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Tschechien: „Maßnahmen funktionieren nicht mehr“

Die Corona-Lage in Tschechien spitzt sich weiter zu. Mutationen werden häufiger entdeckt. Prags Gesundheitsminister macht die Situation schwer zu schaffen.

Eine Kolone mit Krankenwagen fährt eine Straße entlang. Um Krankenhäuser zu entlasten, wurden Patienten mit mäßigem Krankheitsverlauf per Krankenwagen nach Prag, Pilsen und Mittelböhmen gebracht.
Eine Kolone mit Krankenwagen fährt eine Straße entlang. Um Krankenhäuser zu entlasten, wurden Patienten mit mäßigem Krankheitsverlauf per Krankenwagen nach Prag, Pilsen und Mittelböhmen gebracht. © Slavomír Kubeš/CTK/dpa

Prag. Jan Blatný, Tschechiens Gesundheitsminister, ist Kinderarzt, kein geübter Politiker. Anders als beispielsweise Premier Andrej Babiš hat er keinen ausgefuchsten PR-Chef, der ihn ständig berät. Blatný (50), sagt, was er denkt. Geradeheraus, ohne jede Umschweife. Damit produziert er freilich mehr Schlagzeilen, als er selbst möchte.

Manche seiner nicht vorher abgesprochenen Aussagen verstören wegen ihrer Direktheit. Seine jüngste wirkte wie der Offenbarungseid der gesamten Pandemiezeit schlechthin: „Die Maßnahmen, die wir getroffen haben, funktionieren nicht mehr.“

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Der hagere Mann mit einer dunkel umrandeten Brille, dessen Gesicht die Leute wegen der allgegenwärtigen Maske noch nie komplett gesehen haben, sagte das auf einer außerordentlichen Pressekonferenz, auf der er übermüdet und der Verzweiflung nahe wirkte. Sichtlich überfordert von der derzeitigen Situation, die ihm offenkundig auch persönlich schwer zu schaffen macht.

Ob er am liebsten selbst das Handtuch werfen würde, wissen vermutlich nur seine engsten Mitarbeiter. In einigen Zeitungen ist aber schon von seinem bevorstehenden Ende im Amt die Rede. Gut möglich, dass sich Blatný auch selbst wieder aus dem hektischen Prag ins vergleichsweise ruhige heimatliche Brno (Brünn) zurücksehnt, wo er neben seiner Praxis auch noch als einer der Stellvertreter die dortige Universitätsklinik leitet. Dort hatte er freilich auch schon mit Corona Erfahrung gesammelt: Seine Uni-Klinik stand auch schon am Rande des Kollapses.

Dennoch begleitete Präsident Miloš Zeman Ende Oktober vergangenen Jahres die Ernennung des Minister mit den Worten: „Sie kommen aus einem Park in den Dschungel. Ich bewundere und schätze Ihren Mut.“

Jan Blatny, Gesundheitsminister von Tschechien.
Jan Blatny, Gesundheitsminister von Tschechien. © CTK

Dass der neue Minister nicht gleich die Regeln verschärfte, fanden die meisten Tschechen bemerkenswert gut. Sein Vorgänger, Roman Prymula, der gerade mal einen reichlichen Monat Minister war, bis er über eine Verletzung der von ihm selbst aufgestellten Regeln gestolpert war, hatte zu Beginn mit vergleichsweise eisernem Besen gekehrt.

Blatný sprach auf seiner ersten Pressekonferenz anders und für die Tschechen völlig ungewohnt, über "Angst und Respekt": „Angst lähmt und - noch schlimmer - entfernt uns voneinander. Dabei meine ich nicht nur die Angst vor dem Coronavirus. Da ist auch unsere Existenzangst, die Angst vor der Zukunft und die Angst um unsere Kinder. All das ist gleich wichtig. Aber wenn wir unsere Angst in Respekt umwandeln, kann uns das stärker machen.“

Er versprach eine bessere Kommunikation mit den Menschen - und ist am Ende trotzdem vor allem an den Menschen gescheitert. Wie eine tibetanische Gebetsmühle appellierte er an die Tschechen, freiwillig ihre Kontakte einzuschränken und die Restriktionen zu befolgen. Aber er sah auch, dass die Leute mittlerweile so frustriert waren, dass sie den gut gemeinten Worten nicht mehr folgen wollten.

Bei den Impfungen in Tschechien hakt es

Auf der Pressekonferenz mit dem Offenbarungseid nahm er sich noch einmal zusammen, versuchte noch einmal einen Appell: „Wir müssen durchhalten! Ich weiß, wie lange uns diese Krankheit nun schon quält.“ Und dann fügte er das hinzu, was Tschechien in der derzeitigen Lage offenkundig nur noch bleibt: „Wir besiegen das Virus nicht anders als durch die Impfungen und dadurch, dass wir die Regeln einhalten.“

Ob er damit noch viele erreicht hat, ist zu hoffen, aber kaum zu glauben. Bei den Impfungen hakt es - wie in ganz Europa. Und die Regeln? Immer wieder halten ausgerechnet bekannte Politiker diese Regeln nicht ein und werden dabei ertappt. Was stets ein gefundenes Fressen für die Boulevardzeitungen ist, lähmt zunehmend die Bereitschaft der „normalen“ Tschechen, sich unterzuordnen. Die machen längst „ihr Ding“, scheren sich nicht mehr um die Anweisungen „von oben“. Und das, wo sich die Fälle von deutlich infektiöseren Virus-Mutationen häufen. Die sind für den Minister ein Hauptgrund für die „schlechte Lage“.

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So bemüht der Minister auch ist, er ist aus der Sicht vieler Menschen auch etwas dickköpfig und zu patriotisch. Bei einem Besuch im Klinikum von Cheb (Eger) an der Grenze zu Deutschland weigerte er sich erneut, Hilfsangebote aus Sachsen und Bayern zur Behandlung von Corona-Patienten anzunehmen. An Stelle dessen wurden nun erstmals Patienten mit einer Krankenwagen-Kolonne Hunderte Kilometer weit in weniger betroffene Landesteile gebracht. In Cheb und Sokolov (Falkenau) hatten sich an einem Tag 40 neue Patienten gemeldet. Weshalb die nicht in nahe deutsche Kliniken gebracht wurden - Nationalstolz hin oder her - versteht niemand. Zumal sich umgekehrt auch Tschechien angeboten hatte, den deutschen Nachbarn in der Not zu helfen.

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