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Warten auf den Impfstoff

In Tschechien läuft die Impfung sehr langsam an. Indes stoßen die ersten Krankenhäuser an ihre Grenzen.

Bis Mittwochabend waren im ganzen Land erst etwas über 70.000 Menschen geimpft, davon rund 3.000 im Bezirk Ústí,
Bis Mittwochabend waren im ganzen Land erst etwas über 70.000 Menschen geimpft, davon rund 3.000 im Bezirk Ústí, © Matthias Bein/dpa-Zentralbild (Symbolbild)

Hans Adamec aus Ústí nad Labem (Aussig) muss sich noch etwas gedulden. „Ich habe noch keinen Termin. Aber jetzt geht es voran. Da muss ich nicht extra deswegen nach Hongkong fliegen“, scherzt der 92-Jährige. Am Freitag ging in Tschechien das staatliche Webportal für die Impftermine in Betrieb. Registrieren dürfen sich zunächst alle Menschen über 80 Jahre. Davon leben in Tschechien rund 400.000. Doch die meisten nutzen allerdings kein Internet. Nicht so Hans Adamec, der sogar ein eigenes Konto bei dem sozialen Netzwerk Facebook hat. „Die Stadt hat sich aber schon bei mir gemeldet und Hilfe angeboten“, erzählt er erfreut.

Dieses Angebot haben viele Kommunen in Nordböhmen eingerichtet, um den begehrten Impfstoff schnell zu den Betroffenen zu bringen. Denn obwohl der offizielle Impfstart schon einige Tage her ist, kommt die Impfkampagne auch in Tschechien nicht ohne Ruckeln aus. Bis Mittwochabend waren im ganzen Land erst etwas über 70.000 Menschen geimpft, davon rund 3.000 im Bezirk Ústí, darunter zunächst Mediziner, Mitarbeiter der Rettungsdienste sowie seit Mittwoch auch Mitarbeiter und Bewohner in Alten- und Pflegeheimen.

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Ab 1. Februar können auch alle unter 80 Jahre ganz offiziell die Impfung beantragen. Doch bis sie an der Reihe sind, wird noch viel Zeit vergehen. René Levinský, Direktor des Zentrums zur Modellierung biologischer Prozesse sagte dem Server aktualne.cz, bis Mitte Februar sollten alle über 80-Jährigen wenigstens einmal geimpft sein, damit bis Mitte März auch alle über 70-Jährigen an der Reihe gewesen sind. Große Hoffnung ruht in Tschechien auf dem zweiten Impfstoff der Firma Moderna, der seit Donnerstag im Einsatz ist. Dieser ist weniger anspruchsvoll an die Lagerung als der von Biontech/Pfizer. „Dann können auch Allgemeinärzte in den Impfprozess einbezogen werden, was alles beschleunigen würde“, sagt Jan Schiller, der Bezirkshauptmann von Ústí.

Krankenhäuser vor dem Kollaps

Angesichts hoher Infektionszahlen erscheint in Tschechien die Impfung als letzte Rettung. Zwar sinkt die Zahl der Neuinfektionen inzwischen deutlich. Doch allein am Donnerstag wurden 8.032 neue Fälle gemeldet, etwas mehr als ein Drittel als im achtmal größeren Deutschland. Die Sieben-Tage-Inzidenz liegt zwischen 241 im Kreis Chomutov (Komotau) an der Grenze zu Sachsen und 1.130 im Kreis Trutnov (Trautenau) im Riesengebirge. Der strenge Lockdown, der seit dem 27. Januar gilt, scheint sich bemerkbar zu machen.

In den Krankenhäusern wird die Lage indes immer dramatischer. Betroffen ist besonders der Bezirk Karlsbad (Karlovy Vary), der schon letzte Woche meldete, keine freien Intensivbetten für Covid-Patienten mehr zu haben. Im Bezirk Ústí ist die Lage nur etwas weniger angespannt. Der Bezirkskoordinator für Intensivpflege Josef Škola spricht von 15-20 freien Intensivbetten für Covid-Patienten.

Trotzdem ist bisher nicht geplant, Patienten nach Sachsen zu verlegen. „Einerseits ist die Lage auch in Sachsen schlecht. Andererseits gibt es noch freie Betten in anderen Regionen Tschechiens“, so Škola. Das Problem seien dabei weniger freie Betten als vielmehr das Personal, das sie bedienen kann. Zwar bekommen die Krankenhäuser im Bezirk Unterstützung durch 60 Angehörige des Militärs sowie Medizinstudenten. Aber auch so bleibt die Personalknappheit ein großes Problem. Den Spitälern fällt der zwischenzeitliche Anstieg der Infektionszahlen im Dezember nun auf die Füße.

Die aktuellen Corona-Beschränkungen gelten zwar nur noch bis zum 22. Januar. Aber im Moment deutet nur wenig auf eine Lockerung hin. Restaurants, Hotels sowie alle Geschäfte, die keine Lebensmittel und weiteren Grundbedarf verkaufen, bleiben geschlossen. Auch die Lifte in den Skigebieten stehen trotz guter Schneelage weiterhin still. Ganz aufgegeben wurde die Saison anders als in Sachsen allerdings noch nicht. Das liegt auch daran, dass die Saison in Tschechien in den Höhenlagen von Riesengebirge, Böhmerwald und Beskiden in der Regel bis Ende März, oft auch noch darüber hinaus geht.

Anders als in Sachsen sind dagegen die Grundschulen für die ersten zwei Jahrgänge geöffnet. Gesundheitsminister Jan Blatný schloss sogar eine weitere Verschärfung der Maßnahmen nicht aus.

Hohe Durchseuchung

Dass die Zahl der Covid-Patienten in absehbarer Zeit sinkt, davon geht in Tschechien niemand aus. Lenka Šimůnková, die Chefin des Bezirkshygieneamtes Ústí, richtet den Blick bereits nach vorn: „Es wäre schön, wenn die Zahl der Patienten bis Ostern sinkt“, sagt sie. Das hänge aber wiederum von dem Fortschreiten der Impfung ab. Neben der Zahl der verfügbaren Impfstoffe ist die Impfbereitschaft die große Unbekannte. Einziger Vorteil der Situation in Tschechien könnte die vergleichbar hohe Infektionsrate sein. Mit 8,5 Prozent ist die Durchseuchung in Tschechien so hoch wie in kaum einem anderen Land. Dafür haben auch die Zehntausenden Antigen-Tests gesorgt, die der Bevölkerung seit einigen Wochen kostenlos zur Verfügung stehen und viele leichte Krankheitsverläufe aufgedeckt haben.

Davon will Hans Adamec aber nichts hören. Er verlässt sich auf seinen Lebenswillen und eine baldige Impfung.

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