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Mehr als 10.000 Corona-Tote in Tschechien

Die Opferzahl wächst auch in Sachsens Nachbarland. Am Freitag beginnt dort der nächste halbherzige Lockdown

Mediziner versorgen in Liberec eine Corona-Patientin auf der Intensivstation des regionalen Krankenhauses. Nicht alle Erkrankten können sie retten.
Mediziner versorgen in Liberec eine Corona-Patientin auf der Intensivstation des regionalen Krankenhauses. Nicht alle Erkrankten können sie retten. © Archiv/Radek Petrácek/CTK/dpa

Von unserem Korrespondenten Hans-Jörg Schmidt in Prag

Als am Donnerstag die Glocken der schmucken Barockkirche in dem kleinen mährischen Ort Lidečko am Fuße der malerischen Weißen Karpaten läuten, hat sich eine ungewöhnlich große Trauergemeine eingefunden. Als die zulässige Zahl der Menschen in der Kirche erreicht ist, muss der Pfarrer zusperren. Die vielen Menschen, die draußen bleiben müssen, verfolgen den Gottesdienst über Lautsprecher.

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Den Mann, von dem sich die Gemeinde verabschiedet, kannte hier jeder. Petr P. führte seit Jahr und Tag das erste Restaurant am Platze. Das Wirtshaus liegt günstig an der Fernstraße in die nur ein paar Kilometer entfernte Slowakei. So zählten neben den Einheimischen auch viele „Brummi“-Fahrer zu den Stammgästen und bestellten gern Petrs Spezialität, ein Hirschgulasch mit Knödeln.

Petr P. war ein kräftiger, immer sportlicher Mann. Krankheiten hatten meist einen Bogen um ihn gemacht. In den ersten Dezembertagen bekam er Husten und leicht erhöhte Temperatur. Nichts, was den 63-Jährigen beunruhigte. Das änderte sich, als sich plötzlich Atemprobleme einstellten. Als die schlimmer wurden, transportierte man ihn ins Krankenhaus nach Vsetín. Dort stabilisierte sich sein Zustand wieder. Am vergangenen Samstag, drei Tage nach seiner Einlieferung, hatte sich die Lunge beidseitig entzündet. Das machte die Verlegung auf die Intensivstation erforderlich. Einen Tag später starb Petr P. Die Ärzte konstatieren, dass seine Lunge binnen kürzester Zeit unter einem Covid-Angriff kollabiert sei.

Weniger Leugner der Pandemie

Es gibt einige Menschen vor der Kirche, die Zweifel an der Todesursache Covid haben. Im Vergleich zum Sommer ist diese Zahl allerdings sehr viel kleiner geworden. Damals lachte man über die „Panikmache“ der Politiker im fernen Prag. Mittlerweile gehört die Gegend um die Weißen Karpaten zu den von Covid am meisten betroffenen im Land. Die Sieben-Tage-Inzidenz liegt dort aktuell zwischen 440 und 500.

Am Tag der Beerdigung von Petr P. hat die Zahl der in ganz Tschechien im Zusammenhang mit dem Coronavirus Verstorbenen die Marke von 10.000 überschritten. Zum Vergleich: Deutschland zählt knapp 25.000 Tote - ist aber achtmal so groß wie Tschechien.

Es ist diese Totenzahl vor allem, die die politisch Verantwortlichen dazu gebracht hat, die nach dem sechswöchigen Lockdown neu errungenen Freiheiten wieder zu beschneiden. Als Premier Andrej Babiš die Einschränkungen vor der Presse ankündigte, bat er die Bevölkerung x-Mal um Entschuldigung. Und er versprach beispielsweise den Gastwirten, die ihre Etablissements ab Freitag neuerlich zusperren müssen, einen hundertprozentigen Ersatz ihrer Ausfälle. Ein kühnes Versprechen.

Doch ohne solche Versprechen nach dem Motto: „Koste es, was es wolle“, scheint es nicht mehr zu gehen. Zahlreiche Kneiper hatten sich zuletzt schon nicht mehr an die Schließzeit 20 Uhr gehalten und damit ganz bewusst ihren Protest zum Ausdruck bringen wollen. Sie riskierten dabei auch massive Geldbußen von umgerechnet bis zu 120.000 Euro.

Wachsender Unmut bei den Tschechen

Der neuerliche Lockdown ist angesichts des wachsenden Unmuts der Bevölkerung aber nur sehr halbherzig. Neben den Restaurants und Hotels müssen sonst nur Galerien, Museen und Fitnesszentren schließen. Die Geschäfte bleiben alle geöffnet, auch sonntags. Die Leute sollen ein Weihnachtsfest so normal wie möglich haben. Dazu gehören nicht nur Geschenke, sondern auch große Lebensmittelkäufe. Weihnachten ist in Tschechien kulinarisch anspruchsvoll und vor allem sehr umfangreich.

Für eine große Zahl von Tschechen ist über Weihnachten auch das Skifahren ein Muss. Man öffnet am Freitag deshalb auch die Skipisten im Land. Allerdings müssen die Skifahrer abends wieder nach Hause, weil die Hotels alle zu sind. Die Polizei ist darauf eingerichtet, massiv die Anfahrt von Skifahrern aus dem Ausland zu kontrollieren. Touristen, die ohne negativen Test einreisen und erwischt werden, müssen zu Hause in Quarantäne gehen. Entlang der Pisten - wie im ganzen Land - gilt ein öffentliches Alkoholverbot.

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Seit Mittwoch können sich die Tschechen bis in den Januar hinein freiwillig und kostenlos Antigen-Tests unterziehen. Der Andrang ist beachtlich, die meisten reservieren sich übers Internet einen Zeitpunkt. Ohne solche Tests darf man beispielsweise nicht zu Angehörigen in die Altenheime. Weihnachten mag das niemand riskieren.

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