merken
PLUS Deutschland & Welt

Corona in Tschechien: Zwischen Hoffen und Bangen

Tschechien kam bestens durch die erste Welle. Jetzt hat sich die Entwicklung umgekehrt. „Die nächsten drei Wochen werden kompliziert“, sagt ein Minister.

Eine Frau mit Mund-Nasen-Schutz wartet in Prag auf die Straßenbahn.
Eine Frau mit Mund-Nasen-Schutz wartet in Prag auf die Straßenbahn. © Vítimánek/CTK/dpa

Von unserem Korrespondenten Hans-Jörg Schmidt in Prag

Prag. Roman Prymula blickt ernst in die Kamera. Seine Miene wie auch die tiefschwarze Mund-Nasenmaske passen zur Lage im Land. Die ist schlecht. Tschechiens Gesundheitsminister hält seine erste Fernsehansprache, zur besten Sendezeit. Sein Rednerpult ist in der Aula seines Ministeriums aufgebaut. Hinter Prymula steht auf zwei Treppenstufen zusätzliche geballte Kompetenz, die Direktoren der tschechischen Universitätskliniken. Das Bild soll Vertrauen schaffen. Neues Vertrauen, nachdem so viel altes verspielt wurde.

Autohaus Dresden
Eines der besten Autohäuser in Deutschland
Eines der besten Autohäuser in Deutschland

Dresden braucht starke und innovative Unternehmen, wie das Autohaus Dresden. Der Opelhändler ist seit über 25 Jahren tief mit der Region verwurzelt.

Der 56-jährige Epidemiologe Prymula weiß um die Stimmung im Land. Er äußert unumwunden Verständnis für die „Frustration in der Gesellschaft“. Und er bittet um Entschuldigung: „Ich bin auch nur ein Mensch“ sagt er. Der Minister macht sich selbst zum Vorwurf, im Sommer nicht ausreichend auf eine intensivere Vorbereitung des Landes auf eine zweite Corona-Welle gedrängt zu haben. Dann bittet er um Verständnis für die neuen verschärften Regelungen, die die Regierung am Vorabend abgenommen hat. Deren oberstes Ziel sei es, einen zweiten Lockdown zu verhindern. „Das schaffen wir nur gemeinsam“ ersucht er die Bürger um Mithilfe. „Die nächsten drei Wochen werden kompliziert und nicht lustig.“

Touristen meiden Corona-Hotspot Tschechien

Während der Minister spricht, ist in vielen Kneipen gerade die vorerst letzte Messe vor der neuerlichen Schließung gesungen worden. Die Wirtshäuser waren in den vergangenen Wochen schlecht besucht. Es fehlten die Touristen, die den Corona-Hotspot Tschechien meiden.

Am Dienstag hockten mehr von den tschechischen Stammgästen in den Etablissements. Angelockt von der Aussicht, die halben Liter vor dem Kneipen-Lockdown womöglich zum halben Preis zu bekommen. Wie etwa in der Bierstube Na Květnici im Prager Stadtteil Nusle. Die Großzügigkeit des Wirts hatte etwas von Galgenhumor. „Den Verlust am letzten Abend vor der Schließung bis zum 3. November kann ich verschmerzen“, sagte er. Ob das auch für die mehrwöchige Sperrzeit gilt, vermochte er nicht abzuschätzen. Immerhin mussten die Kneipen im Frühjahr schon einmal schließen und sind finanziell kaum abgefedert worden. Darum konnte sich der Wirt auch nicht richtig freuen, als die Gäste versprachen, sich - wie einst der brave Soldat Schwejk und sein Kumpel Woditschka - „nach dem Krieg um 6“ erneut bei ihm treffen zu wollen. Nicht ohne hinzuzufügen, dass es die Habsburger Herrscher in grauer Vorzeit nie gewagt hätten, ihren gern etwas renitenten böhmischen Untertanen die Kneipen zu schließen.

Außenstehende werden dieses typische tschechische Kneipengeschwätz und die Bierkultur des Landes nie wirklich verstehen. „Natürlich können wir uns unser Bier auch im Supermarkt kaufen“, hieß es erklärend aus der Runde in Nusle. „Aber es geht uns ja hier in der Gemeinschaft nicht nur ums Bier. Die Kneipe ist unser Internet. Hier bereden wir alles vom Kopf bis zum Schwanz. Und das zivilisierter als bei Facebook. Wer hier einen anderen beleidigt, bekommt keinen Daumen nach oben, sondern eins auf die Nase.“ Dass die Regierung neuerlich die „Prohibition“ verordnet habe, wie sie die Regelung bewusst übertrieben nennen, hat aus ihrer Sicht keinen Daumen nach oben verdient.

Die Begründung des Gesundheitsministers dafür ist in der Tat auch ein Schwachpunkt in dessen Rede: „Die Soziologen haben uns richtigerweise gesagt, dass es ein sehr negatives Signal aussenden würde, wenn wir die Schulen, nicht aber die Restaurants schließen. Es könne der Eindruck entstehen, dass uns an der Bildung nicht so gelegen ist.“ Jeder hätte verstanden, wenn der Minister die üblen Partyzonen zur Begründung der Kneipenschließung herangezogen hätte. Jener Zonen, die sich zuletzt vor den Bierschenken nach deren offizieller Schließung um 20 Uhr gebildet hatten, und in denen es noch Stunden danach hoch her ging, durften die Wirte doch aus einem Fensterchen weiter Alkohol verkaufen. Aber Beschimpfung der Leute scheut der Minister angesichts der staatlichen Versäumnisse selbst da, wo sie angebracht wäre.

Restaurants leiden unter den Regeln

Seit Mittwoch reichen zahlreiche Gaststätten Speisen aus, die übers Internet oder telefonisch bestellt und von den Leuten dann abgeholt werden. Doch das rechnete sich schon im Frühjahr nicht. Die Restaurants könnten das jetzt bis 20 Uhr tun. Aber die meisten schließen spätestens um 17 Uhr, weil die Bestellungen fast ausnahmslos das Mittagessen betreffen.

Am längsten hatte die Regierung um die vorübergehenden Änderungen im Schulwesen debattiert. Jetzt haben auch die Erstklässler und anderen Unterstufenkinder 14 Tage Fernunterricht per Internet. Die Schulen gehören zu den großen Hotspots, man fürchtet, dass infizierte Kinder ihre Eltern oder Großeltern anstecken. 

Blick in die geschlossenen Sporthalle einer Prager Schule.
Blick in die geschlossenen Sporthalle einer Prager Schule. © Dana Kesnerova/XinHua/dpa

Zwar ist die Internetversorgung in Tschechien weit besser als in Deutschland. Aber was hilft einem Lehrer bestes Internet, wenn am anderen Ende der Leitung ein Dreikäsehoch sitzt, der gerade dabei ist, das ABC zu lernen? „Abenteuerlich“ finden das viele Schulleiter. Zudem fallen massiv Eltern aus dem Arbeitsprozess raus, weil sie ihre Kinder zu Hause nicht ohne Aufsicht lassen können. Immerhin ist dafür gesorgt, dass Kinder von Mitarbeitern des Gesundheitswesens, namentlich von Krankenschwestern, weiter direkt in Schulen unterrichtet werden.

Eine unumgängliche Maßnahme, weil massenhaft Schwestern und Ärzte derzeit selbst erkrankt sind und so schon bei der qualifizierten Betreuung der täglich wachsenden Zahl von Corona-Patienten fehlen. Schon jetzt arbeiten manche Kliniken am personellen Limit. Vor allem außerhalb von Prag rufen die Krankenhäuser um Hilfe.

Im am schwersten von Corona betroffenen Bezirk Zlín an der Grenze zur Slowakei, wo es aktuell über einen Zeitraum von 14 Tagen mehr als 600 Neuinfizierte pro 100.000 Einwohner gibt, tauschen jetzt die Krankenhäuser täglich je nach Bedarf speziell geschulte Ärzte und Schwestern aus. Um bei der Zahl 600 zu bleiben: In Deutschland schlägt man derzeit schon bei 50 Neuinfizierten Alarm. Das zeigt, wie dramatisch die Lage in Tschechien ist.

Leichter als das Personalproblem scheint das der Betten lösbar zu sein. Prymula kündigt an, deren Zahl massiv auf bis zu 10.000 erhöhen zu wollen. Alle Kliniken haben sämtliche nicht unbedingt jetzt erforderlichen Operationen, die Betten binden, zeitlich verschoben.

Abmachungen auch mit sächsischen Kliniken

Sollten alle Stränge reißen, so meldet das Prager Fernsehen, würden womöglich tschechische Patienten auch von deutschen Kliniken übernommen werden. Eine entsprechende Abmachung soll es mit Sachsen und Bayern schon während der ersten Welle gegeben haben. Damals sei von womöglich einem Dutzend Patienten die Rede gewesen. Außenminister Tomáš Petříček kündigt erneute Verhandlungen mit den deutschen Nachbarn an. Ein Problem sei laut dem Fernsehbericht, dass die tschechischen Krankenversicherungen die eventuellen Behandlungen in Deutschland nur zu einem Teil bezahlen könnten. Da müssten die Tschechen nachbessern, weil kein tschechischer Patient in der Lage wäre, eine Behandlung in Deutschland auch nur teilweise selbst zu finanzieren. Aber das ist alles noch nicht spruchreif und am Ende vielleicht auch gar nicht erforderlich, hofft man in Prag.

Wo man auch weiß, dass man genau unter Beobachtung innerhalb der EU steht. Tschechien kam im Frühjahr am besten durch die erste Welle, auch wegen des Maskenzwangs. Jetzt hat sich alles ins Gegenteil verkehrt. Das könnte so ähnlich auch andere europäische Länder treffen. Deshalb das spezielle Interesse von außerhalb.

Gesundheitsminister Prymula steht mit seinen Plan zur Aufhaltung der Pandemie in Tschechien auch aus einem anderen Grund unter Druck. Unfreiwillig. Präsident Miloš Zeman hatte noch vor der Ernennung des früheren Militärarztes zum Minister dessen Auszeichnung zum Gründungstag der Republik am 28. Oktober beschlossen. Prymula hatte in der ersten Welle eine maßgebliche Rolle im nationalen Corona-Krisenrat gespielt. Sollten die R-Zahl, der zufolge momentan jeder Infizierte 1,5 andere Menschen ansteckt, bis zu besagtem Termin nicht deutlich gefallen sein, wie Prymula als Ziel gesetzt hat, dann müssten nicht nur noch schärfere Maßnahmen ergriffen werden. Dann wäre auch seine Auszeichnung makaber.

Sie würde aber zu den traurigen Auftritten passen, die der Präsident wie auch Regierungschef Andrej Babiš seit einiger Zeit abliefern. Zeman beispielsweise bürstete Forderungen von Solo-Künstlern nach ein bisschen mehr staatlicher Unterstützung mit der flapsigen Bemerkung ab, „Künstler sind noch immer besonders erfolgreich gewesen, wenn sie Hunger gelitten haben“.

Andrej Babiš, Ministerpräsident von Tschechien
Andrej Babiš, Ministerpräsident von Tschechien © Roman Vondrous/CTK/dpa

Und Babiš? Dem Premier, der sich im Frühjahr selbst den „größten Corona-Bekämpfer“ nannte, scheint jener Kampf zunehmend lästig zu werden. Auf der Pressekonferenz zu den neuen Maßnahmen erwiderte er auf wiederholte Fragen einer Journalistin, dass er sich keinerlei Versäumnis vorwerfen lassen müsse. Ja, mehr als 1.000 Tote seinen schlimm. „Aber es sterben nicht nur Menschen im Zusammenhang mit Corona, sondern viel mehr auch an anderen Krankheiten.“ Dafür ereilten ihn böse Kommentare in Zeitungen und sozialen Medien, wie er sie noch nie erlebt hat.

Die große Frage jetzt ist, ob die Tschechen angesichts dieser Gemengelage noch einmal mitziehen mit ihrer Regierung. Viele sind des Themas müde. Manche protestieren gegen die immer neuen Regeln damit, dass sie sie bewusst missachten. Bei ihnen hängen die Masken absichtsvoll unterm Kinn. Deshalb und wegen der täglich neuen Horrorzahlen werden andererseits die Risikogruppen immer ängstlicher. Das spaltet die Gesellschaft. Die Solidarität der ersten Welle gibt es nicht mehr.

Weiterführende Artikel

Tschechien und Slowakei im Corona-Krisenmodus

Tschechien und Slowakei im Corona-Krisenmodus

In Tschechien verschärft sich die Corona-Krise. Auch immer mehr medizinisches Personal ist infiziert. Das Nachbarland Slowakei will nun fast alle testen.

Teile Polens sind jetzt Risikogebiet

Teile Polens sind jetzt Risikogebiet

Das Land war bisher der einzige Nachbar Deutschlands ohne Corona-Risikogebiet. Damit ist es nun vorbei. Die RKI-Warnliste wird immer länger.

Wegen Corona: Tschechien macht die Kneipen zu

Wegen Corona: Tschechien macht die Kneipen zu

Seit Montag gelten schärfere Corona-Maßnahmen, doch nicht wenige Tschechen pfeifen darauf. Die Regierung hat nun weitere Regeln beschlossen.

Tschechien verschärft die Corona-Auflagen

Tschechien verschärft die Corona-Auflagen

Ein neuer Lockdown könnte bereits in einer Woche im Nachbarland kommen.

Als wäre das nicht genug, spielt auch noch das Wetter verrückt. Anhaltend starker Regen hat die Flüsse gefährlich über die Ufer treten lassen. Jetzt müssen viele der eh schon gepeinigten Tschechen auch wieder mit Sandsäcken und Pumpen ihr bisschen Hab und Gut retten. Ein Radio-Moderator brachte es auf den Punkt: „Gott ist derzeit nicht mit uns. Petrus leider auch nicht.“

Mehr zum Thema Deutschland & Welt