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Tschechien zahlt den Preis für großzügige Festtage

Die Infektionszahlen in Sachsens Nachbarland steigen deutlich an, Krematorien sind am Limit - manche auch darüber hinaus.

Eine Kundin geht durch einen Prager Supermarkt, in dem Regale mit nicht notwendigen Waren abgedeckt sind. Tschechien befindet sich im Lockdown, die Zahlen steigen dennoch weiter.
Eine Kundin geht durch einen Prager Supermarkt, in dem Regale mit nicht notwendigen Waren abgedeckt sind. Tschechien befindet sich im Lockdown, die Zahlen steigen dennoch weiter. © Kateøina Šulová/CTK/dpa

Von unserem Korrespondenten Hans-Jörg Schmidt in Prag

Weihnachten wollten die Tschechen so normal wie möglich verleben können. Obwohl sich das Land mitten in einem Lockdown befand, gab die Regierung der öffentlichen Meinung nach. Bis Heiligabend waren alle Geschäfte für Einkäufe geöffnet. Erst am 27. Dezember wurden die Bedingungen im Kampf gegen das Corona-Virus erneut verschärft. Jetzt , mit dem üblichen zeitlichen Abstand, werden die Folgen der Festtage sichtbar.

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Am Dienstag meldete das Gesundheitsministerium in Prag 12.860 Corona-Neuinfektionen innerhalb von 24 Stunden. Ein Spitzenwert seit Beginn der zweiten Welle im September. Seit dem Auftauchen der Pandemie gab es in dem Land mit rund 10,7 Millionen Einwohnern 759.635 bestätigte Infektionen und 12.257 Todesfälle. Die Krankenhäuser sind nahezu voll, die Zahl der ernsten Krankheitsverläufe nimmt zu.

Wie schon im September kommen die Krematorien abermals an die Grenze ihrer Möglichkeiten. In der drittgrößten Stadt des Landes, Ostrava (Mährisch-Ostrau), kann man derzeit nicht alle Toten eines Tages verbrennen. Das Krematorium dort ist das einzige im Mährisch-Schlesischen Kreis, der zu den von Corona am schlimmsten betroffenen Kreisen zählt. Der Chef der Verwaltungsregion, Ivo Vondrák, sagte der Zeitung Právo, die Angelegenheit müsse vom landesweiten Krisenstab gelöst werden. „Wir brauchen eine Lösung, denn das Krematorium ist nicht in der Lage, alle Toten einzuäschern.“ Dieser Hilferuf ist besonders bemerkenswert, weil im katholisch geprägten Mähren Feuerbestattungen eher seltener nachgefragt werden. Nur in vergleichsweise eher atheistischen Gegenden Tschechiens sind sie die Regel.

Vondrák nutzte die Gelegenheit des Interviews, seinem Ärger über die Leichtfertigkeit vieler seiner Landsleute Luft zu machen. „Die Leute nehmen die derzeitige Lage noch immer nicht ernst. Wir sehen das auch in den Reaktionen auf unsere Auftritte in den sozialen Netzwerken. Viele Menschen begreifen einfach nicht, welch einer großen Gefahr wir gegenüberstehen.“

Kritik an der EU

Die Politik schiebt den Schwarzen Peter in der Corona-Debatte derweil auf ein anderes Gleis. Sie beklagt den angeblich zu langsamen Impfstart. In Tschechien sind bislang etwa 15.000 Menschen immunisiert worden. Regierungschef Andrej Babiš machte dafür in einem Interview am Dienstag die EU verantwortlich. Sie habe die Sache „verschlafen“. „Ich habe schon am 10. Dezember im Europarat gefragt, weshalb wir in der EU noch nicht impfen, wo Großbritannien doch schon am 8. Dezember damit begonnen hat. Zur Antwort bekam ich, dass es noch keine Zulassung in der EU für einen Impfstoff gebe.“

Andrej Babiš lies sich schon am 27. Dezember impfen.
Andrej Babiš lies sich schon am 27. Dezember impfen. © Ondøej Deml/CTK/dpa

Dass Tschechien zu diesem Zeitpunkt überhaupt nicht vorbereitet gewesen wäre, mit Impfungen zu beginnen, erwähnte der Regierungschef in dem Interview nicht. Diese Form der Argumentation war selbst der zum Mischkonzern des Premiers und Milliardärs Babiš gehörenden Zeitung Lidové noviny zu schräg.

Die lobte in einem Kommentar ausdrücklich die gemeinsame Vorgehensweise der EU und namentlich Deutschlands: „Kein Jahr nach dem Auftreten von Covid-19 ist es ein Wunder, dass wir überhaupt schon impfen können. Wir profitieren davon, dass andere Regierungen Milliarden Dollar dafür eingesetzt haben. Deutschland hätte auch für sich allein handeln und sich mehr Impfstoff besorgen können.“ In Tschechien gehöre es leider zum guten Ton, Angela Merkel alles Mögliche vorzuwerfen. Aber wenn Tschechien in Europa etwas gelungen ist, dann immer dank deutscher Unterstützung. „Nur wenigen bei uns scheint klar zu sein, welches Glück wir haben, dass der mächtigste Staat des Kontinents den kleineren beisteht. Hätte Deutschland nur an sich gedacht und nicht im Namen der EU gehandelt, blieben uns nur Reste des Impfstoffs - und die auch noch für teureres Geld.“

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