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Corona: Tschechien verhängt landesweiten Lockdown

Die Situation in Tschechien gerät außer Kontrolle. Die Regierung verhängt Ausgangsbeschränkungen. Fast alle Geschäfte müssen schließen.

Angesichts sprunghaft steigender Corona-Zahlen greift Tschechien zu drastischen Maßnahmen, die einem landesweiten Lockdown gleichkommen. Von Donnerstagmorgen an müssen fast alle Geschäfte schließen.
Angesichts sprunghaft steigender Corona-Zahlen greift Tschechien zu drastischen Maßnahmen, die einem landesweiten Lockdown gleichkommen. Von Donnerstagmorgen an müssen fast alle Geschäfte schließen. © AP

Von unserem Korrespondenten Hans-Jörg Schmidt in Prag

Eine reichliche Woche ist es erst her, da Tschechiens Premier Andrej Babiš eine Reihe drastischer neuer Maßnahmen gegen die rasante Ausbreitung von Corona verkündete. Damals sagte er: „Wir haben nur diesen einen Versuch. Und der muss erfolgreich sein.“ Am Mittwoch musste der Regierungschef vor der Presse eingestehen, dass der Erfolg ausgeblieben ist.

Auf einer außerordentlichen Tagung beschloss die Regierung deshalb am Vormittag eine lange Reihe neuer Maßnahmen, mit der das Land zunächst bis zum 3. November in eine Art "Lockdown" geht.

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Danach wird beispielsweise die Bewegungsfreiheit der Menschen von Donnerstag, 6 Uhr an, massiv eingeschränkt. Einkaufen kann man nur noch Lebensmittel, Drogeriebedarf, Arzneimittel oder andere Dinge des Grundbedarfs. Alle anderen Geschäfte werden geschlossen. Die Leute sind angehalten, sich draußen ansonsten nur noch auf dem Weg zur und von der Arbeit zu bewegen. Reisen innerhalb des Landes sollen auf ein Mindestmaß gesenkt werden.

Premier Babiš sowie Gesundheitsminister Roman Prymula baten die Tschechen eindringlich um Verständnis für die neuerlichen harten Einschnitte. „Die Maßnahmen sind sehr streng, ich habe sie mir weder vorstellen können, noch habe ich sie gewollt“, sagte der Regierungschef. „Sie sind aber unumgänglich.“

"Wir müssen in erster Linie die Leben unserer Bürger retten", sagte Ministerpräsident Andrej Babis.
"Wir müssen in erster Linie die Leben unserer Bürger retten", sagte Ministerpräsident Andrej Babis. © Kenzo Tribouillard/AFP Pool/AP/dpa

Minister Prymula erinnerte an das vor einer Woche ausgegebene Ziel, den R-Faktor von 1,5 auf 0,8 zu senken. Derzeit aber bewege man sich immer noch auf der sehr hohen Zahl von 1,36. „Ein Infizierte steckt danach 1,36 andere Menschen an. Das liegt zu einem großen Teil leider daran, dass die bisher geltenden Regeln von vielen Leuten nicht eingehalten werden.“ Ohne die Bereitschaft dazu werde man jedoch schon bald an den Rand des gesundheitlichen Kollapses geraten.

80 Prozent der ursprünglich vorhandenen Krankenhausbetten seien derzeit benutzt. Man rüste zwar massiv auf. Dennoch sagten mathematische Modelle für die Zeit zwischen dem 7. und 11.11. eine sehr komplizierte Situation voraus. „Die Betten sind ja nicht ausschließlich für Covid-19-Patienten vorgesehen“, fügte der Minister hinzu.

Um die Kontakte der Menschen weiter einzuschränken, sind die Firmen gebeten, ihre Mitarbeiter wieder ins Homeoffice zu schicken. Auch die Schulen werden wohl länger als bisher geplant geschlossen bleiben.

Regierungschef Babiš sagte, dass man das Ausland um Hilfe gebeten habe, ohne dabei aber ins Detail zu gehen. Dem Vernehmen nach sind die zuständigen tschechischen Stellen aber auch mit den benachbarten deutschen Bundesländern Sachsen und Bayern im Kontakt. Dabei soll es um die eventuelle Übernahme von tschechischen Patienten durch dortige Kliniken gehen. Dazu gab es vor der Presse jedoch keinerlei aktuelle Informationen. Auch nicht dazu, ob sich im Ausland arbeitende tschechische Ärzte auf einen Hilferuf aus Prag bereit erklärt haben, zeitweise in ihre Heimat zurückzukehren, um sich dort an der Betreuung Erkrankter zu beteiligen. Allein in Sachsen arbeiten etwa 400 tschechische Ärzte, die jedoch alle Verträge haben.

Neue Regelungen seit Mittwoch

Wie kompliziert die Lage ist, verdeutlichten die Zahlen vom Dienstag. Landesweit wurden fast 12.000 neue Infizierte registriert. Das ist der absolute Höchstwert seit Ausbruch der Pandemie. Rekorde meldeten auch nahezu alle Regionen, darunter die an Sachsen grenzende Region Liberec (Reichenberg). Allein in Prag wurden 1.500 positiv Getestete festgestellt. Mehr als 4.000 Patienten liegen derzeit in den Krankenhäusern, darunter 634 schwere Fälle. Einen traurigen Rekordwert von 97 erreichte am Dienstag auch die Zahl der im Zusammenhang mit Corona Verstorbenen.

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Am Mittwoch trat bereits eine neue Regelung in Kraft. Danach müssen Mund-Nasen-Masken jetzt auch wieder draußen getragen werden. Erstmals gilt die Maskenpflicht auch in Autos, falls die Insassen dort nicht aus einer Familie kommen. Fernsehberichten zufolge wurde die Maskenpflicht im Freien überwiegend eingehalten. Die Polizei kontrolliert, redet den Menschen aber vorerst meist noch gut zu. In den nächsten Tagen sollen jedoch auch Geldstrafen für Masken-Muffel fällig werden. Ob das helfen wird, ist abzuwarten. Ein Experte meinte im Fernsehsender CT24, die Tschechen glaubten den Worten der Regierung über den Ernst der Lage vermutlich erst, wenn sie die Bilder aus völlig überfüllten Krankenhäusern sehen.

Ein wichtiger Mann, der Innenminister und Chef des Krisenapparats, Jan Hamáček, fehlte übrigens auf der Regierungspressekonferenz. Entschuldigt. Der Grund: Hamáček ist positiv auf Corona getestet worden.

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