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Pädagogin fordert: "Öffnet Kitas wieder für alle"

Seit über einem Jahr ständig neue Regeln und nun wieder Notbetrieb - jetzt reicht's einer Löbauer Kita-Leiterin. Sie schreibt einen Brandbrief an den Kultusminister.

Verkehrstraining in der Awo-Kindertagesstätte Haus Sonnenschein in Löbau: Leiterin Anke Gruhl zeigt den Kindern, wie man sich im Straßenverkehr richtig verhält.
Verkehrstraining in der Awo-Kindertagesstätte Haus Sonnenschein in Löbau: Leiterin Anke Gruhl zeigt den Kindern, wie man sich im Straßenverkehr richtig verhält. © Matthias Weber/photoweber.de

Fröhlich düsen die Kleinen mit den Fahrrädern die Übungsstrecke entlang. Verkehrstraining steht an diesem Vormittag auf dem Programm in der Löbauer Kita "Haus Sonnenschein". Was nach einem normalen Kindergartentag aussieht, ist in Wahrheit eine große Abwechslung, ein bisschen Normalität - für Kinder wie Erzieherinnen. Denn normal ist für Kinder, Eltern und Erzieher seit über einem Jahr nichts mehr. Und genau das will Anke Gruhl jetzt nicht mehr länger hinnehmen. Sie leitet die Kita in Löbau Süd, die von der Awo Oberlausitz betrieben wird. "Unsere Kräfte sind verbraucht, wir fühlen uns nicht wahrgenommen und nicht wertgeschätzt", sagt Anke Gruhl. Ein Grund seien die sich ständig ändernden Vorschriften, die mitunter an der Realität vorbeigehen.

"Bisher sind alle Mitarbeiter unserer Kindertagesstätten – pädagogisches und technisches Personal – ohne großes Murren auf der Achterbahn mitgefahren", so Frau Gruhl. Man habe die oftmals sehr kurzfristig getroffenen Entscheidungen respektiert und akzeptiert, gute Bedingungen für die Kinder geschaffen, die Eltern bei Unsicherheiten begleitet und deren Unmut ertragen, den Vorteil von Mund-Nasen-Bedeckungen gepriesen und später das Tragen immer vehement eingefordert. "Wir haben Systemrelevanz erklärt und uns böse Kommentare dazu angehört."

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Und jetzt fahren die Kitas wieder im Notbetrieb. Nicht selten hat Anke Gruhl mit Eltern zu tun, die flehen und bitten, dass sie ihre Kinder bringen können, weil sie keine andere Lösung parat haben. Deshalb fordern Anke Gruhl und andere Kita-Leiter: "Kindertagesstätten sollen wieder für alle öffnen!"

Diese und andere Forderungen hat die Löbauer Kita-Leiterin jetzt stellvertretend für ihre Kollegen, die in den Kitas der Awo Oberlausitz arbeiten, in einem Brief an Sachsens Kultusminister Christian Piwarz (CDU) aufgeschrieben. Sie fordert auch: "Lassen Sie die Eltern wieder ins Gebäude! Gehen Sie vor den nächsten Beschlüssen, was den Betrieb von Kitas betrifft, in die Einrichtungen und machen Sie sich ein Bild von der Wirklichkeit! Wertschätzen Sie unsere Arbeit und reden Sie mit uns!"

Kein Personal für Hol- und Bringdienst

Doch was bringt die Erzieher so in Rage? Das seelische Wohlbefinden der Kinder leidet ihrer Ansicht nach unter der Situation, ständig herrschen neue Bedingungen in der Betreuung. "Und die Pädagogen leiden mit", so Frau Gruhl. Das neueste Dilemma: Seit der Öffnung der Kitas nach Ostern, dürfen Eltern gemäß der aktuellen Corona-Schutz-Verordnung die Kita nur noch mit negativem Corona-Testergebnis betreten. Der Test darf maximal 72 Stunden alt sein, bestätigt das Kultusministerium diese Regelung auf Nachfrage der SZ. Weil das im täglichen Betrieb schlicht nicht funktioniert, sieht die Praxis jetzt so: Die Erzieher nehmen die Kinder am Eingang entgegen und übergeben sie dort wieder an die Eltern.

In den Stoßzeiten morgens und nachmittags werden Erzieher und Leiterin so regelrecht zu "Laufburschen", schildert Anke Gruhl die Lage. Ein großes Problem dabei: Wenn die Erzieherin ein Kind zur Tür bringt oder holt, muss sie ihre Gruppe allein lassen. Denn zusätzliches Personal, was diesen Hol- und Bringdienst übernehmen könnte, gibt es nicht.

Die Gespräche mit den Eltern fallen dementsprechend kurz aus. Manchmal gebe es jedoch Redebedarf. Aber in der Gruppe warten die Kinder und vor der Türe die anderen Eltern. Hinzu kommt, dass es nicht immer die gewohnte Erzieherin sein kann, die das Kind übernimmt. "Der psychologische Effekt dieser Bestimmungen ist für die Kinder nicht förderlich", sagt die Löbauer Pädagogin. Es gibt Kinder, die wachsen an solchen Herausforderungen. Andere aber kommen überhaupt nicht damit zurecht, sind mit dieser Situation völlig überfordert. "Man muss ja auch das Alter der Kinder sehen."

Vorbereitung auf die Schule fällt aus

Hinzu kommt, dass die Kitas ihre pädagogischen Konzepte unter den Corona-Einschränkungen gar nicht voll umsetzen können - und das seit über einem Jahr. Was das für Folgen für die Kinder und ihre Entwicklung hat, daran will Anke Gruhl gar nicht denken. So konnte zum Beispiel die Vorbereitung der Vorschulkinder auf die Schule nicht wie gewohnt stattfinden. Schnuppertage in der Schule, das Kennenlernen der Lehrer und des Schulhauses fiel komplett aus. Lehrer durften auch nicht in die Kita kommen.

In der Einrichtung von Anke Gruhl, dem Haus Sonnenschein, gibt es normalerweise Themenecken und Bereiche, in denen Kinder aus verschiedenen Gruppen zusammenkommen können. Andere Kitas arbeiten nach dem offenen Konzept, bei dem sich die Kinder frei im Haus bewegen können und somit die Selbstbestimmung und Selbstorganisation gefördert werden soll, beschreibt Frau Gruhl. Auch das ist momentan nicht möglich.

Normalerweise können sich die Kinder beim Vesper im Haus Sonnenschein selbstständig bedienen oder bereiten die Snacks zum Teil auch selbst mit zu. Das ist unter Einhaltung der aktuellen Hygienebestimmungen nicht möglich. So fällt vieles weg, was den Kindern bei ihrer Entwicklung hilft.

Ministerium plant aktuell keine Lockerungen

Im sächsischen Kultusministerium, das die Bestimmungen erarbeitet hat, kennt man die Kritikpunkte. "Es gab während der nunmehr ein Jahr andauernden Pandemie immer wieder Experten- und Diskussionsrunden zu den verschiedenen Maßnahmen mit Kita-Leitungen und den Trägern im Ministerium. Auch durch viele Gespräche am Telefon und die Schreiben per Mail bekommen wir die Probleme vor Ort geschildert", erklärt Dr. Susann Meerheim, Referentin im Kultusministerium, auf Nachfrage der SZ. Und weiter: "Wir wissen, dass einige Maßnahmen eine große Herausforderung, besonders personell, für die Erzieher vor Ort bedeuten." Rückmeldungen von den Pädagogen und Mitarbeitern würden zudem helfen, "die verschiedenen Maßnahmen auf ihre Wirkung zu analysieren und gegebenenfalls auch Korrekturen vorzunehmen, wenn nötig", so Frau Meerheim.

Dennoch bleibt das Ministerium dabei: Mit den Maßnahmen wolle man Kinder und Personal schützen, damit die Kitas auch weiterhin offen bleiben können. Ausnahmen sind nicht vorgesehen - auch nicht für Eltern von Kindern mit Beeinträchtigungen oder Behinderungen. "Die Schutzmaßnahmen sollen ja auch nicht für immer bleiben, sondern können mit sinkenden Zahlen auch wieder schrittweise zurückgefahren werden", erklärt Referentin Susann Meerheim.

Kita-Leiterin Anke Gruhl plädiert dafür, dass wenigstens Eltern mit Mundschutz und unter Einhaltung der Hygiene- und Abstandsregeln wieder in die Einrichtung kommen können, um allen die Lage etwas zu erleichtern. Das Kultusministerium stellt allerdings auf Nachfrage der SZ aktuell keine Lockerungen dahingehend in Aussicht.

Und auch die Awo hat auf den Brief der Kita-Leiterin an das Kultusministerium noch keine Rückmeldung erhalten - weder im positiven noch im negativen Sinne. Ende April hatte sie das Schreiben nach Dresden gesendet.

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