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Tom Pauls findet Lockdown für Kultur überzogen

Mit deutlichen Worten kritisiert der Kabarettist Tom Pauls die erneute Schließung von Kultureinrichtungen. Auch andere Künstler sind entsetzt.

Ungewohnt ernst: Tom Pauls.
Ungewohnt ernst: Tom Pauls. © Daniel Förster

Pirna. So ernst und ergriffen hat man Tom Pauls selten erlebt: Mit einer tiefen Verbeugung verneigt er sich, im schwarzen Frack, noch einmal vor seinem Publikum - ein letztes Mal - und hebt die Hände:  "Dass ich das jetzt wieder erleben muss, das ist sehr, sehr bitter." Schon zum zweiten Mal in diesem Jahr steht das privat betriebene Tom-Pauls-Theater in Pirna vor der Komplett-Schließung, wegen des Corona-Lockdowns.

Tom Pauls wirkt diesmal sichtlich verärgert: "Wir haben alle Auflagen bis jetzt erfüllt", sagt er am Mittwochabend nach der Vorstellung, und es gebe auch in keinem Theater Deutschlands einen nachgewiesenen Fall von Gruppeninfektion. "Es ist eine völlig überzogene Maßnahme", sagt der Schauspieler und Kabarettist. Das Video dazu hat sein Theater auf Facebook veröffentlicht.

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In seiner kurzen Ansprache wird Pauls auch grundsätzlich: "Wir, die wir für die Unterhaltung da sind, für das Nachdenken, für den Humor und vielleicht auch für einen Spiegel der Gesellschaft, uns nimmt man die Lebensgrundlage. Das ist sehr bezeichnend." Wenn nun Politiker wie Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) von einer "Solidargemeinschaft" sprächen, dann müsse er sagen: "Im Kapitalismus habe ich das noch nie erlebt."

Nach der Komplett-Schließung beim ersten Corona-Lockdown im Frühjahr durfte das Tom-Pauls-Theater ab Anfang Juni wieder öffnen. Wegen der Abstandsregeln waren zunächst nur 90 Zuschauer erlaubt, ab Ende August wurden die Regeln gelockert, sodass 130 Zuschauer zugelassen wurden. Das Hygienekonzept sah vor, dass die Besucher im gesamten Haus Mund-Nasen-Schutz tragen, auch beim Einlass und dem Gang zur Toilette. Auf den Plätzen im Zuschauerraum durften die Masken abgenommen werden. Ein Ein-Wege-System sollte zudem engere Kontakte und Begegnungen reduzieren.

Trotz der erneuten Schließung der Theater im November kündigt Pauls an: "Uns wird es weiterhin geben, wir werden auch weiter Karten verkaufen, auch für Januar, Februar, März und so weiter."

"Wir sind fassungslos"

Auch andere Stimmen aus dem Kultur- und Veranstaltungsbereich werden jetzt deutlich lauter und kritischer. Das Verständnis für die Politik schwindet merklich. Der Dresdner Konzertveranstalter Rodney Aust sagt: „Unsere Branche hat gezeigt, dass sie in der Lage ist, Veranstaltungen auch unter den gegebenen Umständen durchzuführen, ohne eine Ansteckungswelle auszulösen. All diese Konzepte und Bemühungen sind von der Politik ignoriert worden. Schade!“

Jazzschlagzeug-Legende Günter Baby Sommer ist ebenfalls entsetzt. „Es ist verantwortungslos von den politischen Entscheidern, mit diesen rigiden Maßnahmen eine ganze Branche arbeitslos zu machen“, sagte er der SZ. Der Hinweis, Künstler könnten ja Hartz-IV beantragen, sei zynisch und greife die Kreativen in ihrer Würde an. „Man sollte sich lieber etwas einfallen lassen, wie man die Ideen dieser Leute aufgreifen und sie anständig unterstützen kann.“

Manuel Schmidt, Sänger der Band Stern-Combo Meißen, ringt um Fassung: „Es zerreißt mir das Herz, wenn jetzt sogar meine Patentochter mir vier Euro von ihrem Taschengeld spendet, weil sie denkt, dass mir nur Hartz-IV bleibt.“

Joachim Klement, der Intendant des Staatsschauspiels Dresden, äußert sich besorgt, „dass die unverzichtbaren kulturellen Orte der Gesellschaft durch eine Schließung Schaden nehmen“. Angesichts der aktuellen Corona-Zahlen werde die Maßnahme „selbstverständlich mitgetragen“. Er hoffe jedoch, dass der Schaden „gesamtgesellschaftlich getragen wird“.

Ebenfalls auf Kritik stößt die Regelung, Künstlern 75 Prozent des Umsatzes vom November 2019 als Entschädigung auszuzahlen. Der Komiker Helge Schneider postete dazu auf Facebook eine mit Schreibmaschine getippte Nachricht an Finanzminister Olaf Scholz (SPD): "Hallo Olaf, bei der Unterstützung für Künstler ist Dir ein Fehler unterlaufen: Ich habe im November 2019 gar kein Geld verdient, also kann man dafür ja auch keine 75 % ausrechnen. Bitte mache das anders. Zum Beispiel nehme den JAHRESMONATSDURCHSCHNITT. Danke!"

Schon am Mittwoch hatte der bekannte Jazzmusiker Till Brönner, der auch an der Dresdner Musikhochschule lehrt, die Politik zu nachhaltiger Hilfe für die Veranstaltungs- und Kulturbranche aufgerufen. „Das Land steht kulturell still und die beweglichsten und ehrlichsten tretet ihr mit den Füßen, wenn ihr nicht handelt“, sagte der Trompeter in einem Videoaufruf. In Show und Kultur seien mit 1,5 Millionen mehr Menschen beschäftigt als bei den Autobauern, die Branche erwirtschafte jedes Jahr rund 130 Milliarden Euro.

Brönner sprach von einem „unwirklichen Schauspiel“ angesichts der Zwangspause für viele Künstler. „Wenn ein gesamter Berufszweig per Gesetz gezwungen wird, seine Arbeit zum Schutze der Allgemeinheit ruhen zu lassen, dann muss doch die Allgemeinheit dafür sorgen, dass die Menschen nach Corona noch da sind“, sagte e. „Das ist kein Luxusproblem, das ist ein Kernproblem.“ Man könne nicht Konzernen Milliarden „in den Vorgarten werfen“ und Kulturleute mit Hartz IV abspeisen.

In einem offenen Brief hatten sich auch Comedy- und Musikstars wie Carolin Kebekus, Luke Mockridge, die Band Die Ärzte, Peter Maffay zu Wort gemeldet. Auch sie forderten ein Hilfsprogramm. Ihre Forderung beziehe sich „ganz explizit nicht auf uns wenige Topverdiener der Branche, sondern auf die vielen finanziell angeschlagenen privatwirtschaftlichen Kulturstätten, denen die Schließung droht oder die bereits schließen mussten“, schreiben „die freischaffenden Humorist*innen und Musiker*innen“. Ihr Brief richtet sich unter anderem an Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) und Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD).

Wie es nächste Woche in Sachsens Museen weitergeht, will das Kulturministerium am Freitag nach der Kabinettssitzung bekannt geben. Die Absprachen mit den Museen laufen, teilte ein Sprecher auf SZ-Anfrage mit.

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