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Verliert Tschechien die Kontrolle über Corona?

Tschechien hat innerhalb eines Tages mehr Corona-Neuinfektionen verzeichnet als im ganzen März. Ein Nachbar schließt deshalb jetzt die Grenzen.

Tschechien hat innerhalb eines Tages mehr Corona-Neuinfektionen verzeichnet als das viel größere Deutschland. Am Donnerstag wurde mit 3.130 neuen Fällen erstmals die 3.000er-Marke überschritten.
Tschechien hat innerhalb eines Tages mehr Corona-Neuinfektionen verzeichnet als das viel größere Deutschland. Am Donnerstag wurde mit 3.130 neuen Fällen erstmals die 3.000er-Marke überschritten. © Czech Tourism

Von Hans-Jörg Schmidt

Jeder Morgen in Tschechien beginnt seit Tagen mit einer schlechten Nachricht: erneut hat die Zahl der positiv auf das Corona-Virus Getesteten einen Rekordwert erreicht. Am Freitag erfuhren sie, dass diese Zahl einen Tag zuvor erstmals die Grenze von 3.000 überschritten hat. Soviel hatte es im gesamten März gegeben. Eine Erklärung dafür: Jetzt wird sehr viel mehr getestet als je zuvor. Die Menschen stehen geduldig vor den Teststationen, häufig mehrere Stunden. Täglich können mehr als 20.000 Tests ausgewertet werden, Ziel sind 25.000.

Aktuell sind mehr als 20.000 Menschen infiziert. Glücklicherweise ist der Verlauf der Erkrankungen zumeist relativ leicht. 413 Patienten werden derzeit in den Krankenhäusern behandelt, 91 davon mit einem schweren Verlauf. Seit Dienstag ist die Zahl der Neueingewiesenen um 35 gestiegen. 489 Menschen sind bislang im Zusammenhang mit Corona gestorben, am Donnerstag waren es vier.

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Noch ist das kein Grund zur Panik, heißt es aus dem Gesundheitsministerium. Die Krankenhäuser könnten die doppelte Menge an Patienten behandeln. Doch die Steigerungen sind bereits exponentiell. „Die Lage ist nicht gut, die Epidemie gewinnt an Kraft“, räumt denn auch Gesundheitsminister Adam Vojtěch ein. Die schwärzeste Prognose aus seinem Haus schockierte die Tschechen am Donnerstag. Danach wären bis Ende des Jahres zwischen 200.000 bis 3,6 Millionen Erkrankte denkbar - Horrorzahlen für das Land, das 10,7 Millionen Einwohner hat. Und drei Viertel der Erwachsenen plagt nach einer repräsentativen Umfrage am meisten die Angst, an Corona zu erkranken.

Slowakei schottet sich von Tschechien ab

Am Freitag begann sich das einstige „Bruderland“ Slowakei von Tschechien abzuschotten, entgegen wochenlanger anders lautender Zusicherungen aus Bratislava. Tschechen dürfen seit 9 Uhr nur noch in die Slowakei, wenn sie einen aktuellen negativen Test vorweisen können. Ansonsten müssen sie in Quarantäne. 

Dass sich ausgerechnet die Slowaken abgrenzen, hat tiefe symbolische Bedeutung. Der tschechische Premier Andrej Babiš - ein gebürtiger Slowake - zeigte sich dementsprechend auch tief enttäuscht: „Ich denke, wir sind kein Risikoland. Wir könnten darüber diskutieren, wer wie testet. Die Slowakei testet fünfmal weniger als wir. Also: Es tut mir leid, dass sie so entschieden haben.“

Babiš wird generell zunehmend dünnhäutiger. Er kommt nicht umhin, einzugestehen, dass man im Sommer zu leichtsinnig gewesen sei. Es sei wohl ein Fehler gewesen, in dieser Zeit völlig auf die Maskenpflicht zu verzichten. „Doch alle wollten damals zurück zu einem normalen Leben“, suchte er sich am Donnerstag im Parlament zu verteidigen. Und als ihm die von den Oppositionsbänken auf ihn einprasselnde Kritik zu viel wurde, forderte er die Abgeordneten auf, „nicht nur ständig über Corona“ zu diskutieren, „sondern lieber über das Kleingarten-Gesetz abzustimmen“, das „ein wichtiger Schritt zur Selbstversorgung des Landes mit Obst und Gemüse“ wäre.

Maskenpflicht für Schüler, Schließzeiten für Bars

Die Streitigkeiten gehen auch quer durch die Regierungskoalition. Die Sozialdemokraten verlangen seit Tagen die Wiedereinrichtung des nationalen Krisenstabes. Der Premier lehnt das als „lächerlich“ ab. Der Grund für sein Nein liegt darin, dass dieser Krisenstab vom sozialdemokratischen Innenminister geleitet wurde, der auch die täglichen Pressekonferenzen veranstaltete. Babiš möchte dem jetzt nicht neuerlich dieses Forum geben. In reichlich 14 Tagen gibt es Wahlen in Tschechien, die für den Premier und seine Bewegung ANO ohnehin schon schwer genug werden dürften.

Da sich die Infektionen nicht mehr nur schwerpunktmäßig ausbreiten - Deutschland hat bisher Prag und den die Hauptstadt umgebenden Mittelböhmischen Kreis zum Risikogebiet erklärt - gelten die neu ergriffenen Maßnahmen gegen Corona wieder landesweit. Schüler ab der 6. Klassenstufe müssen seit Freitag Masken auch im Unterricht aufsetzen. Die Schulen sind ein Schwerpunkt der Infektionen. Der andere sind Restaurants und Bars. Für die gilt ab Samstag eine Schließzeit zwischen Mitternacht und 6 Uhr. Es dürfen dort auch nur so viele Gäste rein, wie Sitzplätze vorhanden sind. 

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