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Warum dieser Corona-Winter anders wird

Die Politik baut Schutzmaßnahmen ab, Coronavirus-Infektionen nehmen zu. Droht ein gefährlicher Winter – und was kann dagegen getan werden?

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Seit Ende September 2021 nehmen Infektionen mit dem Coronavirus Sars-CoV-2 rapide zu - in fast allen Altersgruppen.
Seit Ende September 2021 nehmen Infektionen mit dem Coronavirus Sars-CoV-2 rapide zu - in fast allen Altersgruppen. © Archiv/Sven Hoppe/dpa/Symbolfoto

Von Patrick Eickemeier Christopher Stolz und Claudia von Salzen

Einerseits baut die Politik Schutzmaßnahmen gegen das Coronavirus ab. Sowohl die geschäftsführende als auch die wohl zukünftige Bundesregierung wollen die „epidemische Lage von nationaler Tragweite“ Ende November auslaufen lassen. Auch fällt in vielen Bundesländern die Maskenpflicht an Schulen weg. Andererseits nehmen die Corona-Infektionen wieder rapide zu, auch die Anzahl der Krankenhauseinweisungen und der Corona-Toten steigt. Das klingt nach einer womöglich gefährlichen Gemengelage für Herbst und Winter.

Wie problematisch ist die aktuelle Situation im Vergleich zum letzten Jahr?

Seit Ende September 2021 beobachtet die das Robert-Koch-Institut (RKI) erneut eine Zunahme von Infektionen mit dem Coronavirus Sars-CoV-2. Er sei in fast allen Altersgruppen sichtbar. Im Vergleich zum gleichen Zeitpunkt im Vorjahr liegt die mittlere Sieben-Tage-Inzidenz für Deutschland sogar deutlich höher: 130 Fälle gegenüber 94 zu dieser Zeit im Jahr 2020. „Wir sehen aktuell einen früheren und sehr steilen Anstieg der Inzidenzen“, sagt Jana Schroeder, Chefärztin des Instituts für Krankenhaushygiene und Mikrobiologie der Stiftung Mathias-Spital in Rheine.

Steht Deutschland trotz der Erfahrungen des „Coronaw-Winters 20/21“ und der Impfung von nunmehr fast 70 Prozent der Bevölkerung sogar schlechter da als im Vorjahr? „Niemand in Deutschland hat bisher das Verhalten der Delta-Variante im Winter gesehen“, sagt die Virologin Schroeder. Sie ist wesentlich infektiöser als die Variante, die im Winter 20/21 vorherrschend war. Sie wird auch für schwerere Verläufe von Covid-19 verantwortlich gemacht. In Deutschland dominiert sie seit Sommer dieses Jahres das Infektionsgeschehen. „Die bisherige Impfquote reicht noch nicht dazu aus, die Welle zu brechen“, sagt die Virologin Schroeder. Wie im Vorjahr wird befürchtet, dass das Gesundheitssystem überlastet werden könnte.

Wie ist die Lage an den Krankenhäusern?

Die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) warnt bereits vor einer Überlastung. Der Vorstandsvorsitzende der DKG, Gerald Gaß, sagte gegenüber dem Redaktionsnetzwerks Deutschland: „Wir befinden uns in einer kritischen Situation der Pandemie.“ Die Zahl der Corona-Patienten in Krankenhäusern war in der vergangenen Woche um 30 Prozent gestiegen, sagte ein Sprecher des DKG dem Tagesspiegel. „Wenn diese Entwicklung anhält, haben wir schon in zwei Wochen wieder 3000 Patienten auf Intensivstationen“, sagte Gaß.

Dass es eng werden könnte in der Intensivversorgung von Covid-19-Patienten, hat einen weiteren Grund: Es fehlt geschultes Pflegepersonal. „Die zurückliegenden, zermürbenden Monate haben zu einer Verschlechterung der Stimmung und zu weiteren Kündigungen von Stammpflegekräften geführt“, sagt der vormalige Divi-Präsident Uwe Janssens. In der kommenden Zeit sei mit einer spürbaren Einschränkung in der Versorgung der Bevölkerung zu rechnen.

Der Deutschen Disziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi) nach folgt die Zahl der Intensivpatienten generell der Infektionsinzidenz. Es dauere allerdings weiterhin zwei bis drei Wochen, bis sich schwere Verläufe nach erfolgter Ansteckung entwickeln, sagte Divi-Präsident Gernot Marx dem Tagesspiegel. Belegung und Inzidenz an ein und demselben Tag zu vergleichen, funktionierte daher nicht, sagt er.

„Je mehr Menschen geimpft sind, desto geringer ist die weitere Verbreitung der Corona-Infektion, sinkt also die Inzidenz, und das heißt am Ende auch weniger schwer kranke Covid-19 Patienten auf den Intensivstationen im Verlauf der Pandemie“, sagt Marx. Studiendaten aus Israel zeigten deutlich, dass die Hospitalisierungsraten und Belegungen der Intensivstationen in klarer Beziehung zur Impfquote stehen. „Jeder Bürger kann immer noch den Verlauf der Pandemie durch Impfung oder Booster-Impfung positiv beeinflussen“, so Marx. „Damit steht und fällt alles!“

Wer muss mit Impfdurchbrüchen rechnen – und warum?

„Es war schon zu erwarten und nun sehen wir an den Impfdurchbrüchen, dass der Schutz vor Infektion einige Zeit nach der Impfung nachlässt“, sagt die Virologin Schroeder. Unter den Covid-19-Patientinnen, die im Krankenhaus behandelt wurden, geht das RKI von einem zunehmenden Anteil der Impfdurchbrüche aus. Besonders über 60-Jährige sind mit einem Anteil von über 40 Prozent betroffen. Bei jüngeren Erwachsenen sind es 17 Prozent, bei Kindern und Jugendlichen drei Prozent. In allen Altersgruppen überwiegt der Anteil ungeimpfter Krankenhauspatient:innen deutlich.

Den Zusammenhang höheren Alters mit dem Risiko einer Infektion und Erkrankung trotz Impfung belegt eine kürzlich im Fachjournal „The Lancet Respiratory Medicine“ veröffentlichte Studie. Ein Forschungsteam um Pinkus Tober-Lau von der Berliner Charité hat die Immunreaktionen geimpfter älterer Menschen, im Durchschnitt 82 Jahre alt, mit denen von im Durchschnitt 35 Jahre alten Beschäftigten im Gesundheitswesen verglichen.

Sechs Monate nach der ersten Immunisierung mit dem mRNA-Impfstoff von Biontech/Pfizer hatten die Älteren deutlich weniger Antikörper gegen das Virus als die Jüngeren. Etwa 60 Prozent der Blutproben von der älteren Gruppe konnten das Virus neutralisieren, dagegen 95 Prozent der Proben der jüngeren Kohorte. Auch die zelluläre Immunantwort fiel bei den älteren Probanden geringer aus als bei den jüngeren.

Das Ergebnis, dass die Immunität älterer Personen schneller nachlässt und nach sechs Monaten deutlich niedriger ist, deckt sich auch mit Beobachtungen aus Ländern wie Israel. Durchbruchsinfektionen mit der Variante Delta treten vor allem vor allem bei älteren und vorerkrankten Personen auf. Die Autoren der Charité-Studie formulieren sehr vorsichtig, dass eine dritte Impfung anfällige Bevölkerungsgruppen vor Durchbruchinfektionen mit schweren Verläufen schützen könnte. Die Ständige Impfkommission am RKI empfiehlt über 70-Jährigen die dritte Impfung. „Diese Altersgruppe sollte sich diese Impfung dringend beim Hausarzt holen“, rät Jana Schroeder.

Muss die Politik jetzt eine Kampagne für Booster-Impfungen starten?

Die Ständige Impfkommission empfiehlt Auffrischungsimpfungen für Menschen über 70 Jahre, für Bewohnerinnen und Bewohner in Pflegeheimen auch unterhalb dieser Altersgrenze, für Personen mit einem geschwächten Immunsystem sowie für medizinisches Personal und Pflegekräfte. Auch denjenigen, die den Impfstoff von Johnson & Johnson bekommen haben, wird die Booster-Impfung empfohlen. Nach Angaben des Robert-Koch-Instituts haben bisher mehr als 1,8 Millionen Menschen eine Auffrischungsimpfung erhalten, am Mittwoch wurden dafür erstmals mehr als 100.000 verabreichte Impfdosen an einem einzigen Tag verabreicht.

Doch aus Sicht von Karl Lauterbach geht es mit den Auffrischungen nicht schnell genug: Der SPD-Gesundheitsexperte verwies am Donnerstag darauf, dass einer in Israel durchgeführten Studie zufolge die Schutzwirkung der Impfung mit Biontech nach sechs Monaten deutlich abnahm, und forderte eine Kampagne für die Auffrischungen. „Ideal wäre es, eine schnelle, gut organisierte Booster-Impfung zu haben“, schrieb Lauterbach auf Twitter. „In den Praxen ist dies unorganisiert. Es gibt keine Kampagne.“ Die Menschen, die für die Booster-Impfung infrage kommen, würden von den Arztpraxen nicht angeschrieben, kritisierte der Gesundheitsexperte.

Auch der Intensivmediziner Christian Karagiannidis, der das Divi-Intensivregister leitet, verwies auf die mit der Zeit nachlassende Wirkung der Impfungen. Diese schützten zwar noch vor einem schweren Verlauf, aber die Übertragungen bei Geimpften nähmen zu. Er sprach sich grundsätzlich für Booster-Impfungen bei Erwachsenen aus. Auffrischungen bei über 18-Jährigen könnten auch helfen, die stark steigenden Inzidenzen zu dämpfen.

Wie kann man sich schützen?

„Wir können uns aus dieser Pandemie herausimpfen“, sagt die Virologin Schroeder. Aber vollständige Immunisierungen bislang nur einfach oder gar nicht Geimpfter und Auffrischungsimpfungen für ältere, vorerkrankte und besonders gefährdete Personen seien nicht die einzigen Werkzeuge, die genutzt werden sollten. „Die AHA+L-Regeln sollten weiterhin eingehalten werden“, sagt Schroeder.

Persönliche Verhaltensregeln wie das Tragen von Mund-Nase-Bedeckungen, auch wo es nicht vorgeschrieben ist, Händehygiene und das Abstandhalten von Mitmenschen schützen vor dieser und auch anderen Tröpfcheninfektionen. In Innenräumen sollte daher auch im Winter auf gute Durchlüftung geachtet werden. Wer sich selbst gut schützt, senkt auch das Risiko, andere anzustecken. Daran ändert sich auch im Corona-Winter 21/22 nichts.

Wie können Ungeimpfte zu einer Impfung motiviert werden?

Fast zwei Drittel der Ungeimpften in Deutschland wollen sich auf keinen Fall zeitnah gegen das Coronavirus immunisieren lassen. Das geht aus einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Forsa im Auftrag des Bundesgesundheitsministeriums hervor. Befragt wurden zwischen dem 29. September und dem 10. Oktober mehr als 3000 Personen, die bis dahin die Möglichkeit zur Impfung nicht wahrgenommen hatten.

23 Prozent von ihnen gaben an, eine Impfung eher nicht zu planen. Nur zwei Prozent der Befragten wollen sich in den kommenden acht Wochen auf jeden Fall impfen lassen, weitere drei Prozent sind eher dafür. Aufschlussreich an dieser Umfrage ist zudem, dass der Anteil der Unentschlossenen mit sieben Prozent sehr niedrig ist. Dabei wäre diese Gruppe wohl am ehesten durch Argumente zu überzeugen.

Als Grund dafür, dass sie sich bisher nicht impfen ließen, gaben 74 Prozent der Befragten an, die verfügbaren Impfstoffe seien nicht ausreichend erprobt. Für 63 Prozent war zudem ausschlaggebend, dass auch Geimpfte sich mit dem Coronavirus infizieren können. Mehr als zwei Drittel sagen, der Druck von außen sei ihnen zu groß, sie wollten nach eigenem Ermessen handeln. Fast ebenso viele haben Angst vor möglichen Impfschäden oder Langzeitfolgen.

Die Frage, was die Impfbereitschaft erhöhen würde, liefert kein klares Bild. Mehr als die Hälfte der Befragten glaubt, die Bereitschaft würde zunehmen, wenn Vakzine mit einem von anderen Impfstoffen bekannten Wirkprinzip, zum Beispiel Totimpfstoffe, zum Einsatz kämen. Zugleich geht die große Mehrheit der Ungeimpften nicht davon aus, dass deutlich steigende Inzidenzen oder staatliche Maßnahmen überhaupt einen Einfluss auf die Impfbereitschaft haben könnten.