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Viele Ärzte in Sachsen haben eine 50-Stunden-Woche

Mehr Bürokratie, weniger Zeit für Patienten: Die Unzufriedenheit wächst, zeigt eine Studie. Neue Zeitmodelle sollen her.

Operationen gehören zum Tagesgeschäft. Die Dokumentation danach allerdings auch.
Operationen gehören zum Tagesgeschäft. Die Dokumentation danach allerdings auch. © Sven Hoppe/dpa

Eigentlich sollten Ärzte im OP stehen oder ambulant ihre Patienten untersuchen. Doch pro Jahr wendet jede Arztpraxis 61 Arbeitstage allein für ihre Informationspflichten auf. Das geht aus dem Bürokratieindex der Kassenärztlichen Bundesvereinigung hervor. Seit Beginn der Corona-Pandemie verbringen die Mediziner noch mehr Zeit am Schreibtisch – und damit weniger am Patienten. Beidem können sie nur gerecht werden, in dem sie Überstunden machen. Das tun sie massiv. Das zeigt eine Studie zur Arbeitszeit bei Ärztinnen und Ärzten, die die sächsische Landesärztekammer am Mittwoch vorgestellt hat.

Das Institut für Sozialmedizin, Arbeitsmedizin und Public Health an der Uni Leipzig hat im Frühjahr 2020 dafür 1.000 Mediziner in Sachsen befragt. Durchschnittlich schieben sie zehn Überstunden pro Woche, vor allem im stationären Bereich. Waren dort 37 Arbeitsstunden vertraglich vereinbart, wurde im Schnitt tatsächlich 50 Stunden gearbeitet. Jede Woche.

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Jeder Fünfte will kürzer treten

Jeder Dritte ist damit unzufrieden, etwa jeder Fünfte so sehr, dass er seine Arbeitszeit reduzieren will. „Wir sehen lange Wochenarbeitszeiten, den zunehmenden Wunsch nach flexiblen Arbeitszeitmodellen und Teilzeitbeschäftigung, aber auch den Wunsch, über den Renteneintritt hinaus zu arbeiten“, sagte Professorin Steffi Riedel-Heller, die die Untersuchung geleitet hat. Denn je älter die Mediziner werden, umso zufriedener sind sie mit Arbeit und zeitlicher Belastung. Ihre jüngeren Kollegen bis 44 Jahre, die Beruf und kleine Kinder unter einen Hut bekommen müssen, sehen das anders. Vor allem, weil mit 58 Prozent mehr als die Hälfte der sächsischen Ärzte Frauen sind.

Wie bei den meisten anderen Berufsgruppen auch haben für Mediziner Familie und Partnerschaft oberste Priorität. Danach kommt die Arbeit, gefolgt von Freizeit und gesellschaftlichem Engagement. Für viele von ihnen sei das Arbeits- und Lebensmodell früherer Generationen nicht mehr denkbar. „Da gibt es einen deutlichen Umbruch“, konstatierte Riedel-Heller. „Damals hat man gelebt, um zu arbeiten, heute arbeitet man, um zu leben“, sagte Erik Bodendieck, Präsident der Sächsischen Landesärztekammer. Je näher der Ruhestand aber rücke, um so reizvoller sei für viele die Idee, auch nach dem Eintritt ins Rentenalter dienstlich aktiv zu bleiben. 75 Prozent der Über-60-Jährigen könnten sich das vorstellen.

26.223 Ärzte sind im Freistaat derzeit registriert, inklusive der Rentner und Ärztinnen in Mutterschutz oder Elternzeit. „Berufstätig sind derzeit 18.415“, listete Bodendieck auf. Die 1.000, die an der Studie teilnahmen, waren im Schnitt 48 Jahre alt, eher weiblich als männlich, überwiegend verheiratet oder in Partnerschaft lebend, ein Großteil hat zwei Kinder. Im Durchschnitt betreuen diese Menschen 41 Patienten am Tag in Praxen oder 21 Patienten pro Tag in Krankenhäusern.

41 Prozent arbeiten schon jetzt reduziert. Doch das bringt meist nicht die erhoffte Entspannung. Auch das zeigt die Studie. Denn knapp die Hälfte der Ärztinnen mit einer vertraglich geregelten 21- bis 39-Stunden-Woche arbeiten subjektiv mehr als 40 Stunden. Den knapp 30 Prozent der Ärzte in Teilzeit geht es ähnlich.

Ärztekammer fordert mehr Mediziner

„Ärzte in Sachsen sind auf vielfältige Weise belastet“, sagte Bodendieck. Um sich um ihre immer älter werdenden Patienten und die bürokratischen Anforderungen zu kümmern und den notwendigen Weiterbildungen nachzukommen, brauchten sie mehr Zeit. Die Landesärztekammer fordert daher schon lange mehr Mediziner in der Versorgung und zehn Prozent mehr Studienplätze. „Bislang konnten wir dafür auf keine valide Datenbasis verweisen“, so Bodendieck. Mit der Studie habe sich das geändert. Durch sie könnten nun Entwicklungstendenzen erkannt und Einflussfaktoren erfasst werden, um frühzeitig reagieren zu können.

Doch wer heute mehr Studienplätze einrichtet, kann erst in frühestens elf Jahren mit zusätzlichen fertig ausgebildeten Ärzten rechnen. Allein das Studium dauert im besten Fall sechs Jahre, die sich anschließende Facharztausbildung mindestens fünf.

Weder der Chef der Landesärztekammer noch die Wissenschaftlerin wollen es deshalb bei der Forderung nach mehr Ärzten belassen. Sie sehen massiven Handlungsbedarf bei der Arbeitsorganisation. Die Kliniken bräuchten neue Arbeitszeitmodelle, und auch die Patienten müssten verstehen, dass sie nicht zwölf Stunden lang vom gleichen Arzt betreut werden könnten. Das verlange eine Veränderung von Abläufen und Strukturen, sowie Teamarbeit und Abstimmung unter den Ärzten, so Bodendieck.

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Geprüft werden müsse außerdem, wie mit anderen Gesundheitsfachberufen zusammen gearbeitet werden könne, vor allem in puncto Dokumentation. „Wir müssen schauen, inwieweit Tätigkeiten, die bislang dem Arzt zugeordnet waren, abgegeben werden können“, so Bodendieck. Der Arzt sei für medizinische Dinge zuständig. Für viele andere Aufgaben sei er überqualifiziert. Ein Medizinstudium kostet den Staat zwischen 200.000 und 300.000 Euro. „Lassen wir die Menschen tun, wofür sie ausgebildet sind.“

Die Studie ist eine Langzeituntersuchung. In vier Jahren soll es eine neue Befragung geben.

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