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Warum Görlitz nur die Absage des Weihnachtsmarktes blieb

Görlitzer Kliniken arbeiten am Limit, Stationen werden geschlossen, OPs verschoben. Der Christkindelmarkt wäre ein großes Wagnis.

Von Sebastian Beutler
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So sieht es auch jetzt bereits wieder im Görlitzer Klinikum aus. Das Foto aber stammt aus dem November 2020, als die zweite Welle die Region heimsuchte.
So sieht es auch jetzt bereits wieder im Görlitzer Klinikum aus. Das Foto aber stammt aus dem November 2020, als die zweite Welle die Region heimsuchte. © Städtisches Klinikum Görlitz

Das Wort Absage des Christkindelmarktes fällt erst spät bei dieser Pressekonferenz, zu der der Görlitzer Oberbürgermeister kurzfristig die Journalisten in den kleinen Sitzungssaal im Rathaus am Dienstagmorgen gebeten hat. Erst die Geschäftsführer des städtischen Kulturservice nehmen es dann in den Mund, da ist aber jedem bereits klar, dass es zum zweiten Mal hintereinander keinen Christkindelmarkt geben wird. Corona wegen.

Stattdessen ist zuvor viel von der Lage in den Kliniken die Rede, und es ist zu spüren, wie schwer allen fällt, was sie zu sagen haben. Ursu hat sich Verstärkung mitgebracht. Die Geschäftsführerin und die Prokuristin der beiden Görlitzer Krankenhäuser schildern die Lage bei ihnen. Ines Hofmann (Klinikum) und Daniela Kleeberg (Carolus) leiten zwei in vielerlei Dingen unterschiedliche Kliniken, aber sie eint an diesem Morgen ein Anliegen. Sie wollen der Öffentlichkeit vermitteln, wie schwierig die Lage bereits wieder ist. "Wir sind am Limit", sagt Ines Hofmann. "Mehr kann unser Haus nicht stemmen". Im Süden des Landkreises ist die Lage ganz ähnlich.

Krankenhäuser schließen Stationen, verschieben OPs

Beide Görlitzer Krankenhäuser sind bemüht, Platz zu schaffen. Platz für Corona-Patienten. Das Klinikum hat zwei Isolierstationen eingerichtet, das Carolus eine. Im städtischen Krankenhaus liegen 23 Corona-Patienten und fünf weitere auf der Intensivstation, im Carolus 15 Corona-Patienten und zwei auf der Intensivstation.

Dafür ist im Klinikum bereits die Geriatrie weitgehend geschlossen worden bis auf die Tagesklinik. Andere Stationen zum Teil, seit Montag werden weitere Stationen geschlossen. Alle Patienten, die nicht an einer lebensbedrohlichen Krankheit leiden, werden vertröstet, Eingriffe verschoben. Da geht es nicht nur um Lappalien. "Das kann auch ein Hautkrebs-Patient sein, dessen Erkrankung nicht unbedingt lebensbedrohlich in den nächsten zehn Tagen ist", sagt Ines Hofmann. Im Carolus ist es ganz ähnlich, eine Station wurde hier geschlossen. Wenn weitere Corona-Patienten eingeliefert werden, sagt Daniela Kleeberg, dann müssen auch hier Eingriffe verschoben werden.

Personal ist ausgelaugt und müde von Corona-Wellen

Das Problem sind in beiden Häusern nicht die Betten. Da gab es sowohl auf den Normalstationen als auch auf den Intensivstationen (ITS) keinen Abbau im Vergleich zur zweiten oder dritten Corona-Welle. Das Carolus hält drei von sieben ITS-Betten für Corona-Patienten frei, das Klinikum verfügt über maximal 24 ITS-Betten - für alle Patienten.

Das Problem ist jetzt das Personal. Zum einen ist es ausgelaugt noch von den Anstrengungen der vorangegangenen Wellen, zum anderen ist zwar die Ärzteschaft fast zu 100 Prozent geimpft, doch beim Pflegepersonal sieht es anders aus. Erkrankungen und Quarantäne führen zu massiven Personalproblemen. "Wir gehen nicht mehr mit voller Schlagkraft in diese vierte Welle", schätzt Ines Hofmann ein, wenngleich die Krankenhäuser natürlich zu ihrer Verpflichtung stehen, jeden Patienten zu behandeln, der es nötig hat.

Immer mehr Corona-Patienten in den Krankenhäusern

Eine schnelle Verbesserung dieser Situation ist nicht zu erwarten. Auch am Dienstag wurden wieder mehr Patienten in den Kliniken im Kreis behandelt (150 im Vergleich zu 146 am Montag) und mehr von ihnen lagen auf Intensivstationen (17 statt 15 am Montag).

Täglich verzeichnet das Kreis-Gesundheitsamt Hunderte neuer Infektionen in der Bevölkerung. Allein seit 10. November registrierte die Behörde bis diesen Dienstag 2.600 Neuinfektionen. Am Dienstag überspringt auch die Inzidenz, vom Kreis berechnet, die 1.000er-Marke. Es ist nur eine Frage der Zeit, wann auch das entscheidende Robert-Koch-Institut in Berlin den Inzidenzwert so hoch ausweist.

Über 4.000 Menschen sind bereits zu Hause in Quarantäne. Und wenn das Gesundheitsamt nicht die Quarantäneregeln nach der dritten Welle angepasst hätte und die Kontaktnachverfolgung noch vollständig leisten könnte, wären es deutlich mehr. Dass es nicht so ist, darauf deutet die erneute Hilfsanfrage bei der Bundeswehr. Das macht deutlich: Die Durchseuchung der nicht-geimpften Bevölkerung geht rasant vor sich, und immer häufiger trifft es auch geimpfte Senioren, die nach ihren ersten beiden Impfungen im Januar, Februar und März keine Booster-Impfungen im Sommer erhalten hatten. Auch sie sind nun zunehmend Patienten in den Krankenhäusern. Aber: "Geimpfte haben auf Station meist mildere Verläufe der Erkrankung", sagt Daniela Kleeberg.

Christkindelmarkt mit Zäunen und Masken ist keiner

Angesichts dieses Lagebildes, des extrem dynamischen Verlaufs der Pandemie, so sagt es Oberbürgermeister Octavian Ursu, kann er es nicht verantworten, einen Christkindelmarkt durchzuziehen, bei dem trotz aller veränderten Konzepte die Gefahr von Ansteckungen nicht ganz auszuräumen ist. Zudem sei es für ihn schwer vorstellbar, einen Christkindelmarkt mit Zäunen, Insellösungen und Kontrollen durchzuführen. "Eine Variante mit Masken, Zäunen, Zugangsbeschränkungen und Kontrollen, um weitere Infektionen zu vermeiden, wäre kein Schlesischer Christkindelmarkt, auf dem sich viele von uns wohlfühlen würden", sagte Ursu.

Am Montagabend informierte Ursu den Ältestenrat des Stadtrates. In ersten Reaktionen aus dessen Reihen wird Ursu viel Verständnis für die Entscheidung gezollt. "In der aktuellen Lage mit sich immer weiter füllenden Intensivstationen sind Massenveranstaltungen fahrlässig", erklärt beispielsweise Jana Krauß von der Fraktion Motor/Grüne. "Dem OB und dem städtischen Kulturservice blieb keine andere Wahl, als abzusagen." Dagegen kritisiert sie das Verhalten von Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU), der bis vor wenigen Tagen noch Weihnachtsmärkte für möglich hielt, dann aber am Wochenende umschwenkte. "Viele Händler und Gastronomen sind mitten in den Vorbereitungen, Kosten bereits aufgelaufen", sagt Frau Krauß.

Der städtische Kulturservice aber rechnet nicht mit Schadensersatzforderungen von Händlern, es seien auch noch keine Verträge abgeschlossen worden für den Christkindelmarkt.

Auch andere sagen Märkte und Veranstaltungen ab

Görlitz steht nicht allein mit der Absage des Weihnachtsmarktes. Während Bautzen zunächst seinen Markt um eine Woche verschob, strich Radeburg seinen auch. Und am Dienstag trafen zudem unablässig die Absagen von Konzerten, Filmvorführungen oder Kulturveranstaltungen in Görlitz ein.

Eine Ausnahme aber wird es geben. Die Eislaufbahn am Obermarkt eröffnet wie geplant an diesem Freitag, die Aufbauarbeiten laufen bereits. Hier wird es auch eine gastronomische Versorgung - außer Alkohol - geben, die aber an die Nutzung der Bahn geknüpft ist. Menschenaufläufe sollen auch hier unter allen Umständen verhindert werden. Und ab nächster Woche werden dann auch die Weihnachtsbäume in der Stadt aufgestellt. Ob es wie im Vorjahr noch weitere Leuchtpunkte in Görlitz während der Adventszeit geben wird - da beginnt es jetzt wieder das Rechnen und Planen, wie Geschäftsführer Maria Schulz und Benedikt Hummel bestätigten.