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Corona-Inzidenz: Warum der Kreis Bautzen so gut dasteht

In der letzten Corona-Welle war der Kreis Bautzen einer der Negativ-Spitzenreiter, jetzt hat er eine der niedrigsten Inzidenzen. Virologen nennen dafür einen Grund.

In der letzten Corona-Welle war der Kreis Bautzen einer der Negativ-Spitzenreiter - jetzt steht er mit seiner Inzidenz ganz gut da. Ein Phänomen, dass auch Virologen beschäftigt.
In der letzten Corona-Welle war der Kreis Bautzen einer der Negativ-Spitzenreiter - jetzt steht er mit seiner Inzidenz ganz gut da. Ein Phänomen, dass auch Virologen beschäftigt. © Steffen Unger

Bautzen. Von etwa 300 auf über 700 stieg die Corona-Inzidenz im Landkreis Bautzen vom November zum Dezember vergangenen Jahres an. In wenigen Wochen entwickelte sich der Kreis zu einem der Negativ-Spitzenreiter Deutschlands, ähnlich erging es den Nachbarlandkreisen. Dieser Tage ist die Lage deutlich anders. Als blasser Fleck sticht der Kreis Bautzen auf der Karte des Robert-Koch-Instituts heraus: Die Inzidenz steigt zwar auch hier, aber mit einem Wert von 18,8 am Freitag dieser Woche ist der Kreis der mit der zwölft-niedrigsten in ganz Deutschland. Woran liegt das?

Sorgen die vielen Genesenen für eine niedrige Inzidenz?

Im Kreis Bautzen gab es eine Zeit lang eine besonders hohe Inzidenz. Fast 27.000 Leute gelten derzeit als Genesene.

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Statistisch hat sich damit Iryna Okhrin von der TU Dresden auseinandergesetzt. Sie hat errechnet, ob es einen Zusammenhang zwischen der Zahl der Genesenen eines Landkreises und seiner Sieben-Tage-Inzidenz gibt. Das Ergebnis: Ja, die gibt es – rein statistisch gesehen. Aber anders, als man vielleicht erwarten würde. Denn den Berechnungen zufolge erkranken – rein statistisch gesehen – in einem Kreis mehr Leute, wenn es mehr Genesene gibt. Deuten lässt sich daraus also nur, dass mehr Genesene nicht zu einer niedrigeren Inzidenz verhelfen.

Ein Corona-Experte ist Alexander Dalpke, Chef des Instituts für Medizinische Mikrobiologie und Virologie an der Medizinischen Fakultät der TU Dresden. Auch er ist überzeugt: „Die Zahl der Genesenen reicht nicht aus, um die Inzidenz niedrig zu halten.“ Um die Delta-Variante des Corona-Virus einzudämmen, wäre eine Herdenimmunität von 85 bis 90 Prozent notwendig, erklärt der Virologe. „Die haben wir bei weitem nicht erreicht; auch nicht, wenn wir die Genesenen zu den Geimpften dazuzählen.“

Deutschlandweit gebe es offiziell vier Millionen Genesene. Mit Dunkelziffer läge die Zahl vielleicht bei acht Millionen, schätzt Alexander Dalpke. „Das wäre dann ein Bevölkerungsanteil von zehn bis 15 Prozent.“ Geimpft sind im Kreis Bautzen derzeit 41,9 Prozent der Bevölkerung. „Selbst wenn der Genesenen-Anteil regional etwas höher liegt, reicht das nicht für einen Effekt aus“, ordnet er ein.

Niedrige Inzidenz trotz schlechter Impfquote - passt das?

61,9 Prozent – so hoch ist die Corona-Impfquote am 9. September in Deutschland laut dem Gesundheitsministerium des Bundes. Mit seinen 41,9 Prozent liegt der Kreis Bautzen also ziemlich genau 20 Prozentpunkte unter dem Schnitt und steht in Sachen Herdenimmunität weit zurück.

Christian Jassoy, kommissarischer Leiter des Bereichs Forschung und Lehre am Institut für Medizinische Mikrobiologie und Virologie in Leipzig, ist nur vorsichtig optimistisch. „Bremen gilt als Impfvorreiter“, sagt er. „Selbst die Impfquote von etwa 70 Prozent dort reicht aber nicht aus, um die Delta-Variante abzuhalten.“ Die Stadt hat gerade eine Inzidenz von 105. Trotzdem: Die Impfung helfe jedem einzelnen – von der zunehmenden Inzidenz sollte man sich nicht abhalten lassen, sagt er.

Wie viel Einfluss haben die Ferien?

Christian Jassoy und Alexander Dalpke sind sich einig: Die Ferien sind einer der Gründe für die derzeit niedrige Inzidenz im Kreis Bautzen im Speziellen und im Osten Deutschlands im Generellen. „Die Schulen waren zu, Chorproben fielen aus, das Fußballtraining und der Stammtischabend danach fanden nicht statt – dass durch die Ferien die Leute weniger zusammengekommen sind, wirkt sich auf die Inzidenz aus“, sagt Christian Jassoy. Und natürlich: Viele Leute waren unterwegs. Sie sind gerade erst zurückgekehrt; einige Infektionen kommen also quasi gerade erst an.

Ferien betreffen alle. Warum sticht Bautzen heraus?

Bautzen ist Anfang Juli mit einer außerordentlich niedrigen Inzidenz in den Sommer gestartet. Das wirkt jetzt noch nach, erklärt Christian Jassoy. Denn wo es weniger Ansteckungsherde gibt, verbreitet sich das Virus als Folge zunächst auch langsamer als an einem Ort mit vielen Infizierten. Bautzen ist also quasi im Rückstand.

Davon abgesehen, betonen Jassoy und Dalpke, lässt sich über die Gründe nur spekulieren. Christian Jassoy vermutet beispielsweise, dass sich in den vorausgehenden Monaten mit hohen Fallzahlen besonders solche Personen infiziert haben, die viele, lebhafte Kontakte pflegen. Fallen solche Personen jetzt als Überträger weg, breitet sich die Krankheit langsamer aus. Außerdem könnte es sein, dass einige Leute im Kreis Bautzen nach den hohen Fall- und Todeszahlen bei der letzten Welle nun vielleicht doch vorsichtiger agieren.

Und Alexander Dalpke vertritt noch eine andere These. Im Kreis Bautzen sei der Ausländeranteil gering; zumindest der Anteil an Bewohnern mit Kontakten in Hochrisikogebiete wie die Türkei oder dem Kosovo. „In einigen Kreisen kamen die Fälle mit Heimatbesuchern, die das Virus mitgebracht haben“, sagt Alexander Dalpke.

So ganz aufklären lasse sich diese Frage aber nicht, sagt Dalpke. Auch die Grippe habe regionale Verläufe. Sie verlaufe in Wellen durch Deutschland. Warum, das sei unklar.

Welche Entwicklung erwarten die Experten?

Einig sind sich Jassoy und Dalpke darin, dass der Kreis Bautzen noch vom Ferien-Effekt und von der guten Startposition im Juli profitiert. Die Zahlen werden wieder ansteigen, sind sich beide sicher. „Die Daten sprechen dafür, dass die Infektionszahlen in der Region einfach nur etwas später steigen“, sagt Alexander Dalpke. „Die Ferien sind in Sachsen erst jetzt zu Ende gegangen; die reiseimportierten Infektionen kommen erst jetzt langsam ans Licht.“ Gemeint seien damit sowohl Reisen ins Ausland als auch innerhalb des Landes.

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„Jetzt beginnt außerdem die Jahreszeit, in der sich respiratorische Viren generell besser verbreiten“, sagt er - und meint damit Atemwegsviren. „Die Viren sind weniger UV-Strahlung ausgesetzt, die Leute treffen sich wieder mehr in Innenräumen. Das begünstigt eine Ansteckung.“ Vor allem Ungeimpfte werden jetzt erkranken, sagt er. „Die Intensivstationen werden sich mit Ungeimpften füllen“, so seine Prognose.

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Auch Christian Jassoy blickt mit Sorge auf die Impfquote. Weil der Kreis Bautzen damit schlechter dasteht als andere Kreise, vermutet er nicht nur, dass die Corona-Inzidenz in der Region bald wieder deutlich ansteigt – sondern dass der Kreis schnell auch schlechter dasteht als Regionen, in denen die Quote höher ist. Er hoffe auf die mobilen Impfteams: Mit einem Impfangebot in den Gemeinden erreiche man vielleicht noch Leute, die auf die passende Gelegenheit warten.

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