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Warum die 2. Corona-Welle schwerer einzudämmen ist

Die Pandemiebekämpfung wirkt unübersichtlich. Denn die zweite Corona-Welle verläuft regional sehr unterschiedlich und das Ausbruchsgeschehen ist diffus.

Hamburg: Polizisten kontrollieren in einer Kiez-Kneipe am Hans-Albers-Platz die Einhaltung der Corona-Vorgaben in der Gastronomie. Hintergrund der Kontrollen sind besonders viele Infektionen in der Gruppe der 20- bis 40-Jährigen.
Hamburg: Polizisten kontrollieren in einer Kiez-Kneipe am Hans-Albers-Platz die Einhaltung der Corona-Vorgaben in der Gastronomie. Hintergrund der Kontrollen sind besonders viele Infektionen in der Gruppe der 20- bis 40-Jährigen. © Axel Heimken/dpa

Von Georg Ismar

Das malerische Eisenach am Fuße der Wartburg ist ein fast exotischer Ort in Deutschland, es weist aktuell keine einzige Corona-Neuinfektion aus. Während inzwischen 34 Städte und Kreise bundesweit die kritische Obergrenze von 50 Neuinfektionen je 100.000 Einwohner in sieben Tagen reißen.

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Die Universitätsschule Dresden ist ein sogenannter Schulversuch. Bundesweit gilt sie als Vorreiter für eine neue Form des Unterrichts – nicht erst seit Corona.

Die neue Welle der Pandemie ist deshalb so schwer zu bekämpfen, weil sie regional so unterschiedlich verläuft und das Ausbruchsgeschehen diffus ist. Da neue Lockdowns vermieden und Schulen und Kitas offen bleiben sollen, wird hektisch nachjustiert, doch ein Patentrezept hat bisher niemand.

Die Großstädte Köln, Essen, Stuttgart entwickeln sich genau wie zuvor Bremen, Berlin und Frankfurt zu Hotspots. Fast überall werden nun nächtliche Sperrstunden ab spätestens 23 Uhr verhängt. Frankfurts Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) betont: „Wir können von anderen lernen.“ So habe in Hamburg der Erste Bürgermeister Peter Tschentscher mit einem Alkoholverkaufsverbot Erfolge erzielt.

Gleiches wurde aus München berichtet – dies war die erste Millionenstadt wo die 50er-Grenze überschritten wurde. Doch durch die Maßnahmen gelang es, die Zahlen wieder zu senken. Jetzt steigen sie hier erneut.

In Städten wie Berlin wurden Regeln wochenlang nicht streng genug kontrolliert oder befolgt, angefangen beim ordnungsgemäßen Ausfüllen der Kontaktdaten bis zum Umgang mit Partys und Großhochzeiten in geschlossenen Räumen. Die jetzige Lage ist daher auch ein Ergebnis fehlender Disziplin der Bürger und fehlender Durchsetzung von Regeln seitens der Behörden.

Die in sozialen Netzwerken kursierenden falschen Mythen von einer angeblichen Harmlosigkeit des Virus wurden im Sommer verstärkt durch den Fakt, dass sich vor allem junge Menschen infiziert hatten, die überwiegend keine schweren Krankheitsverläufe hatten.

Aber die noch auf niedrigem Niveau, aber sehr deutlich ansteigende Entwicklung bei den Fällen, die intensivmedizinisch behandelt werden müssen, bestätigt bisher die Wissenschaftler, dass das Virus mit Verzögerung wieder die Infektionszahlen in Risikogruppen steigen lässt.

„Da sind viele Irrlichter unterwegs momentan in der Öffentlichkeit“, sagte vor wenigen Tagen der Leiter des Instituts für Virologie an der Charité, Christian Drosten. Nach seinen Berechnungen ist die bisher festgestellte Sterblichkeit bei dem Corona-Virus 20 Mal höher als bei einer Grippe, geschätzt rund ein Prozent der Infizierten sei bisher gestorben.

Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach rechnet mit steigenden Zahlen bei den schweren Verläufen. Kommt es zu einer Entwicklung mit bis zu 20.000 Neuinfektionen täglich, bedeute diese mit zeitlicher Verzögerung 200 Tote täglich. „Zumindest dann, wenn auch viele Ältere infiziert sind“, sagt Lauterbach.

Schwierige Kontaktnachverfolgung

Im von Grünen, Linken und SPD regierten Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg könnte eine Entscheidung auf Wiedervorlage kommen: Kann man die angebotene Hilfe der Bundeswehr wirklich ausschlagen? Es geht hier vor allem um die Unterstützung, bei Infektionen die Kontakte der Personen abzuklappern, um Infektionsketten zu durchbrechen.

Stuttgart hat nun ebenfalls Hilfe der Bundeswehr angefordert. Der 50er-Grenzwert war ja von Bund und Ländern festgelegt worden, weil es bis dahin noch gut machbar ist, die Nachverfolgung zu gewährleisten. Berlins Regierender Michael Müller betont, es gebe jedoch allein in Berlin 200 offene Stellen bei den Gesundheitsämtern. Kanzlerin Angela Merkel (CDU) hat angeboten, dass der Bund in seinen Behörden nun nach Leuten fahndet, die man kurzfristig für Einsätze an der Corona-Front einsetzen könnte.

Labore stoßen vielerorts an ihre Grenzen

Schon kommende Woche dürfte die Grenze von 5.000 Neuinfektionen am Tag überschritten werden. Auch die Laborkapazitäten stoßen vielerorts an die Grenzen, bei 1,1 Millionen Tests pro Woche. „20.000 Fälle am Tag könnten wir niemals aufarbeiten“, sagt Lauterbach. „Wir müssten quasi so viele Leute in Quarantäne schicken, dass es wie ein zweiter Lockdown wirken könnte.“

Für die Schulen wird bereits ein Morgen- und Nachmittagsbetrieb empfohlen, mit genug Zeit zum Durchlüften. Je mehr schwere Fälle es gibt, desto stärker wird sich der Blick wieder auf die Intensivbetten richten, von denen im Moment noch 9328 frei sind. Den Charité-Vorstand Krankenversorgung, Ulrich Frei, sorgt vielmehr der Mangel an Intensivpflegekräften, zumal dieser durch Infektionen und Quarantänevorschriften noch verschärft werden könnte.

Da das Infektionsgeschehen bundesweit sich sehr unterschiedlich entwickelt, klaffen die Maßnahmen auseinander. Das vielerorts geltende Beherbergungsverbot für Reisende aus Risikogebieten wird auch von Ärzten kritisch gesehen. Zum einen wurden aus Hotels dank der Schutzkonzepte bisher kaum Infektionen gemeldet.

Zum anderen gibt es vielerorts kaum Kapazitäten, um die vom Verbot befreienden, selbst zu bezahlenden negativen Corona-Tests noch mitzumachen. Durch die neuen Sperrstunden fürchten Wirte nicht nur in Berlin, dass sich viele Feiern nach drinnen verlagern könnten.

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Diese Privatpartys aber könnten sich auch zu Keimzellen der Infektion entwickeln. Zudem zweifeln Experten, dass die in einigen Städten geplante Ausweitung der Maskenpflicht auf Fußgängerzonen und öffentliche Plätze etwas bringt. Ein bundesweit höhere Bußgeld für Maskenmuffel – CSU-Chef Markus Söder ist für 250 Euro – lehnt Sachsen-Anhalt bereits ab.

„Wir sollten nicht nur über Sanktionen sprechen, sondern uns stärker um die Bekämpfung der eigentlichen Ursachen der Hotspots kümmern“, betont der Regierungssprecher.

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