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Politik

Verbände gegen Impfpflicht für bestimmte Berufe

Berufsverbände lehnen eine Corona-Impfpflicht Erzieher, Lehrer oder Pfleger ab. Die seien überdurchschnittlich häufig immunisiert. Belegt ist das nicht.

Die Nadel einer Spritze des BioNTech-Pfizer-Impfstoffs im Corona-Impfzentrum Messe Berlin.
Die Nadel einer Spritze des BioNTech-Pfizer-Impfstoffs im Corona-Impfzentrum Messe Berlin. © Christoph Soeder/dpa

Berlin. Kaum hat der Präsident des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte, Thomas Fischbach, erneut eine Corona-Impfpflicht für Erzieherinnen, Lehrer und Pflegekräfte ins Gespräch gebracht, regt sich entschiedener Widerstand in den der Berufsverbänden. Sechs Organisationen lehnten auf Anfrage des Evangelischen Pressedienstes (epd) eine Zwangsimpfung ab - und betonten nahezu wortgleich, dass ihre Mitglieder bereits überdurchschnittlich oft geimpft seien.

"Wenn viele Beschäftigte in Kitas, Schulen und Kliniken Impfungen weiter verweigern, sollte der Gesetzgeber ernsthaft über eine Impfpflicht in diesen sensiblen Bereichen nachdenken", hatte Fischbach der "Neuen Osnabrücker Zeitung" (Dienstag) gesagt: "Wer mit vulnerablen Gruppen zu tun hat und die eigene Immunisierung ablehnt, hat seinen Verstand ausgeschaltet."

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Der Deutsche Kitaverband erklärte, die Mehrheit der Fachkräfte habe in einer eigenen Umfrage die Impfquote unter Erzieherinnen als hoch bis sehr hoch ein eingeschätzt. 30 Prozent seien gegen eine gesetzliche Impfpflicht. Die Bundesvereinigung Evangelischer Tageseinrichtungen für Kinder teilte mit, ihr lägen bedauerlicherweise keinerlei Statistiken zur Impfquote vor. Diese sehe regional recht unterschiedlich aus.

"Aktuelle, valide und bundesweite Daten liegen uns nicht vor", sagte auch Ute Haas, Leiterin der Geschäftsstelle des Deutschen Pflegerates. Es gebe unterschiedliche Angaben zur Impfquote Pflegender, diese lägen zwischen 60 und 90 Prozent. "Die meisten Beschäftigten im Gesundheitswesen haben sich gegen das Coronavirus impfen lassen, genaue Zahlen liegen uns dazu nicht vor", heißt es bei der Gewerkschaft ver.di. Das gleiche Bild beim Deutschen Berufsverband für Pflegeberufe: "Belastbare Zahlen zur Impfquote liegen uns nicht vor."

Rate für Durchimpfung ist unklar

Laut Robert Koch-Institut (RKI) waren im Juni vom medizinischen Personal 83,5 Prozent einmal und 63,8 Prozent bereits vollständig geimpft. Unter den befragten Lehrkräften und Erzieherinnen waren 84,5 Prozent einmal und 37,1 Prozent doppelt immunisiert. Zum Vergleich die Daten des Bundesgesundheitsministeriums: 64,3 Prozent der Gesamtbevölkerung sind derzeit vollständig geimpft. 67,9 Prozent haben mindestens eine Impfdosis erhalten.

"Wenn Herr Fischbach davon ausgeht, dass es noch 'viele Ungeimpfte' in sensiblen Einrichtungen wie Pflegeheimen, Kliniken, Kindergärten und Schulen gibt, dann trifft diese Behauptung für die Lehrkräfte mit Sicherheit nicht zu", stellte der Vorsitzende des Deutschen Lehrerverbandes, Heinz-Peter Meidinger, klar: "Nach unseren Rückmeldungen sind je nach Schulart und Bundesland zwischen 88 und 96 Prozent geimpft. Das dürfte eine der höchsten Impfquoten im Vergleich zu allen anderen Berufsgruppen sein."

Gerald Gaß, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Krankenhausgesellschaft, betonte ebenfalls, Ärzte und Pflegepersonal seien überdurchschnittlich häufig geimpft: "Wir gehen von rund 90 Prozent aus. Insofern sind Debatten um eine Impfpflicht für die Situation in den Krankenhäusern schwierig."

Dazu kommt ein weiteres Problem: Wie hoch die Durchimpfungsrate in der Bevölkerung bei Covid-19 sein muss, ist noch nicht abschließend erforscht. Eine Rate von 80 bis 85 Prozent gilt als Minimum.

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Schließlich wäre eine Impfpflicht, so sie rechtlich überhaupt durchsetzbar wäre, nicht ohne "Nebenwirkungen": "Sie würde Vertrauen zerstören, und letztlich könnte sie sogar kontraproduktiv sein", warnte ver.di-Vorständin Sylvia Bühler: "Eine Impfpflicht könnte Fachkräfte aus ihrem gesellschaftlich so relevanten Beruf treiben. Das sollte ernsthaft niemand wollen." (epd)

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