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Sachsen strömen zum Einkaufen nach Tschechien

Manche Orte in Tschechien wirkten im Lockdown wie ausgestorben. Jetzt ist der Ansturm groß - und mancher Preis viel höher als vorher. Ein Besuch in Petrovice.

Petrovice lebt vom Konsum der Deutschen. Mehr als ein halbes Jahr lang war der wegen Corona quasi tot.
Petrovice lebt vom Konsum der Deutschen. Mehr als ein halbes Jahr lang war der wegen Corona quasi tot. © J. Loesel, loesel-photographie.d

Petrovice. Der "Ausflug für die ganze Familie" ins tschechische Shoppingparadies beginnt in einem Flachbau ohne Schmuck und ohne Schnörkel. "Alkohol, Zigaretten, Limonade", versprechen grelle Lettern auf dem ersten Laden hinter der Grenze. Jetzt strahlen Neonleuchten die Regalreihen des Ladens wieder an. Mehr als ein halbes Jahr lang war das Licht wegen Corona erloschen, die Reise nach Tschechien nur noch in Ausnahmen und mit Auflagen erlaubt, der Konsum der Deutschen quasi tot.

Am Pfingstwochenende öffnete das Zigarettenparadies seine Pforten, bald erlaubt Tschechien wieder alles. Am Wochenende nach der Öffnung beginnt der „Ausflug für die ganze Familie“ für viele schon am Vormittag. Aus Dippoldiswalde und Kamenz, Dresden, Chemnitz und Zeitz rollen Autos an. Frauen mit Aldi-Tüten verhandeln über Preise, Männer in „Camp David“-Shirts laden die Pflanzen in den SUV. Masken sind in Läden und Restaurants Pflicht, beim Friseur nimmt man es etwas lockerer als in Deutschland - ein spontaner Test vor Ort genügt.

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Zigaretten sind der gemeinsame Nenner

Sandra und ihre Mutter haben den Großeinkauf schon hinter sich. Die 40-Jährige haut die Tür ihres kirschroten Fiat mehrfach auf den Kofferraum. Vergeblich. Er ist zu voll. Aus Thüringen sind Sandra und ihre Mutter am Vorabend gekommen. Zwölf Packungen Kaffe, Käse, Butter, Brötchen und Joghurt haben sie gekauft, Fuchsien und eine Flasche Schnaps - „die Heimfahrt ist ja lang“, scherzt Sandra. „Ist alles so ruhig und entspannt hier, die Menschen sind entspannter als in Deutschland.“ Sandra schiebt den Knödelteig noch tiefer in ihr Auto. Am Ende rollt der schwer beladene Fiat los.

Sandra und ihre Mutter sind aus dem thüringischen Nordhausen nach Petrovice gekommen, um einkaufen zu gehen.
Sandra und ihre Mutter sind aus dem thüringischen Nordhausen nach Petrovice gekommen, um einkaufen zu gehen. © J. Loesel, loesel-photographie.d

Acht Stangen Zigaretten und eine Ladung Duftspray lädt ein Mann mit gebräunter Papyrushaut ins Auto. „Zuhause kosten Duftsprays fast vier, hier nur zwei Euro fünfzig“, sagt er. Die Zigaretten erwähnt er nicht, dabei zeigen die Einkaufswagen schon immer, dass vor allem sie der gemeinsame Nenner der Petrovice-Touristen sind. Mehr als 70 Euro kostet eine Stange Gauloises mit zehn Packungen in Deutschland. In Tschechien waren es vor dem Lockdown gut 30 weniger.

Wo all die Ware stand, während sie niemand kaufen konnte? Nach dem Lockdown sind die Auslagen prall gefüllt. Gartenzwerginnen räkeln ihre nackten Brüste in die Luft, leblose Kampfhunde hocken neben Labradoren, ein lächelnder Plastik-Penis mit gebundener Fliege verrät Ungeahntes über menschliche Vorlieben. Meist betreiben einstige Einwanderer aus Vietnam die Läden, die nach polizeilichen Erkenntnissen manchmal auch nur bunte Fassade vor einer Crystal-Meth-Verkaufsfiliale sind.

Die Figuren der Läden verraten oft Ungeahntes über die Vorlieben von Menschen.
Die Figuren der Läden verraten oft Ungeahntes über die Vorlieben von Menschen. © J. Loesel, loesel-photographie.d

Eine Frau mit schwarzen Haaren und Baseballkappe preist Polyesterkleider und Yakuza-Jogginganzüge an, Autos mit deutschen Kennzeichen rauschen kettenweise vorbei. Mal flankiert eine Tankstelle, mal ein Restaurant und mal vergilbter Putz die langgezogene Kurve, das Zentrum des Ortes, um das sich alles reiht. Das Highlight ist ein früheres Flugzeug, dessen ausklappbare Treppen in das „Air Restaurant“ führen.

Nicht mal 900 Menschen leben nach der jüngsten Erhebung in dem Dorf unweit der Sächsischen Schweiz. Wie so viele Gemeinden hinter der Grenze ist Petrovice ohne Besucher entkernt, Shoppingtourismus definiert ihr Dasein. Werbetafeln versprechen die besten Medikamente, die schönsten Nägel, die heißesten Nächte. Der Überbietungswettbewerb hat den Lockdown überlebt.

Figuren, Blumen und Kleidung sind neben Konsumgütern die meist angebotenen Waren in Petrovice.
Figuren, Blumen und Kleidung sind neben Konsumgütern die meist angebotenen Waren in Petrovice. © J. Loesel, loesel-photographie.d

Danilo hat schon die schönsten Haare und die köstlichsten Zigaretten. Der Einkauf des 55-Jährigen ist fast vollbracht, als ein Verkäufer Räucherlendchen und Eselswurst über die Theke seines Wurststands reicht. Eine scharfe ungarische Wurst preist er an. „Ne Scharfe? Hab’sch daheeme“, ulkt Danilo. Gewürze, Bier, Schnaps und Zigaretten hat der Dresdner gekauft, sich seine Haare schneiden lassen. „So, wie man’s normalerweise alle 14 Tage gemacht hat. Bei manchem ist die Qualität auch einfach besser. Für das Geld würdest du’s in Deutschland nicht bekommen“, sagt er.

Danilos letzter Einkauf für den Tag: Räucherlendchen und Eselswurst: "So, wie man’s normalerweise alle 14 Tage gemacht hat.".
Danilos letzter Einkauf für den Tag: Räucherlendchen und Eselswurst: "So, wie man’s normalerweise alle 14 Tage gemacht hat.". © J. Loesel, loesel-photographie.d

Danilo greift ein Glas mit eierschalfarbenem Inhalt aus seinem Kofferraum und schüttelt ihn. „Tatarsoße ist och sowas, das kriegste daheeme ni.“ Sein bronzefarbener Dacia mit Mini-„Dynamo“-Aufkleber biegt in die Tankstelle ein und sucht sich einen Zapfhahn. Danilo lässt das Fenster runter: „Habt ihr aufgeschrieben, dass der Sprit hier auch viel billiger ist?“

Zeitweise war der Ansturm von Tanktouristen nach der Öffnung so groß, dass Tankstellen der Super-Kraftstoff ausgegangen ist.

Auch Shirts mit Neonazi-Motiven gehören zum Sortiment

Auch in Petrovice stürmen am Mittag größere Menschenmengen die Läden, Salons und Apotheken. Sonne spiegelt sich in nackten Plastikkörpern ohne Kopf. Die Tuniken, die sie mal vorgeführt haben, sind rar geworden.

Der Parkplatz des beliebten Restaurants Jelena ist voll, Grüppchen warten vor dem Biergarten. Büsche, Steine und ein Plastikfrosch umzingeln den Kunstteich in der Mitte, Stimmengewirr und das Geklapper von Besteck erfüllen die Luft. „Musst du Maske“, mahnt ein Kellner Maskenlose auf dem Weg zum Klo und bietet ihnen welche an. Sieben Monate lang hatte das Restaurant geschlossen. Einen Anstieg der Infektionen will man auf keinen Fall riskieren.

„Jetzt wieder gut“, erzählt ein Kellner mit Armen voller Bier. Die Zeit davor war hart. Bauchige Krusovice-Gläser rahmen die Teller, auf denen sich Schnitzel, Kartoffelbällchen und Gulasch tummeln. Vielleicht auch vor lauter Rückkehr-Freude haben die Menschen weit mehr bestellt, als ihre Bäuche fassen können. Palatschinken mit Schokolade, Eis und Beeren schwebt über die Tische, auf vielen Tellern bleiben Reste liegen.

Tankstellen in Tschechien mit ihren vergleichsweise günstigen Preisen sind so beliebt, dass am ersten Wochenende nach der Wiedereröffnung eine leergetankt worden ist
Tankstellen in Tschechien mit ihren vergleichsweise günstigen Preisen sind so beliebt, dass am ersten Wochenende nach der Wiedereröffnung eine leergetankt worden ist © Jürgen Lösel

Nach dem Mittagessen verlagert sich die Menschenmenge in die „Travel Free Shops“. Autos drehen Pirouetten umeinander, um Parkplätze zu finden. „Zigaretti?“, fragt der Betreiber eines Ein-Mann-Shops mit hoffnungsfroher Miene. Sein Nachbar hat sich auf T-Shirts spezialisiert. „Champion“ prangt auf vermeintlicher Markenware. Ein Emblem der Neonazi-Band „Landser“ samt Wehrmachtsoldat und Hitler-Adler auf dem Nachbar-T-Shirt. Putin auf einem anderen.

Im Inneren des größten Shops vertont das Kassenpiepen den rasanten Puls der Grenz-Einkaufslandschaft. Werbetafeln für Dosenbier, Becherovka oder Bombay Saphire Gin übertrumpfen einander, Mitarbeiterinnen zerren Einkaufswagen voller Zigaretten-Nachschub durch den Laden. Rote, blaue, silber- und goldglänzende Packungen fliegen aus den Regalen, als fegte ein Sturm hindurch. Im Radio laufen alte Hits, „Halo“ von Beyoncé, „Wonderful Life“ von Hurts. „Never give up“, appelliert der Sänger. Ans Aufgeben denkt in Petrovice niemand. Der Shopping-Großkampf hat gerade erst begonnen. Voll sind die Läden an Wochenenden schon immer gewesen. Nach Corona mischt sich eine Art nachsintflutartige Entdeckungs-Neugier mit dem Bedürfnis nach Billigpreisen.

Im Minutentakt beugen sich sehsüchtige Raucherinnen und Raucher zu den indirekt beleuchteten Packungen ihrer Lieblingsmarken. „Boah, die kosten jetzt aber och 45 Euro, hey“, sagt ein Tunnelohrring-Träger. Mal acht, mal sogar zehn Euro mehr kostet eine Stange im Vergleich zum Prä-Lockdown-Kurs. Tschechien hat die Steuern angezogen.

In den größeren Shops zerren die Verkäuferinnen minutenweise Zigarettennachschub zu den Regalen.
In den größeren Shops zerren die Verkäuferinnen minutenweise Zigarettennachschub zu den Regalen. © J. Loesel, loesel-photographie.d

„Sparste aber immer noch“, beruhigt eine Blondine ihren Begleiter. „Interessiert uns jetzt nicht mehr“, frotzelt eine andere Einkäuferin im Vorbeigehen und raunt ihren Begleiter an: „Komm jetzt!“ Das Paar hat während des Lockdowns aufgehört, zu rauchen. Nach 20 Jahren mit Zigaretten.

Die Theke mit Fleisch- und Wurstsalat ist am frühen Nachmittag halb ausverkauft, von den belegten Brötchen sind nur Restbestände übrig. Viele Regale erinnern an die Klopapier-Hysterie zu Beginn des ersten Lockdowns: Sie sind leer. Konserven, Kinder Bueno und Paprikasalat, Erbsen, Gurken, Trockenpapaya und Bananenchips sind mit dem Shoppingtornado davon gefegt. Ein Paar im Seniorenalter räumt klimpernde Gewürzgläser aus dem Regal, selbst die gar nicht mal so günstigen Cashewkerne für 5,79 Euro sind fast ausverkauft.

750 Euro Strafe für Zigarettenkauf über der Grenze

Die Angestellten dieses Shops, einer der drei großen, haben während der Lockdown-Zeit 60 Prozent ihres Gehalts bekommen, erzählt eine Verkäuferin um die 60 mit dunkelblonden Haaren und blauem Lidschatten, die Zigaretten sortiert. „Ich habe viel geschlafen. Jetzt ist schon wieder alles normal.“

Ein Paar aus Nünchritz bei Meißen rollt acht Stangen Zigaretten über den Parkplatz. Vier sind pro Person erlaubt. „Wir kommen hauptsächlich wegen der Zigaretten“, sagt der Mann schulterzuckend und lächelt. „Besonders fröhlich oder emotional ist man nicht, weil die Grenze wieder offen ist.“ Gern hätte er aufgehört während des Lockdowns. „Aber ich hab es leider nicht geschafft.“

Acht Stangen nimmt ein Paar aus Nünchritz mit. Alle für den Mann, der eigentlich im Lockdown aufhören wollte.
Acht Stangen nimmt ein Paar aus Nünchritz mit. Alle für den Mann, der eigentlich im Lockdown aufhören wollte. © Jürgen Lösel

Marie hat ihre Zigarettenbestände direkt am ersten Wochenende nach der Öffnung aufgefüllt. Nur eine Viertelstunde wohnt die 23-Jährige von Petrovice entfernt. An diesem Wochenende packt die Lackierer-Auszubildende an der Kasse Energydrinks, Jim Beam mit Apfel und Popcorn ein. „Ich hol noch eine Freundin ab, wir fahren zur Berufsschule in Zittau.“

Die Verlockung, die gewohnte Nähe auszunutzen, war auch während des Lockdowns groß. „Man war dazu geneigt“, sagt sie und lädt ihre Eroberungen in den helltürkisen Fiat. „Die Phase dazwischen war belastend, wirklich. Es ist halt einfach teurer, Zigaretten kosten fast das Doppelte.“ Ein Kumpel von Marie hat es riskiert. Er musste 750 Euro Strafe zahlen. „Wieder rüber zu dürfen, war ganz komisch. Ich hatte das nur vom Hörensagen, dass es wieder geht. Hatte schon bissel Bauchschmerzen dabei.“

Marie wohnt nur eine Viertelstunde von Petrovice entfernt. Über die Grenze hat sie sich während des Lockdowns trotz verlockender Nähe nicht getraut. Ein Kumpel von ihr musste dafür 750 Euro Strafe zahlen.
Marie wohnt nur eine Viertelstunde von Petrovice entfernt. Über die Grenze hat sie sich während des Lockdowns trotz verlockender Nähe nicht getraut. Ein Kumpel von ihr musste dafür 750 Euro Strafe zahlen. © Jürgen Lösel

Eine vietnamesische Ladenbetreiberin patrouilliert vor ihrer Ware, den Kleidern, Schuhen und Rucksäcken, beobachtet abwechselnd Kundinnen und den gegenüberliegenden Garten. Wie es ihr wohl ging, in sieben Monaten ohne ein Einkommen? Gespräche auf Deutsch oder Englisch sind schwierig, ob das Gegenüber die Fragen verstanden hat, wird selten klar. Nur die Hauptstraße und ein grüner Maschendrahtzaun trennen die Frau von den drei Kindern im Garten.

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Immer höher fliegen sie auf ihren Schaukeln durch die Luft, asynchron, das Gerüst quietscht. „Jaaaa“, jubeln die Kinder und kichern. Die Ladenbesitzerin ruft ihnen etwas auf Vietnamesisch zu. Ein Laden mit Blick auf Kinder, Schaukeln und Werbetafeln. So sieht er aus, der Alltag der wenigen, die nicht nur zu Besuch nach Petrovice kommen.

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