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Die Uhrmacher der Extreme

Auch wenn jetzt alle zu Hause bleiben müssen: Tutima in Glashütte baut weiter seine Zeitmesser fürs Abenteuer.

Es läuft jetzt ruhiger bei Tutima in Glashütte, aber es läuft: Finisseurin Stefanie Luce bearbeitet einen Winkelhebel, der am Aufzugsmechanismus einer Luxusuhr seinen Platz hat.
Es läuft jetzt ruhiger bei Tutima in Glashütte, aber es läuft: Finisseurin Stefanie Luce bearbeitet einen Winkelhebel, der am Aufzugsmechanismus einer Luxusuhr seinen Platz hat. © Karl-Ludwig Oberthür

Hunde dürfen nicht ins Atelier. Deswegen schaut Stefanies Dackeldame aus dem Bilderrahmen zu, was auf dem Uhrmachertisch passiert. Mit einem Hämmerchen, die Lupe vorm Auge, klopft die junge Frau auf ein Gerät, das der Form nach einem Mikroskop ähnelt, tatsächlich aber eine Triebnietmaschine ist. Das winzige Werkstück, in das sie noch winzigere Stifte hinein presst, heißt Winkelhebel. Er wird bald seinen endgültigen Platz finden, an der Aufzugswelle einer Luxusuhr.

Luxus wird gerade neu definiert: Menschen treffen, in den Urlaub fahren, ohne Atemschutz einkaufen gehen - Corona hat profane Dinge zu kostbaren Gütern gemacht. Denkt da noch einer an exklusive Zeitmesser? Wie wirkt das Virus auf das Tal der Uhrmacher, auf Glashütte? Lebt die Zeit noch, so wie es das Motto des Ortes verspricht?

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"Die Leute wollen sich wieder was gönnen." Betriebsleiter Alexander Philipp sieht gute Absatzchancen für Tutima-Uhren, sobald der Lockdown vorbei ist.
"Die Leute wollen sich wieder was gönnen." Betriebsleiter Alexander Philipp sieht gute Absatzchancen für Tutima-Uhren, sobald der Lockdown vorbei ist. © Karl-Ludwig Oberthür

In der einstigen Glashütter Bahnmeisterei, heute schick saniert, hat die Tutima Uhrenfabrik ihren Sitz. Hier arbeitet Stefanie Luce, 31, als Finisseurin. Sie besorgt die finalen Veredlungsprozesse am Uhrwerk. Seit einem guten Jahr ist sie bei Tutima. "Das Beste, was mir passieren konnte." Sie hat schon mehrere Berufe ausgeübt. Keiner hat ihr so viel Spaß gemacht wie dieser.

Jahresende bringt ein Absatzhoch

Gelernt hat sie mal einen Bürojob. Doch Handarbeit lag ihr stets mehr. Sie stammt aus einer Uhrmacherfamilie, allerdings nicht aus Glashütte. Aber die Großeltern wohnten hier. Sie war oft zu Besuch, sah, wie die Manufakturen den Ort verwandelten. "Ich hab das alles wachsen sehen." Jetzt sitzt sie mittendrin in einer der namhaftesten deutschen Uhrenschmieden, hantiert mit Pinzetten, Zangen und Schraubendrehern, führt den Mikromotor mit den Schleifköpfen, poliert die Goldmedaillons mit dem T drauf, die eine echte Tutima siegeln.

Das 18-Karat-Goldsiegel mit dem T, hier im Rotor einer Saxon One Chronograph, ist Tutimas Markenzeichen.
Das 18-Karat-Goldsiegel mit dem T, hier im Rotor einer Saxon One Chronograph, ist Tutimas Markenzeichen. © PR

Sie sitzt hier, und sie ist allein. Der Januar ist zwar immer ruhig. Aber so viel Ruhe ist ungewöhnlich. Das bestätigt Alexander Philipp, der Betriebsleiter und Marketingchef. Es gibt einige Krankheitsfälle. Einige Kollegen haben Urlaub. Aber es werden auch Überstunden abgebummelt. Der Jahresschluss brachte Tutima ungewöhnlich viel Arbeit, sagt Philipp. "Hier war die Hölle los."

Rückkehr mit einem Paukenschlag

Im Glashütter Uhrenstädtchen gehört Tutima zu den jüngsten Zuzüglern. Anders als etwa Lange, Nomos oder Mühle, die gleich nach der Wiedervereinigung zur Stelle waren, wagte Tutima erst 2008 den Schritt an die Müglitz. Eröffnet wurde die neue Manufaktur 2011 mit einem Paukenschlag: Tutima stellte das Modell Hommage vor, eine Armbanduhr mit Minutenrepetition, also mit akustischer Zeitanzeige, ein Novum in der deutschen Uhrmachergeschichte.

Mit dem Modell Hommage, dessen Platine hier graviert wird, meldete sich Tutima 2011 eindrucksvoll in Glashütte zurück.
Mit dem Modell Hommage, dessen Platine hier graviert wird, meldete sich Tutima 2011 eindrucksvoll in Glashütte zurück. © PR

Zehn Jahre später ist die Hommage noch immer in der Kollektion. Ihre Platin-Variante kostet 185.000 Euro. Wer eine Tutima besitzen will, kann sie günstiger kriegen. Das preiswerteste Modell, eine Flieger Automatic, ist im druckfrischen Katalog mit 1.350 Euro gelistet. Betriebsleiter Philipp bezeichnet das Preis-Leistungs-Verhältnis als ausgesprochen fair. "Man bekommt viel Uhr für sein Geld."

Lockdown-Verluste beinahe ausgeglichen

Wie viel Uhr Tutima 2020 verkauft hat, betrachtet die Geschäftsführung als Betriebsgeheimnis. Die Stückzahl liege im höheren vierstelligen Bereich, heißt es. Trotz Corona sei man nicht unzufrieden. Ein guter Sommer sei es gewesen, und auch die letzten drei Monate des Jahres seien sehr gut gelaufen. Man habe sogar mehrere neue Uhrmacher eingestellt. Unterm Strich seien die Verluste durch den Lockdown zum größten Teil wettgemacht worden.

Hätte auf der Uhrenmesse in Basel vorgestellt werden sollen: die neue Grand Flieger Airport von Tutima. Wegen Corona fällt das Branchentreffen aus.
Hätte auf der Uhrenmesse in Basel vorgestellt werden sollen: die neue Grand Flieger Airport von Tutima. Wegen Corona fällt das Branchentreffen aus. © PR

Tutima gehört zur Erbsubstanz des Glashütter Uhrenbaus. Ernst Kurtz, ein Doktor der Rechtswissenschaften, erschuf die Marke aus der Konkursmasse der Deutschen Präzisionsuhrenfabrik Glashütte, die 1925 beim Versuch, das Schweizer Monopol bei Taschenuhren zu brechen, gescheitert war. Kurtz sah es als seine Mission an, den Deutschen ihre erste, gebrauchsfähige Armbanduhr zu geben. Seinen edelsten Produkten verlieh er den Namen Tutima, was so viel wie sicher oder geschützt bedeutet.

Tutimas DNA liegt in der Luft

Bis heute passt der Titel. Tutimas Uhren sind meistens für Extreme gemacht. Zum Beispiel die M2, ein Chronograph mit Gehäuse aus reinem Titan. Beiderseits entspiegeltes Saphirglas, dreihundert Meter wasserdicht, isoliert gegen Magnetströme, Großflächendrücker mit Neoprenbeschichtung, Zeiger und Stundenmarker mit superheller Leuchtmasse präpariert - kurz: durch nichts zu erschüttern. "Das ist Profi-Ausrüstung", sagt der Betriebsleiter.

Die offizielle Dienstuhr der Bundesluftwaffe kam seit 1984 von Tutima. Als M2 gibt es den Zeitmesser heute auch für Zivilisten.
Die offizielle Dienstuhr der Bundesluftwaffe kam seit 1984 von Tutima. Als M2 gibt es den Zeitmesser heute auch für Zivilisten. © PR

Große, robuste, sportlich anmutende Uhren prägen das Gesicht der Marke Tutima. "Unsere DNA liegt in der Fliegerei", sagt Alexander Philipp. Im Zweiten Weltkrieg produzierte Tutima Chronografen für die Piloten der Wehrmacht. 1984 knüpfte die Firma an diese Episode an, indem sie den Zuschlag für die Pilotenuhren der Bundesluftwaffe erhielt. Noch heute fliegen Tutimas in den Eurofightern mit.

Hoffnung auf Kauflust nach dem Virus

Die Modellpolitik, sagt Philipp, trifft den Nerv der Zeit. Unter den Uhrenfreunden geht es seiner Ansicht nach immer weniger um das Eintauchen in die Mechanik, das "Sezieren" der Schrauben. Die Optik und das Tragegefühl spielten eine wachsende Rolle, speziell bei der anvisierten Zielgruppe, vierzig plus, männlich. "Da ist die Uhr ja das einzige Schmuckstück, das die Persönlichkeit und den Charakter ausdrückt."

Mit Tutima in die Tiefe: Extremsportler Tolga Taskin taucht 2020 mit einer M2-Pioneer 74,8 Meter in den Kärntener Weißensee ab.
Mit Tutima in die Tiefe: Extremsportler Tolga Taskin taucht 2020 mit einer M2-Pioneer 74,8 Meter in den Kärntener Weißensee ab. © PR

Den Absatz dieser Schmuckstücke hat Corona zeitweise stark behindert. Tutima liefert seine Waren fast ausschließlich an Fachgeschäfte. Die waren wochenlang zu, und sind es nun wieder. Auch Uhrenmessen wie die in Basel fallen aus. "Wir haben unsere Kunden kaum gesehen", sagt Philipp. Für eine Firma, die ihre Produkte über Emotionen vermarktet, ist das bitter. "Wir verkaufen ja nicht nur die Uhr, sondern ein Lebensgefühl."

Wie geht es weiter? Alles hängt davon ab, sagt Alexander Philipp, wie lange der Lockdown noch anhält, wie sehr er die Stimmung noch vermiest. Die Absatzchancen für hochpreisige Uhren schätzt er aktuell als gut ein. Wer nicht wegfliegen, edel essen und feiern gehen konnte, hat Geld übrig, wahrscheinlich mehr als je zuvor. "Die Leute wollen ganz viel nachholen und sich etwas gönnen", sagt er. Und dazu, da ist er sicher, könnte durchaus eine neue Tutima gehören.

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