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Machen die Sachsen jetzt mehr Homeoffice?

Wirtschaftsminister Martin Dulig sieht viel Potenzial für Homeoffice in Sachsen. Die IHK ist immer noch gegen eine Pflicht - und nennt auch die Gründe.

Arbeitgeber sollen ihren Mitarbeitern ermöglichen, von daheim zu arbeiten.
Arbeitgeber sollen ihren Mitarbeitern ermöglichen, von daheim zu arbeiten. © dpa

Videokonferenzen sind verräterisch. Wer den Bildschirm freigibt, lässt einen Blick zu, wo er sich gerade befindet – im Büro, im Wohnzimmer oder- bei Eltern auch auffällig beliebt – im Kinderzimmer. So konnte man sich auch bei der Jahresauftaktveranstaltung des Sächsischen Industrieclubs einen Eindruck darüber verschaffen, wer am frühen Abend noch im Unternehmen war und wer schon zu Hause. Gast war Sachsens Ministerpräsident. Michael Kretschmer nutzte die Gelegenheit, dort wie auch einen Tag später in der Kabinettspressekonferenz eindringlich an die Unternehmer zu appellieren, mehr Arbeiten von zu Hause zu zulassen: „Die Mobilität in Sachsen ist zu hoch und höher als in anderen Bundesländern, deshalb der Wunsch nach mehr Homeoffice. Je weniger Menschen im Bus mitfahren und sich auf Arbeit begegnen können, desto besser. Das ist wirklich ein nennenswerter Faktor, um das Infektionsgeschehen einzudämmen“, so Kretschmer.

Wirtschaftsminister Martin Dulig pflichtete ihm bei. Die von seinem Parteigenossen, Bundesarbeitsminister Hubertus Heil, angekündigte Rechtsverordnung sei am Mittwochmorgen veröffentlicht worden. „Sie ist weniger eine Pflicht, eher ein dringender Appell, mehr Homeoffice zu ermöglichen“, so Dulig. Die Verordnung soll ab Mitte nächster Woche bis vorerst befristet 15. März gelten, also nur wenige Wochen.

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Von der "Pflicht", Homeoffice anzubieten

Heil hatte dem Bundeskabinett eine Verordnung vorgelegt, mit der die von Bund und Ländern besprochenen Homeoffice-Vorgaben für Unternehmen umgesetzt werden sollen. Demnach sollen Arbeitgeber Beschäftigten im Falle von Büroarbeit oder vergleichbaren Tätigkeiten anbieten, auch zu Hause arbeiten zu können, wenn keine zwingenden betriebsbedingten Gründe dagegensprechen. Das Ministerium spricht in den Erläuterungen zu der Verordnung von einer „Pflicht“, Homeoffice anzubieten, „soweit dies nach den betrieblichen Gegebenheiten möglich ist“. Wo eine Präsenz am Arbeitsplatz erforderlich ist, müssen Arbeitsschutzstandards weiterhin gelten und die Belegung von Räumen reduziert werden. Der Arbeitgeber muss medizinische Masken oder FFP2-Masken zur Verfügung stellen.

Auf die Frage, wie das kontrolliert werden solle, riet der Bundesarbeitsminister dazu, dass Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen zunächst mit ihrem Arbeitgeber sprechen sollten oder sich im Zweifelsfall an den Betriebsrat und im „äußersten Konfliktfall“ an die Arbeitsschutzbehörden der Länder wenden sollten. Nur im Zweifelsfall würden die Behörden kontrollieren und im „allergrößten Notfall“ seien auch Bußgelder möglich. Das stehe aber nicht im Vordergrund, so Heil. Er sprach von tiefen Eingriffen in das wirtschaftliche Leben des Landes. „Diese Maßnahmen sind aber notwendig und deutlich weniger restriktiv als in anderen Bereichen der Gesellschaft.“

Sachsens Arbeitsminister sieht viel Potenzial für Homeoffice

Es liege im wirtschaftlichen Interesse aller, dass die Beschäftigten gesund und arbeitsfähig bleiben, betont Martin Dulig und verweist auf die Arbeitsschutzbehörde, die beratend zur Seite stehe. Sachsens Wirtschaftsminister sieht „sehr wohl noch ein sehr hohes Potential für Homeoffice in Sachsen“, auch wenn das eine „gefühlte“ Antwort sei, da es keine Statistiken gibt, welche Unternehmen wie viele ihrer Mitarbeiter von zu Hause aus arbeiten zu lassen. Dulig sieht die Verordnung der Bundesregierung als Notwendigkeit an, auch in den Ministerien und Verwaltungen des Freistaates „kritisch zu überprüfen“, welche Tätigkeiten noch von daheim erledigt werden können. Gegenwärtig seien in seinem Haus rund die Hälfte der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen im Homeoffice.

Die sächsischen Industrie- und Handelskammern hatten schon im Vorfeld des Beschlusses klar gemacht, dass sie eine Homeoffice-Pflicht strikt ablehnen. Sie sei weder ein zielführender noch verhältnismäßiger und umsetzbarer Weg zur Pandemiebekämpfung, teilten sie am Dienstag mit.

Die Gründe: Die sächsischen Unternehmen hätten schon zu Beginn in Hygieneschutzeinrichtungen bei Büroarbeitsplätzen investiert. Diese Investitionen würden wirken und daher ist es den Kammern „unverständlich, warum eine bestimmte Kategorie von Arbeitsplätzen pauschal als Infektionsherde ins Visier genommen werden“, heißt es in der Mitteilung.

Das tue doch keiner, heißt es bei der Staatsregierung. Angesichts der nach wie vor hohen Infektionsrate und der Gefahr, dass die viel ansteckendere Variante des Coronavirus sich auch in Sachsen verbreitet, gehe es darum, zu Hause zu bleiben und Kontakte zu vermeiden. Aus diesem Grund werde auch nicht im Handel der Abholservice über Click & Collect erlaubt. „Wir werden jetzt keine Anreize schaffen, das Haus zu verlassen“, so Dulig.

Aus Sicht der IHKs verkenne der Gesetzgeber auch, dass in der Praxis viele Büro- und Bildschirmarbeitsplätze zur Aufrechterhaltung der betrieblichen Abläufe eine Präsenzpflicht erfordern würden. Die Breitbandversorgung im Freistaat sei zu schlecht und die geforderten Einzelfallbegründungen würden einen „nicht zu beherrschenden“ Bürokratieaufwand bedeuten. Weiterhin hätten Unternehmen nicht die notwendigen Softwarelizenzen oder Technik, um die Beschäftigten zeitnah zum Arbeiten nach Hause zu schicken. Und zu guter Letzt wären viele Wohnungen von Mitarbeitern einfach zu klein.

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Auch der Verband der deutschen Unternehmerinnen (VdU) lehnt die „Homeoffice-Pflicht“ ab. „Unternehmen sollte das Vertrauen entgegengebracht werden, selbst zu entscheiden, welche Tätigkeiten im Homeoffice möglich sind, ohne dass sie verpflichtet werden, dies aufwendig zu begründen“, betont VdU-Präsidentin Jasmin Arbabian-Vogel

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