksleiter Thomas Kienz von HS Timber ebenfalls eine passende Test-Lösung für wöchentlich 100 bis 200 Mitarbeiter im Schichtbetrieb überlegen. "Wir haben eigene Tests erworben und einen privaten Dienstleister engagiert. Wir buchen den Testtermin für unsere Mitarbeiter, jeweils Montag und Donnerstag", sagt er.

Auch eine andere Variante wäre möglich: Vor den Toren des Kodersdorfer Gewerbegebiets, wo mehrere Unternehmen Grenzpendler beschäftigen, eröffnete am Freitag ein privates Testcenter der Firma Covimedical aus Dillenburg (Hessen). Auch private Grenzgänger können dieses Angebot an der Autobahn 4 nutzen.

Landkreis Bautzen unterstützt Firmen

Das Landratsamt Bautzen unterstützt derzeit ebenfalls private Anbieter, die im grenznahen Raum im Landkreis Schnelltest-Angebote schaffen wollen. Bis die Testzentren des Landes betriebsbereit sind, füllt das Gesundheitsamt die Lücke. Ab 18. Januar sind jeweils montags von 13 bis 16 Uhr als Unterstützung für Unternehmen Schnelltests für ausländische Arbeitnehmer aus dem Landkreis möglich. In Görlitz bieten mehrere Apotheken die Schnelltests an.

Der Schienenfahrzeughersteller Bombardier mit Standorten in Görlitz und Bautzen setzt auf selbst organisierte Schnelltests für eine Gruppe von 50 Personen. "Zum hohen logistischen Aufwand, der mit der Organisation dieses Testregimes einhergeht, fallen monatlich Kosten im mittleren vierstelligen Bereich an. Auch für verschiedene Partnerunternehmen, die für uns Logistik- und andere Dienstleistungen erbringen, ergeben sich aus der aktuellen Situation entsprechende Herausforderungen", erklärt Sprecher Jörn Bischof.

Das DHL-Center in Ottendorf bei Dresden beschäftigt ebenfalls zwischen 150 und 160 Mitarbeiter aus Tschechien und Polen. "Wir stellen Grenzpendlern die Corona-Tests vor Ort zur Verfügung oder schicken sie ihnen zu, so dass jeder dieser Mitarbeiter einmal die Woche getestet wird", sagt Sachsens DHL-Sprecher Mattias Persson. Das Unternehmen habe seit Beginn der Pandemie eine große Anzahl von Vorsichtsmaßnahmen getroffen, unter anderem mit Testungen durch Betriebsärzte. "Wir mussten noch keine einzige Betriebsstätte schließen."

Nach Schätzungen der Industrie- und Handelskammer (IHK) pendeln von Polen und Tschechien rund 19 000 Beschäftigte nach Sachsen, allerdings sind davon viele aus der Hotel- und Gastronomiebranche, die sich bereits im Lockdown befindet, sowie aus dem Gesundheits- und Pflegewesen. Für sie organisieren meist und schon seit längerer Zeit
die Arbeitgeber die Tests. Nach Schätzungen der Kammer dürfte die für Tests relevante Größenordnung bei gut 10 000 Personen aus Unternehmen allein im IHK-Bezirk Dresden liegen.

Zittauer IHK sieht Unmut der Firmen

Aus Sicht des Zittauer IHK-Chefs sorgt die Testpflicht für tschechische und polnische Mitarbeiter in sächsischen Unternehmen für Unmut. "Ausländische Mitarbeiter sind eine große Stütze für viele Unternehmen in der Region", sagt Matthias Schwarzbach. Viele Jahre seien der selbstverständliche Austausch von Arbeitskräften in der Euroregion als Standortvorteil befördert worden. "Nun werfen Bürokratie und Mehraufwand für die Wirtschaft schwere Schatten auf die Errungenschaft eines vereintes Europas im Dreiländereck."

Zumal die wöchentliche Testpflicht schon bald wieder kippen könnte. Aufgrund der hohen Infektionszahlen in Tschechien wird laut IHK diskutiert, das Nachbarland als Hochrisikogebiet einzustufen. Damit wäre ein Grenzübertritt für tschechische Pendler laut einer neuen Verordnung des Bundes nur noch mit einem negativen Corona-Test, der
nicht älter als 48 Stunden sein darf, möglich. Die Kammern fordern die Politik zu Klarheit und möglichst vereinfachten Verfahren auf.

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