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Was die zweite Corona-Welle mit unserer Psyche macht

Psychotherapeutin Mirriam Prieß über Strategien, mit dem Schreckgespenst Corona in der dunklen Jahreszeit umzugehen.

Angst vor einer Ansteckung – trotz Maske.
Angst vor einer Ansteckung – trotz Maske. © AXA Konzern AG

Im Sommer schien Corona an Bedrohlichkeit zu verlieren. Doch es war nie weg, wie nicht nur die jetzt wieder stark steigenden Infektionszahlen zeigen. Denn auch die Krankschreibungen wegen psychischer Probleme sind im Corona-Jahr laut AOK Plus länger geworden. Psychotherapeutin und Autorin Mirriam Prieß erklärt, was die erneute Krise mit uns macht, warum die kürzer werdenden Tage das Problem noch verschlimmern und wie man es schafft, mit der Situation bestmöglich umzugehen.

Frau Prieß, die Corona-Krise spitzt sich wieder zu. Was macht das mit unserer Psyche?

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Für die Psyche ist jedes Auf und Ab und jedes Hin und Her ein Problem. Je häufiger das stattfindet – von einem Extrem in das nächste Extrem –, umso belasteter ist die Psyche. Je widerstandsfähiger ein Mensch ist, umso mehr ist er in der Lage, Krisen und existenziellen Bedrohungen auf Augenhöhe zu begegnen und das Bestmögliche daraus zu machen. Je mehr aber diese Resilienz fehlt, umso eher reagiert er mit psychosomatischen Symptomen – mit Angststörungen oder Depressionen, aber auch mit Erschöpfungssyndromen bis hin zu einem Burnout.

Machen Corona-Folgen in der dunklen Jahreszeit mehr Menschen mental zu schaffen als im Frühjahr?

Es sind sicherlich mehrere Aspekte, die hier eine Rolle spielen. Auf der einen Seite sind wir bereits geschwächt. Wir haben die Krise schon einmal durchlebt, verbunden mit der Hoffnung, dass sie vorbei und durchschritten ist. Jetzt kommt eine Wiederholung, und das ist immer sehr belastend. Hinzu kommt: Wenn die Tage kürzer und dunkler werden, wirkt sich das bei vielen Menschen negativ auf die Stimmung aus. Diese Kombination ist eine hohe Belastung.

Wie merkt man, ob einem die Krise psychisch mehr zu schaffen macht, als es gut ist?

Betroffene bemerken an unterschiedlichen Symptomen, dass die eigene Belastungsgrenze überschritten ist. Auf der Verhaltensebene findet, je belasteter ein Mensch ist, zunächst ein starkes Dagegen-Ankämpfen statt. Am Ende kommen der soziale Rückzug und die soziale Isolation. Auf der emotionalen Ebene beginnen eine innere Unruhe, Angst und Anspannung – daraus kann sich eine Panik entwickeln. Je länger die Belastung anhält, desto mehr entwickeln sich daraus eine emotionale Ausgelaugtheit, depressive Erschöpfung und Resignation, die eine Bewältigung der Situation zunehmend erschweren. Auf der gedanklichen Ebene ist Grübeln ein typisches Stresssymptom.

Auf der Körperebene funktioniert das Immunsystem nicht mehr so gut wie gewohnt. Je mehr ein Mensch in seinem Leben kämpft und je höher der psychische Druck ist, desto mehr schwächt das die Körperabwehr. Es kommt zu Rückenschmerzen, Magenproblemen, Kreislaufschwäche, Tinnitus, Allergieschüben. Je nachdem, wo Betroffene körperliche Schwachstellen haben, macht sich die Belastungssituation bemerkbar.

Welche Strategien helfen, um mental auf der Höhe zu bleiben und es nicht so weit kommen zu lassen?

Resilienz, die innere, psychische Widerstandsfähigkeit, entsteht durch eine innere und äußere Dialogfähigkeit. Jeder kann Stress dadurch reduzieren, indem er mit sich selbst im Dialog bleibt. Das heißt, aktiv darauf zu achten, wie es einem geht, auf Störungen rechtzeitig reagieren und bei körperlichen Symptomen rechtzeitig einen Arzt konsultieren. Wichtig ist ebenfalls, im Dialog über die eigene Belastung zu bleiben: innerhalb der Familie oder im Freundeskreis. Wenn man spürt, dass damit keine Entlastung entsteht, sollte man sich auch fachliche therapeutische Hilfe suchen.

Dr. Mirriam Prieß ist Ärztin, Psychotherapeutin, Autorin und berät Firmen zu Gesundheitsmanagement und Burnout.
Dr. Mirriam Prieß ist Ärztin, Psychotherapeutin, Autorin und berät Firmen zu Gesundheitsmanagement und Burnout. © dpa

Viele scheuen sich jedoch, Hilfe zu suchen, weil sie Angst haben, als Psycho abgestempelt zu werden.

Es ist in der Tat ein Problem, dass Krisen dadurch verstärkt werden, dass die Menschen sich schämen, über ihre Ängste zu sprechen. Dass sie sich zurückziehen und isolieren, statt sich Hilfe zu suchen. Dadurch nehmen die Symptome weiter zu, und die Krise verschärft sich. Ein zentraler Punkt ist deshalb, die Beziehung zu sich selbst zu stärken und sich jeden Tag etwas Zeit zu nehmen, in der man zur Ruhe kommt und sich fragt, ob man in dieser angespannten Situation auch genug auf seine Kosten kommt und was man konkret tun könnte, um sich zu entlasten und sich etwas Gutes zu tun. Ein Burnout, gerade in Krisen, entsteht immer dadurch, dass Betroffene gegen das kämpfen, was ist, anstatt innezuhalten und für ein ausgewogenes Gleichgewicht zwischen Nehmen und Geben zu sorgen.

Würden Sie dazu auch schon raten, wenn man sich noch gut fühlt?

Ja. Es gilt der Satz: Störungen haben immer Vorrang. In dem Moment, wo ich ein Störgefühl habe, sollte ich diesem auf den Grund gehen. Das ist eine zentrale Krisen- und Burnoutprävention: Viele Probleme würden so gar nicht entstehen, wenn wir rechtzeitig und vorausschauend reagieren.

Und man sollte stets schauen, wo und wie man sich stärken kann. Es gibt sechs entscheidende Bereiche im Leben: der gesundheitliche, der familiäre und partnerschaftliche, der berufliche, die sozialen Kontakte, der Bereich der Individualität und der Bereich des Glaubens. Diese sechs Lebensbereiche gilt es wesentlich auszufüllen.

Den meisten Menschen sind diese sechs Bereiche sicher gar nicht bewusst. Wie würden Sie das praktisch übersetzen?

Nehmen wir den Bereich Familie und Partnerschaft: Gelingende Beziehungen stärken die innere Widerstandsfähigkeit. Das heißt, sich bewusst Zeit für das Wir und die Partnerschaft zu nehmen, offen über die eigenen Sorgen zu sprechen, im Rahmen der Möglichkeiten Zeit miteinander zu verbringen und Dinge zu unternehmen. Das Gleiche gilt für den Freundeskreis: Statt sich zurückzuziehen, lieber aktiv die Freundschaften pflegen und im Dialog bleiben. Ihre Gesundheit stärken Sie zum Beispiel durch Sport und bewusste Ernährung. Krisenbewältigung zeichnet sich dadurch aus, in scheinbar unkontrollierbaren Situationen aktiv zu schauen, was man für die eigene Stärkung tun kann. Und da ist vieles möglich.

Gerade Treffen mit Freunden sind in Corona-Zeiten mitunter schwer umzusetzen. Inzwischen kommen wieder mehr Einschränkungen. Da stehen viele Menschen vor dem Problem der Isolation. Was würden Sie ihnen raten?

Umso wichtiger ist es dann, dass sie die sozialen Kontakte aktiv pflegen, ob virtuell oder durch regelmäßige Telefonate. Gerade dort, wo die üblichen Treffpunkte und Aktivitäten nicht mehr gegeben sind, sollte man ganz gezielt im Rahmen der Möglichkeiten Beziehungen pflegen. Sich also aktiv erkundigen: „Wie geht es Dir?“ Aber auch seine Bedürfnisse klarmachen: „Hast Du mal ein Ohr? Ich möchte mit dir reden.“

Wie kriegt man das Schreckgespenst Corona im Alltag aus dem Kopf? Lässt es sich ausblenden?

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Ich kann verstehen, was Sie mit Ausblenden meinen. Aber in dem Moment, wo Sie etwas ausblenden wollen, blendet es sich die ganze Zeit bei Ihnen ein. Dagegen angehen macht die Situation schlimmer und endet in der Erschöpfung. Es gilt, der Krise auf Augenhöhe gegenüberzutreten und realistisch zu bleiben. Je mehr ich mich in den Emotionen verliere, umso unkontrollierbarer wird die Situation. Die Corona-Krise rührt bei Menschen immer auch an unbewussten Ängsten und unbewältigten Krisen. So hat mir eine Frau erzählt, dass der Lockdown sie an ihre Scheidung erinnert habe. Da habe sie von heute auf morgen völlig alleine dagestanden. Das heißt: Wir werden mit alten, nicht verarbeiteten Gefühlen aus früheren Ohnmachts- und Krisensituationen konfrontiert, die aber mit der jetzigen Situation nichts zu tun haben. Sich darüber bewusst zu sein und darauf zu reagieren, ist ein zentraler Punkt.

Das Gespräch führte Tom Nebe (dpa).

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