merken
PLUS Wirtschaft

Wann kommt die Novemberhilfe wirklich?

Seit fünf Wochen sind die Gaststätten zu. Der Staat will Geld geben, doch das dauert. Der Dresdner Sommelier Jens Pietzonka verlässt sich erst mal auf Günther Jauch.

Jens Pietzonka darf in seiner Weinzentrale in der Dresdner Neustadt keine Gäste mehr bewirten. Für solche Fälle hat der Staat schnelle Novemberhilfe versprochen. Doch selbst die Abschlagszahlung ist noch nicht da.
Jens Pietzonka darf in seiner Weinzentrale in der Dresdner Neustadt keine Gäste mehr bewirten. Für solche Fälle hat der Staat schnelle Novemberhilfe versprochen. Doch selbst die Abschlagszahlung ist noch nicht da. © Sven Ellger

Die Weinprobe nächste Woche kann stattfinden: Der Sommelier Jens Pietzonka aus der Dresdner Neustadt hat die Flaschenpakete bereits ausgeliefert. Seine Kunden werden gemütlich zu Hause vor dem Bildschirm sitzen und via Skype mit ihm über Weinlagen und Qualitäten plaudern. Günther Jauch wird sich auch zuschalten, „von Potsdam oder von der Mosel aus“, sagt Pietzonka.

Denn der Quizmaster und Weingutsbesitzer Jauch gehört zu den Lieferanten von Pietzonkas Bar namens Weinzentrale und hat gerade Zeit. Die Veranstaltung ist ausgebucht.

Anzeige
Hier wird die Zukunft entwickelt
Hier wird die Zukunft entwickelt

Spitzenforschung und Lehre auf hohem Niveau gibt es auch außerhalb von Großstädten und Ballungszentrum: nämlich an der Hochschule Zittau/Görlitz.

Die Weinprobe am Bildschirm ist nicht die einzige Idee, mit der sich der 48-jährige Barbetreiber im Corona-Jahr Kundschaft gesichert hat. Im Sommer stellte er einen roten Verkaufswagen samt Liegestuhl-Verleih an den Elberadweg bei der Albertbrücke. Die Stelle mit Altstadtblick erwies sich als ideal: „Unglaublich, was da konsumiert wurde“, sagt Pietzonka. Er musste einen Leergut-Container dazustellen.

Touristen kamen gezielt in diese Dresdner Weinbar

Dabei war die weinliebende Kundschaft erst einmal ausgeblieben, als die Bar nach dem ersten Lockdown im Frühjahr wieder öffnen durfte. Pietzonka erlebte ein ständiges Auf und Ab: Im März und April funktionierte sein Lieferservice „supergut“. Nach seinem Eindruck wollten viele Kunden ihre Gastronomen unterstützen – auch den Dresdner, der mehrmals als Sommelier des Jahres ausgezeichnet wurde, in Sterne-Restaurants gearbeitet hat und sich 2015 in seiner Heimatstadt selbstständig machte.

Die Monate Mai und Juni nach dem Lockdown dagegen zeigten: Die Menschen wollten wieder ausgehen, aber lieber nicht in Bars. Dank des mobilen Verkaufs an der Elbe konnte Pietzonka jedoch seinen Umsatz insgesamt halten. Außerdem kamen im Sommer viele Touristen gezielt zu ihm.

Doch in seiner Bar musste der Dresdner Gastronom die Abstände vergrößern, den Ausschank am Tresen einstellen, und seit November darf er nur noch Ware zum Mitnehmen oder Liefern anbieten. Für seine feste Angestellte bekommt er Kurzarbeitergeld. Doch für die beiden studentischen Aushilfen und den Koch, der anderswo eine feste Stelle und bei ihm nur einen Minijob hat, zahlt das Amt keinen Lohnersatz.

75 Prozent vom Umsatz - das kann großzügig sein

Pietzonka sagt zur Corona-Schließung, er stehe voll dahinter. Schon im März habe er ein mulmiges Gefühl gehabt, als seine Bar gut besucht war und die Nachrichten von steigenden Infektionszahlen zunahmen. Auch die Staatshilfen gefallen ihm grundsätzlich: Als Ersatz für die Ausfälle im November und Dezember sollen Gastronomen 75 Prozent der vergleichbaren Umsätze vom vorigen Jahr erhalten. „Damit kann man auskommen“, sagt er.

Sein Steuerberater Steffen Schmidt aus der Steuerberatungsgesellschaft KMK beurteilt die 75 Prozent als „großzügig“. Für manchen Betrieb schieße der Staat damit sogar übers Ziel hinaus. Schließlich sind 75 Prozent vom Umsatz weit mehr als der übliche Gewinn. Freilich muss gezahltes Kurzarbeitergeld von diesem Hilfsgeld abgezogen werden.

Damit aber beginnen die Schwierigkeiten, über die Sachsens Wirte und ihre Steuerberater derzeit klagen. Erst seit dem 25. November konnten sie die Novemberhilfe beantragen und mussten dabei möglichst schon das erhaltene Kurzarbeitergeld angeben.

Bis zu 10.000 Euro als automatische Abschlagszahlung

Am ersten Tag funktionierte die Antragstellung per Computerformular laut Schmidt „schleppend“, weil zu viele darauf zugriffen. Am 2. Dezember stellten Pietzonka und Schmidt den Antrag, bekamen eine automatische Eingangsbestätigung, aber noch kein Hilfsgeld.

Neun Tage Wartezeit sind normalerweise noch kein Anlass, sich über Behörden zu beklagen. Doch Schmidt weist darauf hin, dass zumindest die versprochenen Abschlagszahlungen bis zu 10.000 Euro innerhalb weniger Tage möglich sein müssten. Denn diese schnelle Hilfe wird vom Computer automatisch zugewiesen, in einer Bundesbehörde.

Erst später wird die Sächsische Aufbaubank die genaue Novemberhilfe für Pietzonka festlegen. Mit rund 20.000 Euro Novemberhilfe kann er daher erst für Januar rechnen. In dieser Zeit muss er weiter Miete zahlen. Auch Kurzarbeitergeld kommt immer erst nachträglich.

Pietzonka berichtet, dass sein Vermieter im Frühjahr großzügig war, auch Leasingkosten wurden gestundet. „Auf dem Konto sah das erst mal super aus. Aber nach zwei, drei Monaten wollten sie ihr Geld.“ Andere Wirte mit mehr Beschäftigten mussten hohe Kredite aufnehmen.

Für geschlossene Läden Übergangshilfe statt Novemberhilfe

Laut Sachsens Wirtschaftsminister Martin Dulig (SPD) wurden seit 25. November 7.211 Anträge auf Novemberhilfe in Sachsen registriert. Von beantragten 93 Millionen Euro wurden 14 Millionen als Abschläge ausgezahlt. Dass Pietzonka länger warten muss, kann laut Schmidt daran liegen, dass er im Frühjahr schon etwas Hilfsgeld bekam und erst bestätigt werden muss, dass er die EU-Höchstgrenze für Hilfen innerhalb eines Jahres nicht überschreitet.

Weiterführende Artikel

Corona: Protest-Autokorso durch Dresden

Corona: Protest-Autokorso durch Dresden

Noch immer sind selbst Hilfen aus 2020 nicht komplett bei den Gastronomen angekommen. Die wehren sich - und sorgen zeitweise für zähen Verkehr.

Sachsens Handwerk vermisst Coronahilfe

Sachsens Handwerk vermisst Coronahilfe

Die Überbrückungshilfe III muss erst programmiert werden. In diesem Monat können Händler und Handwerker wohl noch nicht einmal die Anträge stellen.

Dresdner Gastronomen: Wo bleibt die Novemberhilfe?

Dresdner Gastronomen: Wo bleibt die Novemberhilfe?

Viele Wirte können ihre Kosten nicht decken, weil das versprochene Geld später kommt. Warum das so ist und was das für die Branche bedeutet.

So soll die Novemberhilfe funktionieren

So soll die Novemberhilfe funktionieren

Wer als Gastwirt oder Künstler diesen Monat kaum Kunden hat, kann Geld beantragen. Vorher ist etwas Rechnen nötig.

Abstimmungen mit der EU führten auch dazu, dass viele Unternehmen noch nicht einmal Überbrückungshilfe II für September bekommen haben – im Unterschied zur Novemberhilfe erstattet dieses Programm Betrieben nicht Umsatzteile für die Schließzeit, sondern einen Teil der Fixkosten, wenn das Geschäft ab September eingebrochen ist. Minister Dulig machte am Freitag klar, dass sächsische Läden für die Schließzeit ab nächster Woche auch nur Überbrückungshilfe vom Bund erwarten können, nicht etwa 75 Prozent der Umsätze.

Mehr zum Thema Wirtschaft