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„Alarmierender“ Corona-Rückfall in Prag

Tschechien verzeichnet derzeit die höchsten Infektionszahlen seit Beginn der Pandemie. Nun wird die Maskenpflicht landesweit ausgeweitet.

Angesichts steigender Zahlen hat Prag die Maskenpflicht ausgeweitet. Ab Donnerstag soll diese dann landesweit gelten.
Angesichts steigender Zahlen hat Prag die Maskenpflicht ausgeweitet. Ab Donnerstag soll diese dann landesweit gelten. © Vítimánek/CTK/dpa

Von unserem Korrespondenten Hans-Jörg Schmidt in Prag

Tschechiens Hauptstadt Prag erleidet einen heftigen Covid-19-Rückfall. Am Dienstag wurden in der Moldaumetropole 221 Menschen als Corona-positiv registriert. In ganz Tschechien sind 1.164 neue Fälle hinzugekommen. Ein trauriger Rekord: Noch nie war diese Zahl seit Beginn der Pandemie über die Grenze von 1.000 gestiegen. Die Chefin der Prager Hygienebehörde, Zdeňka Jágrová, nennt in den Mittwoch-Zeitungen die Lage in der Hauptstadt „alarmierend“ und folgt damit der Prager Außenstelle der Weltgesundheitsorganisation WHO, die die Situation als „besorgniserregend“ bezeichnet.

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Die Zahlen überschreiten auch deutlich die aus den unmittelbaren Nachbarländern. Sie nähren die Befürchtungen, dass Deutschland Tschechien in ein Risikoland einstufen könnte. Man hofft, dass Sachsen zu der Verabredung der beiden Regierungschefs Andrej Babiš und Michael Kretschmer steht, die gemeinsame Grenze nicht noch einmal zu schließen. Österreich will Tschechien derzeit nicht als Risikoland einstufen, heißt es am Mittwoch in Wien. Man beobachte aber die Entwicklung genau.

Die Regierung in Prag reagiert. Allerdings ebenso sprunghaft wie zuletzt, als an einem Tag Maßnahmen ausgeschlossen wurden, um sie am Tag darauf hektisch einzuführen. Dem Kabinett von Premier Babiš ist nach Meinung der Opposition „die Souveränität abhanden gekommen, die sie bei der ersten Welle von Corona bewiesen“ hatte. Man habe damals „richtigerweise sehr schnell gehandelt, als erstes Land in Europa beispielsweise die Maskenpflicht eingeführt“. 

Aber man habe auch „leichtsinnig früh die Zügel schleifen“ lassen. Viele Tschechen hätten das Virus nicht mehr ernst genommen, hätten wie eh und je Urlaub in Kroatien gemacht, obwohl das ein Risikogebiet gewesen sei. Das räche sich jetzt womöglich. Damit Tschechien seinen Nimbus als einstiges Vorzeigeland in Sachen Corona-Bewältigung nicht verliert, herrschen seit Mittwoch wieder andere Zeiten: Zunächst zog man im größten „Risikozentrum“ Prag die Zügel neu an: Einkäufe aller Art oder Besuche bei der Post gehen nur noch mit „Schleier“, wie die Tschechen ihre Masken nennen. Die Maskenpflicht wurde von der Metro auf die U-Bahnstationen selbst, alle Bahnhofsgebäude und auf den Flughafen ausgeweitet. 

Clubs müssen schließen

„Ein Viertel der täglichen Infektionszahlen geht auf Ausländer zurück“, begründet die Prager Hygiene-Chefin Jágrová, letztere Vorschrift. Jágrová bestätigt auch, dass junge Deutsche sich Prag auserkoren hatten, um - daheim verboten - wieder richtig „Party“ machen zu können. Drei Deutsche hätten sich in Prager Clubs angesteckt. Eine Folge unter anderem davon: sämtliche Restaurants und Nachtklubs müssen ab sofort von Mitternacht bis 6 Uhr morgens schließen.

Nach massiver Forderung aus der kritischer werdenden tschechischen Presse kommt am Mittwoch Vormittag eine neue, massive Maßnahme: Das Gesundheitsministerium weitet die Prager Maskenpflicht für alle Innenräume auf das gesamte Land aus. Sie soll schon ab Donnerstag gelten. Ohne Neuauflage der „Schleier“ geht demnach vorerst nichts mehr in Tschechien.

Diese Betriebsamkeit steht im Gegensatz zu Äußerungen von Premier Babiš vom Vortag. Der hatte auf Kritik der WHO ungewöhnlich scharf geantwortet: „Die WHO, die (im Frühjahr) Masken ablehnte und nicht einmal von einer Pandemie sprach, sollte meiner Meinung nach die Klappe halten“, schrieb er erbost auf Twitter.

Hintergrund des Streits sind offenkundige Befürchtungen, dass die Möglichkeiten zur Rückverfolgung der Kontakte Infizierter schon bald ausgereizt sein könnten. Die wachsende Zahl der positiv Auffälligen, so verteidigt sich Prag, hänge mit der gesteigerten Zahl der Tests zusammen. Hygieneexperten warnten schon vor ein paar Tagen, dass man die Kontakte der Infizierten nicht mehr vollumfänglich nachvollziehen werden könne.

Wahlen in drei Wochen

Das tschechische Gesundheitsministerium will „effektiver“ werden, nur noch Kontakte von positiv Infizierten nachverfolgen, die tatsächlich auch Anzeichen einer Corona-Erkrankung zeigen. Ärzte in Tschechien sagen, „80 Prozent der positiv Getesteten haben keine oder nur minimale Krankheitszeichen“. Man sei in der Lage, alle schweren Verläufe zu beherrschen.

Kommentatoren machen jedoch geltend, dass Tschechien mit dem günstigen Verlauf der Erkrankungen bislang auch nur Glück gehabt haben könnte. Das könne sich im Herbst und Winter ändern, sollte das Virus neuerlich an Kraft gewinnen.

Kritische Kommentare kommen der Regierung nicht nur aus gesundheitspolitischer Sicht denkbar ungelegen. In etwa drei Wochen finden in Tschechien Regionalwahlen und Teilwahlen zum Senat statt. Es sind die ersten Wahlen seit Ausbruch von Corona. Die Umfragen bislang sahen namentlich für die von Premier Babiš geführte liberale Bewegung ANO hervorragend aus. Und mit Versprechen wie einem 5-tausend Kronen (200 Euro) hohen „Weihnachtsgeld“ für alle Rentner soll die wichtigste Wählerschicht bei der Stange gehalten werden. Doch die Rentner sind eben auch die Schicht mit dem höchsten Risiko. Vor allem jetzt, wenn die Infizierten-Zahlen wieder hochschnellen.

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Update, 20:02 Uhr: Wegen der steigenden Zahlen von positiven Corona-Tests in Prag hat Deutschland die tschechische Hauptstadt am Mittwoch zum Risikogebiet erklärt. Reisende aus Prag - auch Rückkehrer von einer Prag-Reise - müssen in Deutschland einen maximal 48 Stunden alten negativen Test vorweisen. Ohne Test werden eine Quarantäne und ein Test in Deutschland erforderlich. Von einer Schließung der Grenze ist nicht die Rede.

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