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Ärzte-Streit über Corona-Kurs in Tschechien

Mediziner wenden sich mit einer Petition gegen die Maßnahmen der Prager Regierung. Epidemiologen platzt der Kragen. Die Infiziertenzahl steigt rapide.

Menschen protestieren in Prag gegen die verschärften Corona-Beschränkungen der Regierung für Restaurants und Bars. In Tschechien trat am Montag erneut der Notstand in Kraft.
Menschen protestieren in Prag gegen die verschärften Corona-Beschränkungen der Regierung für Restaurants und Bars. In Tschechien trat am Montag erneut der Notstand in Kraft. © Petr David Josek/AP/dpa

Von unserem Korrespondenten Hans-Jörg Schmidt in Prag

Hynek Bartoš, Jiří Sagan und Aleš Chrdle kannte bislang namentlich kaum jemand in Tschechien. Sie sind die Chefärzte der Infektionsabteilungen der Krankenhäuser in Ústi nad Labem (Aussig), Ostrava (Mährisch-Ostrau) und České Budějovice (Budweis). Sie kämpfen in vorderster Front jeden Tag neu gegen das Corona-Virus. Aber nicht nur dagegen. Jetzt kämpfen sie auch - mit Worten - gegen Verschwörungstheorien und Leichtsinn, der durch den Fall Donald Trump neue Nahrung erhält. Ihr Ärger richtet sich vor allem gegen andere, in Tschechien teilweise sehr renommierte Ärzte, die aber in artfremden Fachbereichen arbeiten, als Kardiologe beispielsweise, Onkologe, Psychiater oder auch als Zahnarzt.

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Die werden wegen ihres besonderen Ansehens gern zu Interviews geladen, um ihre Meinung zum derzeit alles beherrschenden Thema zu sagen. Vergangene Woche wandten sie sich in einer Petition gegen den aus ihrer Sicht zu scharfen Kurs der Prager Regierung in der Krise. Viele Maßnahmen seien völlig überzogen. Nach ihrer Überzeugung verschrecke die Regierung die Bevölkerung nur. „Eine viel größere gefährliche Bedrohung der Gesundheit der Menschen als durch Corona sehen wir in den drastischen Maßnahmen der Regierung“, schrieben sie.

Gegen Maskenpflicht in Schulen

„Die Maskenpflicht in Schulen“, so die Nicht-Epidemiologen, „steht im völligen Widerspruch zum gesunden Menschenverstand. Kinder gehören nicht zur bedrohten Gruppe der Bevölkerung. Ebenso unsinnig ist die Schließung von Schulen wegen des Auftretens von Corona. Es greift die Kinder nicht an, stärkt im Gegenteil ihr Immunsystem.“ Wie sie generell auch einer „Durchseuchung“ der Bevölkerung das Wort reden und obligatorische Impfungen gegen das Virus ablehnen - für die es noch gar keinen Impfstoff gibt.

Gesundheitsminister Roman Prymula reagierte entsetzt: „Ich bin sehr beunruhigt über die absolut unverantwortliche Vorgehensweise der Unterzeichner der Petition. Keiner von denen versteht etwas von Epidemiologie und überraschenderweise auch nichts von grundlegenden Fakten“, schrieb der Minister auf Twitter. Und weiter: „Wenn wir nichts tun, werden uns im nächsten Monat täglich 200 Menschen sterben - im günstigen Fall. Das kann niemand von Ihnen wollen. Ähnlichen Unsinn schreiben Sie über Impfungen, die selbstverständlich nicht verpflichtend sein werden.“ Die Ärzte sollten sich wenigstens jetzt zurückhalten, „wo sich jeder Laie mit einem Rechner ausrechnen kann, wo wir landen können“.

Auch den eingangs genannten drei Ärzten aus der ersten Reihe der Corona-Bekämpfung platzte der Kragen. In einem offenen Brief, aus dem am Mittwoch die Zeitung Mladá fronta Dnes zitierte, appellieren sie an die Nicht-Epidemiologen, „zu schweigen, oder vor medialen Auftritten zu einer Schicht zu uns in eine Covid-Abteilung zu kommen. Wir würden Ihre Hilfe begrüßen.“

Infiziertenzahl erreicht neuen EU-Rekord

Sie kämpften dort um das Leben von Menschen, die ohne Corona-Infektion noch 10 oder 20 Jahre hoher Lebensqualität vor sich hätten. „Die Patienten sind lediglich übergewichtig oder haben hohen Blutdruck oder leichten Diabetes. Wir versuchen alles zu tun, damit sie nicht am Beatmungsgerät landen. Die Hälfte derer, die darauf angewiesen ist, hat kaum Chancen zu überleben. Ja, junge und gesunde Menschen überwinden Corona normalerweise problemlos. Es gibt aber viele Menschen in unserer Bevölkerung, für die das Virus tödlich sein kann, darunter viele von Ihnen und Ihren Lieben.“

Schließlich wenden sich die drei Epidemiologen in ihrem offenen Brief direkt an die tschechische Bevölkerung: „Im Frühjahr haben wir von Ihnen Beifall gehört. Wir danken dafür. Jetzt aber erwarten und erbitten wir uns von ihnen sehr viel mehr: Wenn wir diesen Krieg gegen Corona gewinnen wollen, dann brauchen wir die Hilfe von Ihnen allen.“

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Indessen schlittert das Land immer tiefer in die Corona-Krise. Am Dienstag wurden 4.457 Menschen positiv auf Covid-19 getestet. Damit wurde der bisherige Rekord vom vergangene Freitag um fast 700 überschritten. In den Krankenhäusern werden knapp vier Prozent der Infizierten behandelt. Aber die Zahl steigt schnell. Noch schneller wächst die der Erkrankten mit schwerem Verlauf. Tschechien hat derzeit über 14 Tage mit 327 Fällen pro 100.000 Einwohner innerhalb der EU die vergleichsweise höchste Zahl an Infizierten.

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