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Corona versetzt Tschechien in Alarmstimmung

Die Regierung des Landes beschließt einen harten Maßnahmenkatalog. Wenn der nicht hilft, bliebe nur ein neuer Lockdown.

Die Infektionen durch die Covid-19-Pandemie in Tschechien steigen weiter.
Die Infektionen durch die Covid-19-Pandemie in Tschechien steigen weiter. © Petr David Josek/AP/dpa

Von unserem Korrespondenten Hans-Jörg Schmidt in Prag

Von ihrer Corona-Warn-App eRouška hatten sich die tschechischen Behörden eine Menge versprochen. Es gibt sie schon in überarbeiteter Version. Doch obwohl die Tschechen ohne zu zögern gern viel Geld für Smartphones ausgeben, funktioniert die App nicht. Der Grund: sie wird viel zu wenig genutzt. Wer sie sich dennoch heruntergeladen hat, der bekommt auf ihr jeden Tag zu Hörnchen und Kaffee auch die aktuellen Corona-Daten des Vortages mitgeteilt.

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In dieser Woche war die jeweils kurze Lektüre nicht eben vergnügungssteuerpflichtig. Drei Mal musste man lesen, dass der Rekord vom Vortag bei den positiv auf das Virus Getesteten erneut gebrochen wurde. Am Freitag zum Frühstück war die Gesamtzahl der seit Ausbruch der Pandemie positiv Getesteten erstmals sechsstellig: Sie lag bei 100.757. Knapp die Hälfte davon sind aktive Fälle, ihre Zahl stieg innerhalb eines Tages um den neuen Rekordwert von 5.394. Insgesamt 1.741 Menschen werden derzeit in Krankenhäusern behandelt, 869 sind im Zusammenhang mit dem Virus gestorben.

„Die Stabilisierung der Reproduktionszahl unter 1 ist mit den derzeitigen Maßnahmen offenkundig nicht möglich“, sagte Gesundheitsminister Roman Prymula am Donnerstag nach einer außerordentlichen Sitzung der Regierung. Er sagte es mit ernstem Gesicht, hatte alle Details für die Journalisten im Kopf, sprach ohne Zettel, langsam und eindringlich. Im Saal der Regierungspressekonferenz hätte man in diesen Minuten eine Stecknadel fallen hören können.

Eigentlich war die Sitzung der Regierung erst für Freitag anberaumt. Doch derzeit scheint für die Verantwortlichen tatsächlich jeder Tag zu zählen. Wie dringlich die Lage ist, verdeutlicht auch ein anderer Fakt: Während der Minister die Presse informierte, sprach Regierungschef Andrej Babiš mit den Chefs der Oppositionsparteien im Prager Abgeordnetenhaus, um sie für die neuen Maßnahmen mit ins Boot zu holen. 

Unter Druck: Tschechiens Premier Babiš
Unter Druck: Tschechiens Premier Babiš © Francisco Seco/AP POOL/dpa

Bemerkenswert war danach vor allem die Reaktion des Vorsitzenden der Demokratischen Bürgerpartei ODS, Petr Fiala. Er wandte sich an die Bevölkerung mit dem Appell, zusammenzustehen. „Die Lage ist extrem schlecht. Ich bitte sie alle um verantwortungsvolles Handeln. Wir müssen versuchen, die Verbreitung des Virus zu stoppen. Das alles hat jetzt nichts mehr zu tun mit dem üblichen politischen Wettstreit.“ Es habe keinen Sinn, sich den Maßnahmen zu widersetzen, etwa aus Trotz gegenüber Babiš oder seinem Gesundheitsminister. „Wir brauchen jetzt Disziplin und Selbstbeschränkung.“

Diese Forderung ist wohlbegründet. Minister Prymula beklagte die Laxheit vieler Tschechen. Ein Drittel bis zur Hälfte der Bevölkerung würden die Maßnahmen nicht ernst genug nehmen. Rechenmodelle sagen, wie das enden könnte. Die reden von 130.000 positiven Tests im Oktober und 4.000 Menschen, die täglich in Kliniken müssten. Über solche Kapazitäten verfügt das Land nicht annähernd.

Die neuen Maßnahmen sind umfangreich, erste treten noch an diesem Freitag in Kraft. Restaurants und Kneipen müssen zwei Stunden eher schließen, jetzt bereits um 20 Uhr. Sämtliche sportliche Freizeitaktivitäten in Räumen sind verboten. Ab Montag dann trifft es den kompletten Kulturbereich, also Theater, Museen und Kinos, selbst die Zoos müssen schließen, weil dort zuletzt besonders viele Menschen unterwegs waren. Live-Musik in Gaststätten ist untersagt, auch das Tanzen. Eine Reaktion auf Discos und Nachtklubs, die regelrecht überlaufen waren. Sport auf professioneller Ebene darf nur noch bei internationalen Vergleichen stattfinden, etwa Fußball-Europacup-Spielen, jedoch ohne Zuschauer. Demonstrationen sind auf maximal 500 Teilnehmer beschränkt -  und nur mit Maske und Abstand.

Gesundheitsminister Prymula beklagte die Laxheit vieler Tschechen.
Gesundheitsminister Prymula beklagte die Laxheit vieler Tschechen. © Michal Kamaryt/CTK/dpa

Die Schulklassen der Mittelstufe an den Grundschulen werden geteilt, haben entweder eine Woche normalen Unterricht oder via Internet zu Hause. Die Herbstferien sind auf eine ganze Woche ausgedehnt worden. Die Eltern, die ihre Kinder beaufsichtigen müssen, bekommen einen finanziellen Ausgleich. Auch den Kulturbereich will man  entschädigen. Alles in allem hat man sich bemüht, die Wirtschaft so gut wie nicht in Mitleidenschaft zu ziehen, weil das das Land zu heftig treffen würde.

Sollte all das in den kommenden zwei Wochen nicht greifen, wird es eng. Minister Prymula hielt für diesen Fall ein neuerliches völliges Herunterfahren des Lebens für denkbar, ob nun für einzelne Städte oder das ganze Land. „Niemand von uns wünscht sich ein solches Szenarium. Aber unsere Maßnahmen müssen sich an der Entwicklung von Corona ausrichten.“ Worte, die am Freitag auch Regierungschef Babiš vor der Presse nachdrücklich unterstützte: "Wenn wir diese Maßnahmen nicht einhalten, schließen wir einen neuen Lockdown nicht aus, der schwere Folgen auch für die Wirtschaft hätte. Die nächsten 14 Tage entscheiden alles."

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So rau die Maßnahmen ausfallen, so rau wird mittlerweile auch der Ton in den Medien. Die feuern jetzt volle Breitseiten namentlich gegen Babiš. Der habe seine Regierung im Frühjahr gerühmt, tausende Menschenleben gerettet zu haben. Jetzt habe er womöglich Hunderte und Tausende auf dem Gewissen, schrieb am Freitag beispielsweise die Hospodářské noviny. Und weiter: „Hätte er im Sommer nicht behauptet, Masken seien unnötig, müsste sich die Tschechische Republik nicht in einen Corona-Friedhof verwandeln, auf dem darüber entschieden wird, wer behandelt werden kann und wer nicht. Babiš kann sich hundertmal herauszureden versuchen, dass 'jeder Entspannung wollte'. Die Wahrheit ist, dass er die Entscheidung getroffen hat.“

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