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Corona: Verkaufen ja – behandeln nein

Kosmetiker, Nageldesigner und Fußpfleger scheinen von der Politik vergessen zu sein. Für die Unternehmer aus der Region Döbeln ist das Limit erreicht.

Während des Lockdowns hat Kosmetikerin Katrin Küttner Produkte verschickt. Ab Montag darf sie diese an der Tür ihres Studios übergeben. Aber Kunden kann sie noch immer nicht behandeln.
Während des Lockdowns hat Kosmetikerin Katrin Küttner Produkte verschickt. Ab Montag darf sie diese an der Tür ihres Studios übergeben. Aber Kunden kann sie noch immer nicht behandeln. © Dietmar Thomas

Region Döbeln. Am 2. November vergangenen Jahres – sechseinhalb Wochen vor den Friseuren – mussten sie schließen. In zwei Wochen dürfen die Friseure wieder öffnen. Sie hoffen auf den 7. März, aber wissen noch nichts Konkretes: die Kosmetiker, Nageldesigner und Fußpfleger.

Katrin Küttner spricht von einem Umsatzeinbruch zwischen 80 und 90 Prozent. Zum Kundenstamm der Döbelner Kosmetikerin gehören zwischen 600 und 800 Frauen und Männer, die sie in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen behandelt. Gesehen hat sie davon in den vergangenen drei Monaten kaum einen.

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Kosmetikerin bezweifelt, dass alle Kunden wiederkommen

Das Studio musste sie Anfang November schließen. Die Kosmetikprodukte durfte sie noch bis Mitte Dezember verkaufen – solange, wie auch der Einzelhandel geöffnet bleiben konnte. Seitdem verschickt sie Kosmetika und Gutscheine.

Ob alle Kunden wiederkommen, wenn sie ihr Studio irgendwann wieder öffnet, ist fraglich. „Wir mussten ja auch schon im Frühjahr vergangenen Jahres schließen. Danach sind Kunden aufgrund von Kurzarbeit weggeblieben. Die Kosmetik ist das Erste, woran gespart wird. Die Kunden waren ehrlich. Das rechne ich ihnen hoch an“, sagt Katrin Küttner.

Knallhart kalkulieren und rechnen

Derzeit muss die Kosmetikerin knallhart kalkulieren und rechnen. Die Novemberhilfe hat sie erst Mitte Januar erhalten. „Aber die 75 Prozent sind Schönfärberei“, meint sie. Der Umsatz, den sie durch den Verkauf der Produkte generiert hat, und die Zuschüsse zum Kurzarbeitergeld werden von dem Betrag abgezogen. Und der Januar sei in der Branche ohnehin ein schlechter Monat, weil zu Weihnachten viel Kosmetika verschenkt wurde.

„Jetzt kontaktieren mich die Kunden wieder“, erzählt Katrin Küttner. Sie darf, wie die Geschäfte, ab Montag per Click & Collect aus der Tür des Kosmetikstudios an der Klosterstraße verkaufen. Das bringe zumindest eine kleine Erleichterung. Denn das Verschicken der Produkte ist mit einer Sendungsverfolgung verbunden. Für die zahlt Katrin Küttner fünf Euro, von denen sie nur zwei Euro dem Kunden in Rechnung stellt.

Optimistisch, dass es bald wieder losgeht

Bis jetzt habe sie alle Verbindlichkeiten begleichen können. „Ich habe nichts gestundet und keinen Kredit aufgenommen“, so die Kosmetikerin, die seit 20 Jahren selbstständig ist und noch vier Mitarbeiter hat. Zwei sind in Kurzarbeit, eine in Elternzeit und eine nur geringfügig beschäftigt.

Sie alle hätten die (Ruhe-)Zeit genutzt um sich über Online-Seminare der Kosmetikfirmen weiterzubilden. Außerdem seien kleine Reparatur- und Renovierungsarbeiten erfolgt und einige Dinge erledigt worden, die sonst länger liegengeblieben wären. Doch irgendwann sei die Grenze erreicht.

„Ich bin optimistisch und hoffe, das es spätestens Mitte März wieder losgeht“, meint Katrin Küttner. Wirklich nachvollziehen, kann sie nicht, weshalb die Friseure öffnen dürfen und die Kosmetikstudios nicht. Die Politik begründe das Zugeständnis an die Friseure mit der Würde der Menschen und der Hygiene.

„Ich habe viele Kunden mit Ekzemen. Sie sind regelmäßig zu mir gekommen, weil ihre Haut einer besonderen Pflege bedarf. Was ist mit deren Würde?“, fragt die Kosmetikerin. Diese Kunden bekommen in ihrem Studio die ersten neuen Termine. „Das ist für sie wirklich wichtig,“ betont sie.

Nageldesignerin leidet mit den Kunden

Seit zehn Jahren ist Nina Zschoche selbstständig. Sie arbeitet nicht nur als Nageldesignerin, sondern auch als Kosmetikerin und medizinische Fußpflegerin. Die ersten beiden Bereiche fallen seit Wochen komplett weg. Bei Menschen, die ein medizinisches Problem haben, wie einen eingewachsenen Nagel, und bei sehr alten Kunden übernimmt sie die Fußpflege. Mit Fotos kann sie nachweisen, dass diese auch notwendig war. „Aber von ein bis zwei Kunden pro Woche kann man nicht leben“, sagt die Waldheimerin.

Etwas helfen die Ersparnisse und, dass sie keine Miete zahlen muss, da sich der Behandlungsraum im eigenen Haus befindet. Aber auch dort laufen Kosten wie Versicherungen, Krankenkasse und Ähnliches weiter. „Die Zahlung der Hilfen kam sehr spät“, sagt sie.

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In den vergangenen Wochen hat sie vorgerichtet, Utensilien aussortiert und sich mit Masken, Einmalhandschuhen und Schutzkitteln eingedeckt, um für den Neustart gerüstet zu sein. „Aber von Gespräch zu Gespräche der Regierung wurde ich enttäuscht“, erklärt Nina Zschoche.

Sie leidet mit den Kunden, die immer wieder nach Terminen fragen. Die verschieben sich im Bestellbuch mit jeder neuen Entscheidung von Land und Bund. „Langsam reicht es. Ich bin nicht der Typ, der aufgibt. Ich arbeite gern und darf nicht. Aber die Nachfrage ist sehr groß“, meint sie. Deshalb hat sie bisher auch nicht das Gefühl, das Kunden abspringen werden.

Fußpflegerin schreibt an Ministerpräsidenten

Der Frust und die Enttäuschung von Katrin Kornol sind so groß, dass sie sich mit einem Brief an Sachsens Ministerpräsidenten Michael Kretschmer (CDU) gewandt hat. „Die Podologen dürfen arbeiten, wenn der Kunde ein Rezept vom Arzt bringt.

Der große Rest der Menschen, die auf Hilfe angewiesen sind, weil sie aus gesundheitlichen oder Altersgründen selbst nicht in der Lage sind, sich um ihre Füße zu kümmern, geht unter“, sagt die Harthaer Fußpflegerin. Die normale Fußpflege diene nicht nur der Schönheit, sondern verhindere, dass Probleme entstehen, mit denen die Menschen dann einen Arzt aufsuchen müssten.

Seit 2004 arbeitet Katrin Kornol als Fußpflegerin, zuerst mobil, seit 2013 in einem Kosmetikstudio mit Fußpflege. In den letzten Wochen habe sie sich ernsthaft Gedanken darüber gemacht, ob sie das Geschäft weiterführen oder aufhören soll. „Denn ohne meinen Mann hätte ich mir nicht einmal etwas zu essen kaufen können“, erzählt sie.

Corona-Hilfen nur Tropfen auf dem heißen Stein

Zwar habe sie die November- und Dezemberhilfen beantragt. „Aber das ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein.“ Miete und andere Fixkosten liefen weiter. Zudem herrsche eine gewisse Verunsicherung aufgrund der ständigen Korrekturen in Bezug auf die Verwendung des Geldes. Einen Kredit aufzunehmen, kommen für sie aber nicht mehr infrage, sagt die 53-Jährige.

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Zu vielen Kunden habe sie keinen Kontakt mehr, andere betteln um Termine, dritte beschimpfen sie. „Ich sitze zwischen zwei Stühlen. Ich darf nicht arbeiten und die Kunden tun mit leid, weil ich weiß, wie ihre Füße aussehen“, sagt Katrin Kornol.

Inzwischen hat sie sich entschlossen, weiterzumachen. Sie hofft, dass sie ihr Studio im März wieder öffnen kann und freut sich über jeden Kunden, der dort wieder reinschaut.

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