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Vernunft ist gut, doch Verbote wirken besser

Politiker müssen uns dazu bringen, Corona-Regeln einzuhalten. Es braucht Autoritäten, die nicht autoritär sind.

Die Einhaltung von Verboten muss gewährleistet, ihre Nichtbeachtung bestraft werden - meint SZ-Redakteur Heinrich Löbbers.
Die Einhaltung von Verboten muss gewährleistet, ihre Nichtbeachtung bestraft werden - meint SZ-Redakteur Heinrich Löbbers. © Arne Dedert/dpa

Neulich in der Straßenbahn: Zwei junge Frauen sitzen da und wollen eine Reaktion. Sie reden nicht, ihre Blicke sagen alles: „Guck doch mal, wir haben keine Maske auf. Komm schon, reg‘ dich auf!“

Ich hab mich dann woanders hingesetzt. Keine Lust, mit unverbesserlichen Egoistinnen rumzustreiten. Ignorieren ist vielleicht das bessere Mittel gegen Provokation. Manchmal regt sich auch der Ordnungshüter in mir: Müsste man diese Maskenverweigerer und Abstandsbrecher nicht verpetzen? Besser, wir hüten uns vor solchem Denunziantentum.

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Ausbildende und Azubis beantworten ab dem 25. Januar bei digital durchgeführten Infosessions Fragen von Schülern zu Berufsbildern und ihren Unternehmen.

In dieser Phase der Pandemie, in der trotz Teil-Lockdowns die Infektionszahlen einfach nicht sinken, sind die Nachrichten über Impfstoffe echte Hoffnungsschimmer. Doch so lange bis sich der bestätigt, geht es um Regeln und Verbote - und darum, wie sie eingehalten werden.

Auch wenn nicht alles, was hinkt, schon ein Vergleich ist: die Corona-Debatten dieser Tage erinnern an Situationen, wie man sie aus Familien kennt: die besorgte Mutti und der strenge Vater mahnen vergeblich, dieses zu tun und jenes zu unterlassen. Aus Bitten werden Ermahnungen, aus Ermahnungen Drohungen, aus Drohungen schließlich Bestrafungen. Wer nicht hören will, muss fühlen?

Ohne strengere Regeln geht es offenbar nicht

Wenn wir uns nicht alle an die Maßnahmen halten, gibts kein Weihnachten. So hieß es zunächst aus der Politik. Nun dürfen wir Weihnachten in Großfamilie feiern. Doch wenn wir sonst nicht artig sind, drohen nachher Hausarrest, geschlossene Schulen, totaler Lockdown.

Wir sind aber nicht im Kindergarten. Politiker sind definitiv nicht unsere Erziehungsberechtigten. Und mündige Bürger keine wehrlosen Kinder. Nur sind wir leider in einer Situation, in der den gewählten Bestimmern kaum anderes übrig bleibt, als unsere Freiheiten zu beschneiden. Und erstaunlicherweise: Die meisten Menschen sind durchaus bereit, sich drastischen Einschränkungen zu fügen. Was freilich nicht heißt, dass sie sich wirklich immer und überall daran halten.

Der populäre Philosoph David Precht meint sogar: „Die Menschen lieben Verbote.“ Auch wenn sie erst mal meckern. Jedenfalls weiß man dann, woran man ist. Wenn eines klar geworden ist in den letzten Wochen, die längst nicht so kontaktarm waren wie nötig: Appelle allein reichen nicht aus. Es ist gut und richtig, immer wieder Eigenverantwortung und Vernunft anzumahnen. Leider zeigen aber insbesondere die sächsischen Corona-Zahlen: Für Zögern und Zaudern ist keine Zeit. Ohne strengere Regeln und Verbote geht es offenbar nicht.

Doch Verbote müssen 1.: klar und konsequent sein, 2.: für jeden verständlich und nachvollziehbar sein, und 3.: muss ihre Einhaltung gewährleistet, ihre Nichtbeachtung bestraft werden.

Ohne Einsicht keine Akzeptanz

Vermutlich würde es bei einigen Regeln schon ausreichen, sie zum Beispiel mit saftigen Bußgeldern konsequenter umzusetzen, statt sie zu verschärfen und trotzdem nicht zu kontrollieren. Es gibt gute Gründe, zu Hause zu bleiben, Weihnachtsmärkte abzusagen, Gaststätten, Konzerthäuser und Fitnessstudios zu schließen. Vor allem zu Kontaktvermeidung. Doch auch hier ist es wie bei der Erziehung: Bevor Regeln konsequent umgesetzt werden, müssen sie mühsam erklärt und plausibel begründet werden. Selbstverständlich muss darüber debattiert und gestritten werden. Ohne Einsicht keine Akzeptanz. Es geht nicht um Befehl und Gehorsam. Die Kunst liegt darin, Menschen zu überzeugen, sich freiwillig den Regeln zu unterwerfen. Dazu braucht es vor allem Glaubwürdigkeit und Vertrauen. Zum Beispiel darin, dass dieser Ausnahmezustand nicht zur Normalität wird. Es braucht Entscheider, die Autorität ausüben, ohne autoritär zu sein.

In ihrer Ratlosigkeit neigen manche zu übertriebenem Alarmismus. Wenn die Rede ist vom „härtesten Weihnachten“ seit dem Krieg oder von Todeszahlen, „als würde jeden Tag ein Jumbojet abstürzen“, wirkt das ebenso grotesk wie die Studentin, die sich wie Sophie Scholl fühlt, oder wie das Wehklagen über eine Generation von Nichtschwimmern, nur weil die Schwimmbäder mal einige Monate zu sind. Bange machen überzeugt nicht, es führt höchstens zu Bockigkeit.

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Ach, wie schön wäre es, wenn alle den Gemeinsinn vor den Eigensinn stellten. Wenn sich jeder an diesen einen Corona-Imperativ hielte: Nämlich sich so zu verhalten, dass man andere – auch unbewusst – nicht gefährden kann. Wir werden es ja bald ausprobieren. Und werden sehen, wie erfolgreich der Appell ist, vor Weihnachten quasi in Selbstquarantäne zu gehen, damit es nach dem Fest keine böse Bescherung gibt.

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