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Was Sachsens Ärzte im Impfzentrum verdienen

Für die Impfberatung in Löbaus Messehalle erhalten Ärzte hohe Honorare. Niedergelassene Kollegen kritisieren auch deshalb die neue Verlängerung. Zurecht?

Im Löbauer Impfzentrum werden nach wie vor jeden Tag 1.200 bis 1.600 Menschen geimpft. Würden das die niedergelassenen Ärzte ebenfalls schaffen?
Im Löbauer Impfzentrum werden nach wie vor jeden Tag 1.200 bis 1.600 Menschen geimpft. Würden das die niedergelassenen Ärzte ebenfalls schaffen? © Rafael Sampedro/foto-sampedro.de

Löbau. Es geht das Gerücht, dass es sogar Ärzte geben soll, die ihren Praxisbetrieb einschränken, um stattdessen anderswo viel schneller viel mehr Geld verdienen zu können: als Impfarzt im Impfzentrum. Dr. Gottfried Hanzl, der Sprecher der Hausärzte im Altkreis Löbau-Zittau nennt zwar keine Namen, bestätigt aber, dass man von "solchen Fällen" wisse. Die Kassenärztlichen Vereinigung (KV) will das auf Nachfrage aber nicht bestätigen. "Derartige Fälle sind uns nicht bekannt", sagt ein Sprecher und betont, dass sich "eine große Zahl an niedergelassenen Ärzten NEBEN ihrer Praxistätigkeit in den Impfzentren engagiert."

Kein Wunder: Denn die Arbeit im Impfzentrum ist für Ärzte und Apotheker ein sehr lukrativer (Neben)Job. Für das Aufbereiten der Spritzen, für die ärztlichen Aufklärungsgespräche und für die letztliche Entscheidung, ob ein Impfwilliger seine Corona-Schutzimpfung an diesem Tag und in diesem Moment auch wirklich bekommen kann, braucht es Fachpersonal. Allein, um das Impf-Pensum in der Löbauer Messehalle bewältigen zu können, werden dort rund um die Uhr immer mindestens acht bis zwölf Ärzte gebraucht - und das jeden Tag zwölf Stunden lang - ohne Pause von Montag bis Sonntag.

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Um einen derart hohen Personalbedarf abdecken zu können - noch dazu in einer Region wie der Oberlausitz, in der permanent Ärztemangel herrscht, greift Sachsens Kassenärztliche Vereinigung tief in die Tasche: Nach deren Angaben erhalten ausgebildete Ärzte für die Arbeit im Impfzentrum zwischen 100 und 150 Euro Honorar pro Stunde. Und der Fall, dass da auch mal die Arbeit in der Praxis ruhen könnte, ist durchaus eingeplant: Für Mediziner, die selbst Inhaber einer Praxis sind, sei in den 150 Euro auch ein anteiliger Ersatz für einen etwaigen Praxisausfall enthalten, so erklärt es der KV-Sprecher.

Auch für angestellte Ärzte aus Niederlassungen oder Krankenhäusern sind diese Stundensätze im Impfzentrum höher als an ihrem eigentlichen Arbeitsplatz. Dass dafür aber ein Arzt seine Praxis schließt oder sich freistellen lässt, das will auch Löbaus DRK-Chefin Silke Seeliger nicht bestätigen. Die ärztlichen Honorarkräfte im Löbauer Impfzentrum würden die Dienste größtenteils in ihrer Freizeit übernehmen oder kämen aus dem Ruhestand.

Praxisärzte erhalten 20 Euro pro Corona-Impfung

Gottfried Hanzl sieht das dennoch kritisch. "Und da bin ich nicht der Einzige", sagt er. Wie viele seiner niedergelassenen Kollegen spricht Hanzl sich schon seit Längerem dafür aus, den "teuren Apparat" Impfzentrum nicht länger zu betreiben. "Die Impfkampagne hat den Staat jetzt genug gekostet", findet der Allgemeinmediziner. Und die Impfzentren, deren erneute Verlängerung bis Ende September gerade beschlossen wurde, seien seiner Meinung nach nicht mehr nötig. "Wir haben jetzt einen Stand erreicht, der es ermöglicht, die Impfungen vollständig den Arztpraxen zu überlassen. Das wäre für die Gesundheitskassen wesentlich preiswerter." Ein niedergelassener Arzt bekommt demnach pro Impfung 20 Euro.

Um wie vieles teurer die Impfzentren tatsächlich sind, ist bisher offiziell nicht bekannt. Man könne derzeit "keine belastbare Aussage zu den anfallenden Kosten pro Impfung treffen", heißt es auf Nachfrage aus Sachsens Sozialministerium. Intern vorliegende Kostenschätzungen und Prognosen seien nicht für die Öffentlichkeit bestimmt.

Der DRK-Landesverband, der die Impfzentren in ganz Sachsen betreibt, rechnet nach Angaben seines Sprechers Kai Kranich pro Monat rund sieben Millionen Euro ab. In dieser gewaltigen Summe enthalten seien sämtliche Betriebskosten für die Räume, die angestellten Mitarbeiter, die Logistik, die Ausstattung, das Material. Bei voller Auslastung der Impfzentren, die mit rund 500.000 Impfungen pro Monat planen, seien das umgerechnet rund 14 Euro pro Impfung, sagt Kranich. Hinzu kommt dann aber noch das Honorar für die Impf-Ärzte, das über die KV abgerechnet wird.

Bis zu 1.600 Impfungen jeden Tag in Löbau

Im Gegensatz zum Hausärzte-Sprecher Gottfried Hanzl sieht Löbaus DRK-Chefin Silke Seeliger die Impfzentren als durchaus kosten-effektiv an. Und sie bezweifelt, dass die Ärzte in den Praxen die Impfungen in diesem Umfang überhaupt stemmen könnten.

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Jeden Tag werden in der Löbauer Messehalle je nach Verfügbarkeit der Impfstoffe zwischen 1.200 und 1.600 Impfungen verabreicht - und das auch an den Wochenenden. Und nach wie vor, sagt die Geschäftsführerin, seien die freigeschalteten Impftermine bis auf den letzten ausgebucht. Können die Ärzte in den Praxen das tatsächlich schaffen? Silke Seeliger ärgert diese Debatte. "Die Impfzentren sollen doch keine Konkurrenz sein", sagt sie. "Und wir sind auch heilfroh, dass so viele niedergelassene Ärzte mitimpfen. Die Ärzte sollten doch auch froh sein, dass es die Impfzentren gibt, solange sie noch in diesem Umfang gebraucht werden." Schließlich müsse es doch allen gemeinsam darum gehen, so schnell wie möglich so viele Menschen wie möglich gegen das Corona-Virus zu immunisieren.

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