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Tschechien beendet seinen Lockdown

Geschäfte und Kneipen in Sachsens Nachbarland öffnen wieder - mit Bedacht. Nur auf den Straßen mangelt es an Vorsicht.

Der harte Lockdown in Tschechien ist erstmal vorbei - die Hygieneregeln bleiben aber bestehen.
Der harte Lockdown in Tschechien ist erstmal vorbei - die Hygieneregeln bleiben aber bestehen. © Michal Kamaryt/CTK/dpa

Von Hans-Jörg Schmidt, SZ-Korrespondent in Prag

In der Nacht zum Donnerstag tummeln sich über Prag und anderen Landesteilen Tschechiens die ersten Flocken des Winters und überzuckern die Gegend mit ihrem Weiß. Die Polizei meldet zahlreiche Unfälle. Meist fuhren die Autos noch mit Sommerreifen. „Seien Sie bitte nicht so leichtsinnig wie auf der Straße, wenn es um die Rückkehr zum normalen Leben geht“, mahnt ein Radiomoderator am Ende der langen Verkehrsmeldungen.

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„Rückkehr zum normalen Leben“ - das meint das Ende des Corona-Lockdowns, das auch auf diesen Donnerstag fällt. Das Land öffnet sich wieder, konkret sperren die Geschäfte, Restaurants, Museen, Hotels und andere Dienstleistungseinrichtungen nach sechs Wochen wieder auf. Zumeist gemächlich.

Mit dem Übergang auf die dritte von insgesamt fünf Corona-Warnstufen der Regierung endete auch die nächtliche Ausgangssperre. Begründet wurden die Lockerungen mit den sinkenden Neuinfektionszahlen. Am Donnerstag meldeten die Behörden 4563 Fälle innerhalb von 24 Stunden - ein Drittel so viel wie am gleichen Tag vor einem Monat.

Seit Beginn der Pandemie waren in Tschechien mit seinen 10,7 Millionen Einwohnern 8.515 Corona-Todesfälle zu beklagen. Zeitweise hatte das Land eine der höchsten Infektionsraten in Europa. Zuletzt gab es nach Angaben der EU-Gesundheitsagentur ECDC binnen 14 Tagen statistisch 551,2 Neuinfektionen je 100.000 Einwohner, das sind mehr als in Deutschland (302,9), aber weniger als in Österreich(796,2).

Seufzer der Erleichterung

Als die vielen Läden zweier meiner Prager Wohnung nahegelegenen Einkaufszentren um 9 Uhr öffnen, ist von Andrang trotz der Vorweihnachtszeit keine Spur. Nur vor einem Spielzeugladen bildet sich eine kleine Schlange. Drinnen dürfen prinzipiell nur so viele Kunden sein, dass jeder für sich etwa 15 Quadratmeter Platz hat. „Heute ist ein normaler Arbeitstag, da rechnen wir erst nachmittags und abends mit mehr Menschen“, heißt es auch aus anderen Teilen des Landes, wo das Fernsehen Live-Reporter stationiert hat.

Folgt man deren Berichten, dann bekommt man den Eindruck, dass im Lockdown vor allem die Tschechinnen gelitten haben, weil sie den regelmäßigen Gang zum Friseur oder zum Nagelstudio entbehren mussten. Immer wieder hört man von denen - unter der weiter obligatorischen Maske - Seufzer der Erleichterung.

Hotels rüsten sich für Skiläufer

Die Hotels namentlich in den Skigebieten sind gut vorbereitet auf die Neuöffnung. Doch richtig Geschäft ist noch nicht zu machen. „Die Masse der Leute kommt erst in der letzten Woche vor Weihnachten und über die Festtage“, sagt ein Hotelier im Adlergebirge. Es könnten noch mehr werden, wenn klar ist, dass die Pisten und Loipen auch genutzt werden können. Doch zumindest bis zum 20. Dezember, an dem der Notstand endet, dürfen Skilifte in Tschechien nicht benutzt werden. Doch das wird sehr wahrscheinlich auch danach gelten, will doch die Regierung den Notstand vom Parlament zeitlich ausweiten lassen.

Die Restaurants leben im Dezember wesentlich von abendlichen Weihnachtsfeiern größerer Arbeitskollektive. Das fällt den Betreibern jetzt schwer: sie dürfen nur halb so viele Gäste bewirten, als sonst unterkommen würden. Da bleibt dann den Restaurants meist doch nur das normale Tagesgeschäft, mit maximal vier Gästen an einem Tisch. Dabei waren es gerade die Wirte gewesen, die richtig in ihre Häuser investiert hatten, um sie fit zu machen gegen Corona.

Große Freude bei den Museen

Nahezu eitel Freude herrscht dagegen bei den Museen und deren Besuchern. Die Prager Nationalgalerie öffnete kurz vor dem Lockdown am Altstädter Ring eine Rembrandt-Ausstellung, die gewaltiges Interesse auslöste - bis sie geschlossen werden musste. Hätte der Lockdown über den 30. Januar hinaus gedauert, hätte man die wertvollen Gemälde gleich wieder einpacken können. Jetzt ist die Ausstellung von morgens 9 Uhr an bis abends 21 Uhr geöffnet. Das hilft, auch wenn immer nur 40 Personen Einlass gewährt werden darf. „Wir verhandeln jetzt um eine Verlängerung bis Ende Februar, aber bisher ohne Ergebnis“, sagt die Sprecherin der Nationalgalerie, Eva Sochorová. „Die Bilder stammen zum großen Teil aus dem Ausland und die Besitzer wollen sie pünktlich wieder zurück bekommen.“

Die zahlreichen Schlösser und Burgen in Südböhmen bleiben zumeist geschlossen, obwohl sie öffnen könnten. Ihr Problem: die fehlenden Touristen aus dem Ausland, namentlich aus Österreich und Bayern. Auch nach dem Ende des Lockdowns bleibt Tschechien weiter für touristische Besuche geschlossen.

Manche Orte haben sich dagegen auf die Öffnung von Weihnachtsmärkten vorbereitet. Ob es dazu kommt, hängt von der Entscheidung der Bürgermeister ab. Vier Meter Abstand zwischen den Buden sind Pflicht, Glühwein und gebackene Mandeln dürfen aber vor Ort nicht verzehrt werden.

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Die Regierung hofft, dass die Leute die weiter geltenden Hygienregeln einhalten und nicht wieder leichtsinnig werden. Abstand bleibt das wichtigste Gebot. „Auch die Nikoläuse, Engel und Teufel müssen sich wie irdische Wesen an die Regeln halten“, verlangte Gesundheitsminister Jan Blatný angesichts des Nikolaustages, an dem traditionell Nikolaus, Engel und Teufel durch die Städte und Dörfer ziehen. (mit dpa)

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