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Tschechien und Slowakei im Corona-Krisenmodus

In Tschechien verschärft sich die Corona-Krise. Auch immer mehr medizinisches Personal ist infiziert. Das Nachbarland Slowakei will nun fast alle testen.

Mehr als 2.000 Fußball- und Eishockeyfans haben am Wochenende in Prag gegen die Corona-Einschränkungen im Sport protestiert.
Mehr als 2.000 Fußball- und Eishockeyfans haben am Wochenende in Prag gegen die Corona-Einschränkungen im Sport protestiert. © AP

Von unserem Korrespondenten Hans-Jörg Schmidt

Prag. In Tschechien, Europas derzeit größtem Hotspot, sind auch am Wochenende neue Rekordzahlen an positiv auf Covid 19 Getesteten registriert worden. Am Samstag waren es mehr als 8.000, am Sonntag über 5.000. Dabei wird an beiden Tagen gewöhnlich weniger getestet als an normalen Wochentagen. Jeder dritte Test war positiv.

Besonders besorgniserregend ist die wachsende Zahl von Mitarbeitern des Gesundheitswesens, die erkrankt sind. Die liegt bei derzeit mehr als 6.000. Damit werden die Anstrengungen der Regierung konterkariert, die Versorgung der Patienten aufrecht zu erhalten.

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Ersatzweise werden Medizinstudenten aus dem vierten und fünften Studienjahr verpflichtet. Ein Aufruf an tschechische Ärzte im Ausland, in der Heimat zu helfen, fand bislang kaum Gehör. Auch Ärzte und Schwestern, die in Rente sind, sind dringend gebeten, die Lücken beim Personal aufzufüllen.

Die tschechische Armee hat am Wochenende mit den Vorbereitungen für den Aufbau eines Feldkrankenhauses auf dem Prager Messegelände begonnen.
Die tschechische Armee hat am Wochenende mit den Vorbereitungen für den Aufbau eines Feldkrankenhauses auf dem Prager Messegelände begonnen. © CTK

Am Wochenende begann im Norden von Prag der Aufbau eines Feldlazaretts in einer großen Messehalle. Dort sollen 500 Betten für Patienten zur Verfügung gestellt werden, deren Krankheitsbild eher leichterer Art ist. Insgesamt will die Regierung die Zahl der Betten landesweit auf bis zu 10.000 aufstocken. Doch auch diese Zahl wird kaum reichen, sollten der Anstieg der Infiziertenzahlen nicht noch diese Woche gestoppt werden. Geht die jetzige Tendenz weiter, dann müssten in den kommenden Wochen nach Vorhersage der Experten täglich bis zu 5.000 Erkrankte in die Kliniken eingeliefert werden.

Angesichts dessen hat sich Tschechien nach den Worten von Innenminister Jan Hamáček an EU und Nato mit der Bitte um materielle und personelle Hilfe gewandt. Dabei handle es sich um eine allgemeine Bitte, die noch nicht näher spezifiziert worden sei. Gesundheitsminister Roman Prymula hofft dagegen, dass das Land die Probleme aus eigener Kraft lösen kann.

Premierminister Igor Matovič droht mit Rücktritt

Spitzenpolitiker wie Präsident Miloš Zeman und Premier Andrej Babiš hatten übers Wochenende noch einmal eindringlich an die Bevölkerung appelliert, wenn möglich zu Hause zu bleiben und namentlich den Maskenschutz sehr ernst zu nehmen.

Auch in der Slowakei hält der Aufwärtstrend bei den positiv Getesteten an. Am Wochenende waren es mehr als 2.400. Im Land sind zahlreiche Dinge untersagt. Geschlossen sind Kinos, Theater oder Wellnesszentren. In den Schulen ist man zum Distanz-Unterricht per Internet übergegangen. Fußball und Eishockey finden nur noch ohne Zuschauer statt.

Premierminister Igor Matovič plant, alle Bürger des Landes älter als zehn Jahre testen zu lassen. Bei der Behandlung des Themas in der Regierung kündigte er seinen Rücktritt an, falls die Koalition diesem Schritt nicht zustimmen werde.

Das Vorgehen des Premiers ist in den Medien teilweise scharf kritisiert worden. Die Zeitung Pravda warf Matovič am Montag „autoritäre Tendenzen“ vor. „Die werden zunehmend zu einer Bedrohung für das Funktionieren unserer Demokratie.“ Keine andere Meinung in der Koalition zuzulassen, sei „reine Erpressung“, mit dem Rücktritt in einer so schwierigen Lage zu drohen, „äußerst verantwortungslos“.

Ausschreitungen bei Fan-Protesten in Prag und Bratislava

In beiden Hauptstädten, Bratislava und Prag, kam es am Wochenende zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Gegnern der Corona-Regeln und der Polizei. In Bratislava rotteten sich mehrere hundert überwiegend Fußball-Hooligans des Erstligaklubs Slovan Pressburg gemeinsam mit Anhängern der rechtsextremen Szene vor dem Regierungsamt zusammen. Sie skandierten Schmährufe gegen Premier Matovič und lehnten verpflichtende Tests strikt ab. Die Demonstranten schleuderten Steine und Feuerwerkskörper gegen die Polizei, die ihrerseits Tränengas und Wasserwerfer einsetzte.

Innenminister Roman Mikulec nannte die nicht genehmigte Aktion eine „primitive Provokation“ von Leuten, die nichts respektierten. Premier Matovič äußerte in den sozialen Medien, die geplanten Tests auf Corona sollten am besten gleich mit verpflichtenden Tests auf den IQ verbunden werden.

Prag: Polizisten setzten Wasserwerfer gegen Demontranten ein.
Prag: Polizisten setzten Wasserwerfer gegen Demontranten ein. © CTK

In Prag war am Sonntag der zentral gelegene Altstädter Ring Schauplatz gewalttätiger Auseinandersetzungen. Die Stadtverwaltung dort hatte nach einer Stunde die Protestdemonstration beendet, weil die Teilnehmer zu Teilen weder Masken trugen noch den Sicherheitsabstand einhielten. Zudem übertraf die Masse der Menschen mehrfach die derzeit zugelassene Zahl von maximal 500.

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Auch in Prag waren Fußball-Rowdies, die teilweise weit mit Zügen angereist waren, und erkennbare Rechtsextremisten an vorderster Front. Nach der Beendigung der Demonstration lieferten die sich eine regelrechte Straßenschlacht mit der Polizei. Es gab Verletzte und zahlreiche Festnahmen. Politiker aller Parteien verurteilten die brutalen Aktionen aus den Reihen der Demonstranten.

Die Zeitung Lidové noviny sprach am Montag von einem „Weckruf“. Die tschechische Gesellschaft sei der Vorschriften müde. Das werde von Extremisten ausgenutzt, die damit leider auch auf ein Echo stoßen würden.

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