merken
PLUS Leben und Stil

Erste Hilfe für psychische Notfälle

Wie verhält man sich, wenn Angehörige, Freunde oder Kollegen in einer seelischen Notlage stecken? Ein Ärzteteam sagt, wie man sich im Ernstfall richtig verhält.

Fast jeder Zweite erlebt mindestens einmal im Leben eine psychische Störung, die behandelt werden müsste.
Fast jeder Zweite erlebt mindestens einmal im Leben eine psychische Störung, die behandelt werden müsste. © dpa

Fast jeder Zweite erlebt mindestens einmal im Leben eine psychische Störung, die behandelt werden müsste. Aber wie verhält man sich, wenn Familienangehörige, Freunde, Kollegen oder Nachbarn in einer seelischen Notlage stecken? Wie geht man auf die Person zu? Wie spricht man sie an? Kann man ihr überhaupt helfen? Diese Fragen klärt ein Ersthelferkurs für psychische Gesundheit, ein Novum in Deutschland. Das Zentralinstitut für Seelische Gesundheit Mannheim bietet ihn seit Herbst 2020 in Partnerschaft mit der Otto-Beisheim-Stiftung als Präsenzkurs und Onlineschulung an. Die SZ hat Professor Dr. Michael Deuschle und Dr. Simona Maltese aus dem Leitungsteam gefragt, wie das Programm funktioniert.

Herr Professor Deuschle, warum braucht es einen Erste-Hilfe-Kurs für psychische Gesundheit?

Einkaufen und Schenken
Nur einen Klick entfernt
Nur einen Klick entfernt

Hier erhalten Sie nützliche Tipps und die aktuellsten Neuigkeiten rund ums Thema Einkaufen und Geschenke aus Ihrer Region.

Prof. Deuschle: Weil er eine Lücke im System füllt. Menschen mit Psychosen und Abhängigkeitserkrankungen oder mit Depressionen kommen viel zu spät in Behandlung. Bis zur Erstdiagnose dauert es vom Beginn des Auftretens von Symptomen häufig Monate, wenn nicht Jahre. Und Angehörige fühlen sich typischerweise überfordert. Bislang gab es keine Möglichkeit für sie zu lernen, wie man Erste Hilfe für psychische Gesundheit leistet. Im Kurs erfahren sie, wie sie sich Betroffenen zuwenden, wie sie Gespräche führen und welche Ratschläge sie sinnvollerweise geben können.

Ist der Kurs vergleichbar mit einer Selbsthilfegruppe?

Dr. Maltese: Nein. Der Kurs ist grundsätzlich für alle interessierten Erwachsenen gedacht. Man braucht keine Vorkenntnisse. Teilnehmer sollten dafür psychisch soweit stabil und in der Lage sein, sich mit Themen der psychischen Gesundheit auseinanderzusetzen und motiviert zu lernen, wie man auf andere zugehen kann, die Probleme haben.

Prof. Deuschle: Der Anspruch des Programms ist, dass die Erste Hilfe für die psychische so selbstverständlich wird wie die körperliche Gesundheit. Entsprechend breit ist der Adressatenkreis.

40 Prozent aller Deutschen hatten schon mal eine psychische Störung. Welche kommen am häufigsten vor?

Dr. Maltese: Darunter fallen Angststörungen oder Stimmungserkrankungen wie Depressionen, Abhängigkeitsproblematiken oder Störungen mit psychotischen Symptomen und Essstörungen. Im Kurs geht es darum, zu sehen und zu lernen, was Symptome der am weitesten verbreiteten psychischen Störungen sind und wie sehr sie Betroffene beeinträchtigen. Es geht nicht darum, eine Diagnose zu stellen.

Woran erkenne ich, dass sich bei einem Freund oder Kollegen ein ernsthaftes psychisches Problem etabliert und es nicht vorübergehend ist?

Dr. Maltese: Anzeichen dafür sind, dass sich jemand verändert und sich zum Beispiel immer weiter zurückzieht. Wenn die Person dauerhaft in ihrer Fähigkeit eingeschränkt ist zu arbeiten, Beziehungen aufrechtzuerhalten oder für sich selber zu sorgen, sollte man hellhörig werden. Wäre es vorübergehend, würden die Symptome nach einiger Zeit von selbst nachlassen.

Durch Homeoffice und Kontaktbeschränkungen dürfte es jetzt besonders schwerfallen, solche Anzeichen zu erkennen. Was raten Sie?

Prof. Deuschle: Angehörige sollten besonders aufeinander achten. Wir raten, dass dienstliche Kontakte bei Homeoffice möglichst online stattfinden, nicht nur per Mail oder Telefon. Im Videokontakt merkt man, wie die Person wirkt, ob sie noch in der Lage ist zu lächeln. Ob sie Mimik und Gestik im Meeting zeigt oder im Vergleich zu vorher schon verändert ist. Wenn man alle Kanäle eingeschaltet hat, kann man ganz gut merken, wie es jemandem geht, wie er sich verhält, wie er spricht. Aber das zu erkennen, ist nicht das Hauptproblem. Die meisten zaudern eher, weil sie nicht wissen, wie sie psychische Probleme ansprechen sollen. Sie fühlen sich überfordert. Es ist ihnen unangenehm.

Wie lässt sich diese Hemmschwelle überwinden?

Dr. Maltese: Es geht darum, zu beobachten, was mir am anderen auffällt, was anders an ihm ist. Genau das sollten sie ihm auch sagen: „Ich habe das gesehen, das habe ich gehört, das ist mir aufgefallen und das macht mir Sorgen. Wie geht es dir eigentlich?“ Wir trainieren das mit vielen Rollenspielen, auch im Onlinekurs. Die Leute üben, wie sie Dinge ansprechen, wie sie sich trauen und welche Wortwahl hilfreich sein kann, um die Scheu zu verlieren und nicht zu viel Zeit verstreichen zu lassen.

Sie raten, mit Empathie zu reagieren, eigene Beobachtungen zu schildern und damit das Gespräch zu eröffnen?

Dr. Maltese: Ja. Das ist der erste Schritt. Weiter geht es damit, dass Ersthelfer das Versorgungssystem kennenlernen. So erfahren sie, welche Hilfe man jemandem empfehlen kann, wie man die Person gut begleiten und sie ermutigen kann, dass sie professionelle Hilfe in Anspruch nimmt. Im Kurs geht es nach einer kurzen Einführung um verschiedene Störungsbilder, unter anderem auch um Psychosen, weil dort die Früherkennung besonders wichtig ist.

Wer leitet die Kurse?

Dr. Maltese: Wir bilden deutschlandweit Instruktoren aus, um die Ersthelfer-Kurse flächendeckend anbieten zu können. Idealerweise soll mein Ausbilder in meiner Kleinstadt leben. Dafür ist eine fachliche Qualifikation Voraussetzung, damit die Menschen wissen, wovon sie sprechen, und praktische Erfahrung im Umgang mit Betroffenen haben. Es sind überwiegend Ärzte und Fachärzte für Psychiatrie und Psychotherapeuten, aber auch Menschen, die in der Pflege arbeiten und die Fachpflegeausbildung in der Psychiatrie haben. Der Bedarf ist groß.

Was kostet die Teilnahme?

Dr. Maltese: Der Kurs dauert zwölf Stunden. Sein Richtpreis beträgt 198 Euro inklusive Kursmaterialien wie Arbeitsbuch und Handbuch, das als lebenslanges Nachschlagewerk dient.

Prof. Deuschle: Wir sind gemeinnützig, nicht profitorientiert. Deshalb haben wir die Preise flexibel gemacht und erlauben Instruktoren, den Preis in gewissem Rahmen selber festzulegen. Er kann auch ehrenamtlich angeboten werden und würde dann nur einen Grundbetrag für unsere Aufwendungen kosten.

Gibt es Krankenkassen, die die Kosten übernehmen?

Dr. Maltese: Nein, noch nicht. Aber wir sind momentan in Verhandlung.

Wer hat bislang an Ihren Kursen teilgenommen?

Dr. Maltese: Das ist ein bunt gemischtes Publikum. Menschen gehen aus unterschiedlichen Motivationen in den Kurs, vielleicht weil sie Angehörige unterstützen möchten oder weil sie beruflich viel mit Menschen zu tun haben und sich sicherer fühlen möchten. Es gibt auch ehemals Betroffene, die lernen möchten, auf andere zuzugehen und anderen mit ihrer Geschichte eine Unterstützung zu bieten. Die Resonanz ist sehr groß, zunehmend auch von Firmen, und Institutionen die ihre Mitarbeitenden schulen und mehr für deren psychische Gesundheit tun möchten.

Was macht es mit den Menschen, an dem Kurs teilzunehmen?

Dr. Maltese: Aus einigen Studien wissen wir, dass das Selbstvertrauen gestärkt wird. Das Wissen über psychische Störungen wird verbessert, was gegen die Stigmatisierung in der Gesellschaft hilft. Nicht zuletzt hat es auch positive Entwicklungen für die eigene psychische Gesundheit gezeigt. Die Teilnehmer achten mehr auf sich, bemerken Anzeichen, sorgen für eine gute Balance zwischen Stress und Entspannung.

Prof. Deuschle: Die Ersthelfer sind handlungsbereiter. Man kann messen, dass sie mehr Personen mit psychischen Problemen ansprechen, als sie es sonst getan hätten. Und das ist ja das Kernziel.

Wie geht es für die Betroffenen weiter? Einen Termin bei einem Facharzt zu bekommen, dauert ja meist Monate.

Prof. Deuschle: Wir wollen die Ersthelfer nicht überfordern. Sie sollen Beistand und Rat geben. Das fachärztliche und therapeutische System ist überfordert, es gibt Wartezeiten. Aber der Ersthelfer kann dranbleiben, dass der Betroffene durchhält, bis er einen Termin beim Facharzt hat. Der größte Teil aller depressiven Patienten wird aber beim Hausarzt behandelt. Er ist eine gute Anlaufstelle und kann selbst Hilfe leisten oder weitergehend vermitteln.

Das Gespräch führte Susanne Plecher.

MHFA Ersthelfer - Kurse für psychische Gesundheit


Die Serie "Wege aus der Krise"

Zehn Monate Corona - Lockdown und Kontaktbeschränkung. Eine herausfordernde Zeit für jedes noch so starke Gemüt. In einer neuen Serie geben Experten Hilfestellung, wie es raus geht, aus der Krise. Hier geht es zu allen Serienteilen.

Mehr zum Thema Leben und Stil