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Was wird aus dem Buchmarkt?

Die Frankfurter Buchmesse wäre ein Hoffnungszeichen gewesen für eine Branche, die gerade einen heftigen Umbruch erlebt. Doch dann kam Corona.

Auflagen sinken. Autoren verdienen weniger. Verleger schrumpfen ihre Programme.
Auflagen sinken. Autoren verdienen weniger. Verleger schrumpfen ihre Programme. © Illustration: Linda Wölfel

Nächste Woche wollten sich 300.000 Menschen in Frankfurt am Main treffen. Sie wollten hauteng durch die Hallen der Buchmesse schieben, über Wetter und Würstchen reden und ein wenig auch über Romane. Autoren und Verleger hätten über Autoren und Verleger gelästert oder einander liebevoll abgeworben. Die Scouts wären unrasierten literarischen Junggenies nachgejagt. Mehr Journalisten als bei einer Fußballweltmeisterschaft hätten im Pressezentrum wie Hühner in Käfighaltung beisammengesessen. Und hinter verschlossenen Türen hätten Agenten, Spielebastler, Filmleute und Lektoren aus aller Welt im Halbstundentakt um künftige Bestseller gepokert.

Noch im Juni gaben sich die Veranstalter wild entschlossen, zumindest ein Rumpfkonzept durchzuziehen. Breitere Gänge, größere Stände, weniger Küsschen. Da hatten Leipzig, London, Bologna und New York ihre Branchentreffen schon abgesagt, und die größten deutschen Verlagsgruppen wie Random House, Bonnier, Holtzbrinck oder Bastei Lübbe hatten ihren Verzicht auf Frankfurt erklärt.

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Herbstzauber im Schlosspark
Herbstzauber im Schlosspark

Die Messe LebensArt öffnet in Großharthau ihre Türen - in malerischem Ambiente und mit vielseitigen Angeboten.

Nun spricht Messechef Jürgen Boos von einer „Sonderedition“, einem „eigenen Format“. Heißt: leere Hallen. Die Foren und Debatten finden digital statt. Allein das Gastland Kanada plant über dreißig Termine. Die fabelhafte Margaret Atwood gibt ein einstündiges Exklusivinterview. Schade, dass sie den Literaturnobelpreis gerade wieder verfehlte. Die Frankfurter Festhalle wird zur Showbühne für Elke Heidenreich und Jan Weiler, Michael Friedman und Alice Schwarzer, für Christian Berkel, Bas Kast, Irvine Welsh und etwas Publikum. Die ARD überträgt das Programm im Livestream. Achtzig kleinere Orte veranstalten leibhaftige Lesefeste. Das Blaue Sofa als prominenter Interviewplatz steht an drei Abenden in Frankfurt und dann in Berlin in der Bertelsmann Repräsentanz Unter den Linden. Am Montag wird der Deutsche Buchpreis vergeben.

Zur Buchmesse in Frankfurt am Main (14. bis 18. Oktober) gibt es coronabedingt in diesem Jahr keine klassische Hallenausstellung.
Zur Buchmesse in Frankfurt am Main (14. bis 18. Oktober) gibt es coronabedingt in diesem Jahr keine klassische Hallenausstellung. © Roland Holschneider/dpa

Für die Hybridvariante mit und ohne Anfassen gibt die Bundesregierung vier Millionen Euro aus dem Corona-Hilfsfonds. Wer weiß, wie sich ein Gemeinschaftsgefühl online herstellen lässt ohne Häppchentrinken um Mitternacht. Gerade die unerwartete Begegnung auf der Sesselkante eines Verlagsempfangs trägt zum Charme dieser Messe bei. Wie schön, wenn man Menschen auch dann noch sympathisch finden kann, wenn man sie jenseits von Postfach und Telefon kennenlernt. Der Klatsch hinter vorgehaltener Hand ist nicht zu ersetzen. „Aber es ist natürlich wirtschaftlich ein Desaster“, sagt Jürgen Boos. „Die Messe wird sich dauerhaft verändern. Volle Messehallen, Gedränge in den Gängen, Besucherrekorde, das werden wir so schnell nicht wieder erleben.“ Gerüchtekenner stellen das gesamte Projekt infrage. Die Buchbranche erlebt einen gewaltigen Umbruch. Seit 2013 geben jedes Jahr rund eine Million Menschen das Buchlesen auf. Das hat Folgen, wenn mehr als 6,3 Millionen Leser fehlen. Auflagen sinken. Autoren verdienen weniger. Verleger schrumpfen ihre Programme. Viele Buchhändler wissen nicht, wie lange sie durchhalten, wenn die Innenstädte veröden und Kaufhäuser schließen. Corona spitzt die Konflikte zu. Alle Beteiligten bekamen es schriftlich: Sie sind nicht systemrelevant. Leider lassen sich steigende Betriebsausgaben durch verzweifelten Rotweingenuss nicht steuerlich geltend machen.

Selbst prominente Schriftsteller spüren einen Bedeutungsverlust, wenn sie bloß einsam am Schreibtisch sitzen. Das Echo aus überfüllten Sälen ist aus finanziellen wie aus seelischen Gründen erwünscht. Manche retten sich ins Vorlesen am Computer, gern mit Zimmerpalme im Hintergrund. So viel digitales Autorengucken war nie. Auch das gehört zur Veränderung: Eine Branche mit 600 Jahre alter Geschichte agiert wie ein Start-up-Unternehmen in der Garage. Buchhändler trainieren schon lange die Verbindung von Laden und Online-Shop. Das half durch die vierzig toten Tage im Frühjahr. Mancher baut die virtuellen Regale so aus, dass der Kunde nicht nur das Gesuchte findet, sondern zum Stöbern verführt wird wie im echten Leben. Der Handelskonzern Thalia mit 30 Filialen allein in Sachsen beackert nicht mehr nur hausgroße Flächen. Er expandiert in Rinteln und Alfeld, wo auch immer das liegt. Als würden noch die letzten versprengten Leser aufgesammelt, die von der Droge Buch nicht lassen können. Der Nachschub klappt trotz allem erstaunlich: rund 78.000 Neuerscheinungen jährlich. 

133 Verlage allein in Sachsen

Allein in Sachsen arbeiten 133 Verlage – oft als selbstausbeuterischer Ein-Mann- oder Ein-Frau-Betrieb an der Grenze zum Existenzminimum. Bei regionalen Themen macht ihnen kaum jemand Konkurrenz. Und Krimi geht immer. Dann darf der Leser wählen: Nimmt man den Tresorknacker, der beim nächtlichen Einsatz in einer Zahnarztpraxis eine Frauenleiche entdeckt? Oder die amerikanische Diplomatenwitwe, die samt Zofe grausam ermordet wird? Oder doch den bekannten Reeder, der vor der Schleuse im Wasser dümpelt? Schwerer fällt nur die Entscheidung am Joghurtregal. Monsieur Maigret, übernehmen Sie! Schließlich ist Lesen eine klassische aufklärerische Disziplin. Geist, Bildung, Wissensdrang, lauter hehre Sachen hängen am Buch. Bis neulich durfte man sogar behaupten, dass rechte Diskurse nicht in Bibliotheken ausgetragen werden, sondern mit Mitteln der Spektakelgesellschaft. Auch das ändert sich.

Zwei Dutzend aktuelle Neuerscheinungen schwören darauf, dass Veränderung bei jedem selbst anfängt. Auch darauf hat sich der Buchmarkt eingestellt. Darin liegt seine Stärke, allen Unkenrufen zum Trotz. Er hat die Pleite eines großen Zwischenbuchhändlers überstanden, die millionendicken Forderungen der Verwertungsgesellschaft Wort und den Wechsel zwischen Druck und Digital. Lektoren wandeln sich zu Verkaufsmanagern, und Händler führen nachts mit der Grubenlampe durch ihre Läden, wegen Event. Buch ist zwar ein alter Hut, aber immer wieder in frischer Fasson. Mehr als 90 Neuerscheinungen tragen jetzt das Wort Corona im Titel. Da sind all jene noch gar nicht mitgezählt, die „Das Virus in uns“ heißen oder „Die Wahrheit über Covid-19“ oder irgendwas mit Immunsystem. Und wer könnte kompetenter über Selbstheilungskräfte Auskunft geben als eine Branche, die sich noch bei jedem Wind und Wetter behauptet?

Inland statt Ausland

© Illustration: Linda Wölfel

Wer nicht nach Andalusien fahren darf, braucht keinen Andalusien-Führer. Durch Corona rauschte der Verkauf von Reiseliteratur in den Keller. Das Minus lag zwischenzeitlich bei 70 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Blitzschnell planten die Verlage um. Sie werben für Aktivurlaub vor der Haustür. Lausitz, Ostsee und Fichtelberg retten den Umsatz. Deutschland wird frech als „schönstes Urlaubsland der Welt“ angepriesen und die Individualreise als Krone der Ferienspiele. Der Leipziger Lehmstedt Verlag rät zu Bautzen statt Birmingham, Zittau statt Zypern, Pirna statt Peru. Das biedere Wort Naherholung gewinnt überraschenden Glanz. Der Bruckmann Verlag als Branchenprimus bietet die passende Dekoration: Herbstlaub aus Kunstseide und Hirsche aus Edelrost. Doch nicht nur der Ausfall des internationalen Tourismus verstärkt den Trend zum einheimischen Wandern, Radfahren oder Paddeln. Mancher verzichtet auch deshalb aufs Weltenbummeln, weil es dem Klima schadet oder weil er mit Sinnsuche befasst ist. In der Dresdner Heide wurden noch längst nicht alle Bäume umarmt.

Tipp: Christo Foerster wirbt für Abenteuer nach Dienstschluss, auf verwildertem Brachland oder bei der Nachtwanderung ums Karree. Den Slogan „Raus und machen!“ erklärt er zu seiner Philosophie. Mehr dazu in „Mikroabenteuer – Das Motivationsbuch“, erschienen bei Harper Collins.

Erwachsene statt Kinder

© Illustration: Linda Wölfel

Ricos kleine Schwester heißt Penny nach der treuen Ehefrau von dem Mann, der ewig mit dem Schiff unterwegs war. Erwachsene kommen nach einigem Nasegrübeln vielleicht auf Penelope. Sie können sich amüsieren über die Anspielungen, die der Autor Andreas Steinhöfel in seinen „Rico und Oskar“-Romanen versteckt. Kein Wunder, dass 36 Prozent der Erwachsenen Kinder- und Jugendbücher für sich selbst kaufen. Vermutlich bekommt man dort die Sache mit Drohnen, Honig und Arbeitsbienen oft besser erklärt. Der Absatz des Kinderlexikons „Wissen“ hat sich im ersten Halbjahr verdoppelt. Daran dürften ratlose Eltern in der Heimschule Anteil haben. Sie greifen auch deshalb zum Jugendbuch, weil sich spätestens seit Harry Potter die Literatur für jedes Alter als Marke etabliert hat. „All-Age“-Titel werden für Leser gemacht, die nicht unbedingt Herrn Buddenbrook entgegenfiebern, sondern einem muskulösen Vampir. Die „Twilight“-Saga läuft als Bestseller weiter. Von Marc-Uwe Klings „Neinhorn“ wurde knapp eine halbe Million Exemplare verkauft. Der Markt fürs Kinder- und Jugendbuch überrascht durch ständig steigende Umsatzzahlen. Das kann nicht nur an nachgeholten Kindergeburtstagen liegen. Das lässt hoffen. „Optimismus ist eine Stärke der Branche“, sagt die Vorsteherin des Börsenvereins, Karin Schmidt-Friderichs. „Heute Verträge für Bücher zu unterschreiben, die in zwei Jahren erscheinen und von denen man außer dem Exposé nichts kennt, wer traut sich das schon?“

Tipp: Das polnische Grafikerpaar Aleksandra und Daniel Mizielinski spezialisiert sich auf großformatige Bücher, die ein Thema mit Bildern, Geschichten und Infografiken einkreisen. Jüngstes Beispiel: „Auf nach Yellowstone!“, eine Reise durch sieben Nationalparks. Mit dabei: der Moritz Verlag und der Leipziger Übersetzer Thomas Weiler. Wer schon immer was über Blattschneiderameisen oder Permafrost wissen wollte, ist hier richtig.

Hören statt lesen

© Illustration: Linda Wölfel

Ein Drittel aller Bundesdeutschen nutzt Hörbücher, Hörspiele oder Podcasts. Bei den Unter-40-Jährigen sogar die Hälfte. Der Audio-Markt wächst so stark wie kein anderer. Technische Innovationen befeuern die Entwicklung. Millionen Hörer haben Geschichten in der Tasche, gespeichert auf Tablet oder Smartphone. Romane müssen nicht mehr eingedampft werden für die Dauer einer CD-Box. Digitale Abo-Modelle fördern vor allem Serien. Bei einer Umfrage bestätigten 69 Prozent der Hörer, dass ein Hörspiel genauso fortsetzungssüchtig machen kann wie Bücher oder TV-Serien. Es erzeugt sogar größere Emotionen. Wissenschaftler vom University College London können das beweisen mit Messungen von Herzfrequenz, Gehirnaktivität und Körpertemperatur. Längst experimentieren Verlage mit Formaten wie „Audio first“: erst der Podcast und dann das Buch. Doch das funktioniert nur bei wirklich tollen Geschichten, genau wie damals, als die Menschen noch am Höhlenfeuer saßen und sich was erzählen ließen.

Tipp: Wie Esel sich äußern, ist bekannt. Aber was macht ein Fuchs? Beide Tiere spielen die Hauptrolle in Hörbüchern aus dem Audio Verlag. Die schillernden natur- und kulturgeschichtlichen Porträts erschienen gedruckt in der Reihe „Naturkunden“. Ende Oktober gibt es sie auf jeweils drei CDs.

Neues von sächsischen Autoren

© Illustration: Linda Wölfel

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Die 72. Ausgabe des internationalen Branchentreffens findet nahezu ausschließlich im Internet statt.

  • Olaf Schubert, witzwortgewaltiger Dresdner Comedian, erzählt die Geschichte eines Mannes, der mit allen Mitteln ans große Geld kommen will. Muss er dabei über Leichen gehen oder reicht drum herum? Wenn jeder jeden beklaut, haben dann alle was? Die Satire „Wie Dirk B. lernte, den Kapitalismus zu lieben“ verspricht eine leicht verständliche Anleitung zur Ausbeutung und erscheint Ende Oktober bei S. Fischer im Taschenbuch.

  • Sabine Ebert, auflagenstärkste Autorin Sachsens, schließt mit Band fünf ihr Mittelalter-Epos um Kaiser Barbarossa ab. Noch einmal fechten Welfen, Wettiner und Staufer ihre Machtkämpfe aus. Die Frauen der Fürsten halten derweil den Hof am Laufen. Auch eine Heilkundlerin namens Marthe tritt auf – „Preis der Macht“ schlägt am Ende den Bogen zu Eberts Hebammen-Romanen. Buchpremiere ist im November in Meißen und Dresden.

  • Julius Fischer, Teil der Dresdner Lesebühne Sax Royal und vielfach begabter Künstler, setzt seine Reihe kulturvoller Beschimpfungen mit dem Band „Ich hasse Menschen. Eine Stadtflucht“ beim Verlag Voland & Quist fort. Sein besonderer Hass gilt der Ehefrau, der Familie, den Freunden, den Bekannten und natürlich allen anderen. Die sind die schlimmsten. Das Buch kommt Mitte November heraus.

  • Christian Thielemann, Chef der Sächsischen Staatskapelle, begibt sich in die Werkstatt von Ludwig van Beethoven. Er denkt über Pathos und „deutschen Klang“ nach und über die Schwierigkeiten, die der geniale Komponist jedem Musiker und Dirigenten zu lösen aufgibt. Die Liebeserklärung „Meine Reise zu Beethoven“ erscheint nächste Woche bei C.H. Beck. Den Text fürs Hörbuch las der Schauspieler Frank Arnold ein.

  • Undine Materni, Dichterin aus Dresden, ist mit ihren Texten im Band „Denkzettelareale“ vertreten. Die Anthologie aus dem Verlag Reinecke & Voß stellt rund dreißig zeitgenössische Lyriker vor. Das Besondere: Hier stehen nicht nur Gedichte, hier äußern sich die Autoren selbst – und andere über sie. So ergeben sich überraschende Einsichten in die Entstehung von Literatur. Der Band überschaut Entwicklungen der letzten zehn Jahre.

  • Stephan Koja, Direktor der Gemäldegalerie Alte Meister und der Skulpturensammlung, legt nächste Woche beim Dresdner Sandstein Verlag sein Buch „Caravaggio“ vor. Der Ausstellungskatalog erklärt den radikalen Naturalismus des frühbarocken italienischen Künstlers, der in seinen Bildern völlig neue Geschichten erzählte und mit seiner innovativen Hell-Dunkel-Malerei Generationen von Künstlern bis ins 18. Jahrhundert beeinflusste.

  • Henner Kotte, Autor, Theaterkritiker und Stadtführer in Leipzig, taucht ab. Er erkundet „Sächsische Unterwelten“. Auf unterhaltsame Weise fördert er Geschichten aus Kellern, Höhlen, Bunkern, Tunneln oder verlassenen Bahnhöfen zutage. Die Unterwelt sucht er auch dort, wo Kriminelle ihre eigenen Regeln machen. Der Verlag Bild und Heimat liefert jetzt die druckfrischen Exemplare dieses sehr speziellen Reiseführers aus.

  • Jurij Koch, Romancier aus der Lausitz, setzt mit seinem jüngsten Band „Gruben-Rand-Notizen“ seine lebenslange Auseinandersetzung mit der Landschaftszerstörung durch den Braunkohletagebau fort. In seinem Tagebuch dokumentiert er die dramatischen letzten Tage des Ortes Horno und den vergeblichen Widerstand der Bewohner gegen die Umsiedlung. Der Domowina-Verlag Bautzen bringt den Band dieser Tage auf den Markt.

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