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Das wahre Leben ist ein Spiel

Viele sind spielfreudig, manche sind spielverrückt. Die Chemnitzer Familie Kempe hat diesen gewissen Knall. Über 2.500 Brettspiele umfasst ihre Sammlung.

Der Chemnitzer Thomas Kempe kennt die Welt der Spiele in- und auswendig.
Der Chemnitzer Thomas Kempe kennt die Welt der Spiele in- und auswendig. © Matthias Rietschel

Wer glaubt, dass Wohnungen nur dazu da sind, um dort zu leben, war noch nicht bei den Kempes. Die Familie aus Chemnitz hat eine eigene Spielewohnung. Dort stapeln sich die Packungen in meterhohen Regalen. „Das ist unsere Spielesammlung“, sagt Thomas Kempe. "Und nein, es ist nicht nur ein Zimmer, es ist eine ganze Wohnung." Über 2.500 Spiele lagern in den Räumen. Die Familie wohnt nebenan. Dort packen sie die Spiele im Wohnzimmer regelmäßig aus. Klassiker wie "Mensch-ärgere-dich-nicht", die neueste Krimi-Knobelei "Exit" oder allein 17 verschiedene Versionen der "Siedler von Catan". Die Kempes haben sie alle schon ausprobiert oder wie es der Profi sagt: Mal angespielt.

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Wenn Thomas Kempe auf Brettspiele zu sprechen kommt, kann er reden wie ein Wasserfall. Er hat eigentlich Philosophie und Maschinenbau studiert. Kuriose Kombination. „Ja, sowas gibt es, ich bin damit aber, glaube ich, der einzige in Deutschland.“ Er wollte die Schnittstelle zwischen Geistes- und Ingenieurswissenschaften füllen. Heute arbeitet er als Online-Projektmanager.

Zum Spielen kam er dagegen nebenbei: „Bei den Studenten ist es so: Die einen haben Geld und die anderen brauchen welches. Ich gehörte zur zweiten Kategorie.“ Also fing Thomas Kempe an, als Museumspädagoge zu arbeiten. Er gestaltete Kindergeburtstage und Workshops. Um die Kleinen und Großen bei Laune zu halten, half er sich mit Brettspielen aus. Mehr und mehr bahnte er sich den Weg in die Spielewelt. „Man rutscht immer tiefer in das Thema hinein.“

Mit bekannten Spieleautoren per Du

Abends traf er sich regelmäßig mit Freunden zum Spielen. Daraus entstand der Verein Chemnitzer Würfeltürmer. Vor der Corona-Zeit saßen sie in gemütlichen Runden am Abend zusammen, um über das neueste Brettspiel zu fachsimpeln oder für Turniere zu üben. Und weil Kempe nicht genug bekommen konnte, organisierte er mehrere Jahre die Chemnitzer Spieletage - eines der größten kostenfreien Spieleevents Deutschlands.

Auch seine Frau ist eine leidenschaftliche Spielerin. Gemeinsam fahren sie regelmäßig auf Spiele-Messen. Cynthia Kempe-Schönfeld leitete zeitweilig das Spielemuseum in Chemnitz. Jetzt arbeitet die 42-Jährige als Geschäftsführerin im kulturellen Zentrum Kraftwerk, mit Spielen hat das nur am Rande zu tun. Die Familie zog es immer weiter in die verspielte Welt - bald waren sie mit bekannten Spieleautoren per Du. Für Cynthia und Thomas sind diese Spieleentwickler kleine Berühmtheiten, wie es für Filmbegeisterte Regisseure sind.

Thomas Kempe setzt sich im Wohnzimmer auf die braune Couch. Spiele sind hier kaum zu finden. "Die stehen ja alle in der zweiten Wohnung." Um ihn herum stapeln sich Bücher, CDs, Plüschtiere, Basteleien. „Einmal Sammler, immer Sammler.“ Er zeigt auf eine Horde Schokohasen und verdreht dabei lachend die Augen. „Meine Tochter findet die so süß, deswegen sammelt sie jetzt Hasen.“ Jedes Jahr zu Ostern kommen mehrere dazu.

Spiele bilden die Gesellschaft ab

Vor einem Jahr gründete Thomas Kempe dann ein Spiele-Institut. Dort wird nicht nur gespielt, sondern auch geforscht. Seine Augen leuchten. Immer wieder verliert er sich in kleinen Anekdoten über die kulturprägende oder gar kulturschaffende Komponente des Spiels. „Spiele bilden die Gesellschaft, den kulturellen Rahmen ab.“ Kempe kann vieles über die Herkunft und Geschichte der Spiele erzählen: „Wussten Sie, dass Monopoly von einer Frau in den USA erfunden wurde? Haben Sie davon gehört, dass der deutsche Klassiker Mensch-ärgere-dich-nicht aus Indien kommt?“

Sagt man einen Spielenamen, weiß Thomas Kempe sofort, um was es geht. Hin und wieder verschwindet er kurz, zurück kommt er mit bunten Spielekartons – besonders die Asiaten würden ausgefallene Verpackungen entwerfen. Er habe mal angefangen solche Kuriositäten zu sammeln. Bald stapeln sie sich auf dem Wohnzimmertisch. „Das Spiel“, sagt Kempe, „das ist ein Kulturgut. Eine Nationalbibliothek gibt es dafür aber noch nicht.“

Thomas und Tochter Sophia in der zauberhaften Welt des Spiels "Einhorn Glitzerglück". Nur gemeinsam kommt man ans Ziel.
Thomas und Tochter Sophia in der zauberhaften Welt des Spiels "Einhorn Glitzerglück". Nur gemeinsam kommt man ans Ziel. © Matthias Rietschel

Tochter Sophia steht in der Wohnzimmertür. Die Sechsjährige hat – wer hätte es gedacht - eine Schachtel in der Hand. „Einhorn Glitzerglück“, heißt das Spiel. Es leuchtet im schönsten Pink. Sophia stellt es selbstbewusst auf den Tisch. „Das will ich spielen!“ Der Vater macht den buntbemalten Karton auf, heraus purzelt noch mehr Pink: Violette Würfel, Einhörner, Karten. Die Anleitung liest Thomas Kempe ernst und laut vor. Erklärbär heißt diese Rolle im Fachjargon. Laut vorlesen: Das rät er jedem. „Die Anleitung hat sich ein professioneller Redakteur mehrere Monate ausgedacht, damit es auch wirklich jeder versteht.“

Tochter Sophia würfelt in die Runde. „Manche Kinder können das mit sechs Jahren nicht“, sagt Thomas Kempe empört. Es sei wichtig zu lernen, wie man richtig miteinander würfelt, knobelt. „Spielen, das ist für mich Allgemeinbildung. Auch das wahre Leben ist ein Spiel. Spiele haben klare Grenzen. Das Leben hat genauso ein Regelwerk.“

Spielen - das ist Allgemeinbildung

Viele Seminare hat er schon gegeben - für Kinder, Erzieher, Pflegebedürftige. Ein Grund, warum sich die bunten Schachteln bei den Kempes zuhause türmen. Er spielt mit jedem. Auch mit Anzugträgern, wie er sie nennt „Ich war mal auf einer Telekom-Veranstaltung und hab mit denen gespielt. Ja, da zeigen sie ihren wahren Charakter.“

„Als Spieler entdeckt man ganz viele Mechanismen im Leben und wenn sie merken, wie sie diese Mechanismen nutzen oder für sich umdrehen können, dann kann man einen spielerischen Moment erzeugen: Was passiert, wenn ich einen der Parameter umdrehe. Dann fallen viele Kartenhäuser in sich zusammen – im Regelfall wird es dann spannend und lustig.“ Er zeigt auf sein T-Shirt: "Tom und Jerry" steht in roten Lettern darauf. "Ich hätte auch einen Anzug tragen können, vielleicht hätten Sie das erwartet." Die Spielregeln im wahren Leben umzudrehen, das mache ihm Spaß.

Während ihr Vater erzählt, deckt Sophia ein kleines Kärtchen auf: Ein Igel und ein Eichhörnchen lugen darunter hervor. „Hier muss es hin.“ Zwar wird sich ernst an die Regeln gehalten, doch gelacht wird viel dabei. Thomas Kempe zeigt zwischendurch auf die Karten: „Das hätte man besser machen können.“ Ja, er überlege selbst manchmal, so ein Spiel zu entwerfen: „Aber es gehört mehr dazu – das hat viel mit Mathe zu tun. Manche sitzen Jahre an einem Spiel. Die wenigsten können davon leben.“ Es sei denn, sie landen einen Bestseller.

Der typische Spieleentwickler

Thomas Kempe kennt viele Spielautoren – so heißen die Spieleentwickler. Mit vielen saß er schon in der Kneipe. „Eigentlich ist es eine ganz kleine Branche, irgendwann hat man sie alle mal getroffen. Die typischen Autoren sind Lehrer, Ärzte, Mathematiker und Juristen. Leute, die sich gern an Regeln halten.“

Doch zurück zum Einhorn-Zauberspiel. Thomas Kempe setzt seine Figur auf die lila Wolke. Alle sind am Ziel angekommen und haben gesiegt: „Ein kooperatives Spiel – da geht der Trend gerade hin“, sagt Mutter Cynthia. Die Eltern lassen ihre Tochter Sophia aber nicht einfach gewinnen. „Die Kinder merken sowas. Das ist eine Geringschätzung. Spielen hat was mit Respekt zu tun.“

Mensch-ärgere-dich mal anders: "DOG-den letzten beißen die Hunde" - Hier wird nicht gewürfelt man bewegt seine Spielfiguren mit Karten vorwärts, die so manche Überraschung parat halten können.
Mensch-ärgere-dich mal anders: "DOG-den letzten beißen die Hunde" - Hier wird nicht gewürfelt man bewegt seine Spielfiguren mit Karten vorwärts, die so manche Überraschung parat halten können. © Matthias Rietschel
Das Brettspiel "Vikings Gone Wild" ist ein unterhaltsames Familienspiel, indem die Spieler in Form ihres Wikingerclans mit Hilfe von Bier und Gold um die Gunst des Gottes Thor kämpfen.
Das Brettspiel "Vikings Gone Wild" ist ein unterhaltsames Familienspiel, indem die Spieler in Form ihres Wikingerclans mit Hilfe von Bier und Gold um die Gunst des Gottes Thor kämpfen. © Matthias Rietschel
Und wer ist der schnellste in der Küche? Das kooperative Echtzeitspiel "Kitchen Rush" landete auf der Empfehlungsliste 2020 des Vereins" Spiel des Jahres"
Und wer ist der schnellste in der Küche? Das kooperative Echtzeitspiel "Kitchen Rush" landete auf der Empfehlungsliste 2020 des Vereins" Spiel des Jahres" © Matthias Rietschel

Sophia holt noch eine weitere Packung hervor. Postman – ein Detektivspiel. Sie breitet die Bilder auf dem Tisch aus. Die kleine Wohnzimmerecke verwandelt sich in eine kleine Stadt voller buntbemalter Häusern. Große und kleine Gebäude, mit eckigen und runden Fenstern. „Du musst das richtige Haus finden“, sagt Sophia. Sie ist flink, sie steht lieber, um alles zu überblicken. „Die Kinder lernen indirekt. Klar ist es einfacher, die Glotze anzumachen. Aber hier lernen die Kinder Regeln kennen. Sie lernen sich zu konzentrieren“, sagt Thomas Kempe, der kerzengerade am Tisch sitzt und konzentriert die Karten legt. Drei bis fünfmal in der Woche holt die Familie Karten und Würfel aus der Spielewohnung. Manchmal werde aber auch am Computer gezockt. „Ich will das beides nicht gegenseitig ausspielen.“

Spiele werden beliebter – schon vor der Pandemie

Was aber fasziniert die Familie so sehr an den Spielen? Bei der Frage lacht Thomas Kempe laut. Er will jetzt keine Floskeln nennen. “Es gibt nichts, was du im Spiel nicht findest.“ Die Spielewelt sei bunt und werde immer bunter, sagt seine Frau. Allein im Jahr 2020 sind über 1.000 neue Spiele erschienen – die Verlage werden überschwemmt mit Ideen. Der Trend zum Brettspiel besteht nicht erst seit Corona, sagt Thomas Kempe, der mehrere Jahre in einem Spielwarenladen gearbeitet hat: „Warum begeisterten sich immer mehr Leute für Brettspiele im 20. Jahrhundert? Weil es eine ähnliche Situation wie heute war. Wir haben jetzt die Digitalisierung und Globalisierung. Damals war es die Industrialisierung. Das übt Druck auf die Bevölkerung aus. Die Leute ziehen sich zurück ins Private, um Sicherheit zu finden.“

Ein Rückzug in die Welt der Karten, Würfel und Figürchen. Doch die kann auch schnell überfordernd wirken. „Man könnte jeden Tag vier neue Spiele ausprobieren“, sagt Kempe. Um sich durch den Dschungel der Karten und Würfel zu wagen, empfiehlt er, sich an Siegeln zu orientieren. Aber vor allem sei es wichtig, offen zu bleiben: „Man braucht eine kindliche Neugier. Und einen gewissen Knall.“

Die drei Lieblingsspiele der Familie Kempe:

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Wie es dazu kam, dass ausgerechnet in der sächsischen Kleinstadt Dohna die Meister im "Mensch-ärgere-dich-nicht" würfeln.

  • 1. Wer knifflige Kriminalfälle lösen möchte, sollte das kooperative Detektivspiel "MicroMacro" spielen. Es ist für die ganze Familie geeignet. Thomas Kempe glaubt, dass es bald "Spiel des Jahres" wird.
  • 2. Das Kartenspiel "Dooble" richtet sich an Kinder ab vier. Alle spielen gleichzeitig. Wer am schnellsten reagiert, hat gewonnen.
  • 3. Fliesen legen kann auch Spaß machen: Das taktischen Legespiel “Azul” war "Spiel des Jahres 2018". Es richtet sich an Jung und Alt und macht den Kempes besonders viel Vergnügen.

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