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Wegen Corona: einsam, verschuldet, depressiv

Im vorigen Jahr haben viel mehr Menschen als sonst bei der Caritas in Bautzen Rat gesucht. Doch die steht jetzt selbst vor einem Problem.

Einsamkeit ist für viele ältere Menschen ein großes Problem, das durch Corona derzeit noch verstärkt wird. Die Folgen spüren Sozialarbeiter auch in Bautzen.
Einsamkeit ist für viele ältere Menschen ein großes Problem, das durch Corona derzeit noch verstärkt wird. Die Folgen spüren Sozialarbeiter auch in Bautzen. © Getty Images

Bautzen. Noch gut erinnert sich Manja Döcke, Sozialarbeiterin bei der Bautzener Caritas, an den älteren Herrn aus Bautzen, jenseits der 80 Jahre. „Seine Frau hat im Pflegeheim gewohnt und ist gestorben“, erzählt sie. „Die beiden waren über 60 Jahre verheiratet.“ Monatelang war der Mann allein, hatte niemanden zum Reden. Ein Mitarbeiter einer Versicherung bemerkte, wie schlecht es ihm ging, – und wendete sich an Manja Döcke. „Als ich ihn besucht habe, war er noch immer völlig geschockt über den Verlust seiner Frau“, erzählt sie von der emotionalen Begegnung. „Im Pflegeheim hatte wegen Corona niemand Zeit, mit ihm zu reden, – und er hatte sonst niemanden.“

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Der Mann ist einer von vielen, die Manja Döcke im vergangenen Jahr beraten hat – wegen Vereinsamung. Die Corona-Pandemie hat seine schwierige Lage verstärkt: Nicht nur, dass das Pflegeheim angesichts der Pandemie keine Zeit für ein Gespräch hatte. Aus Angst, sich anzustecken, vermied der Mann, so gut es ging, auch Besuche im Supermarkt.

Caritas: Beratungszahlen stiegen um 70 Prozent

Wie er litten auch viele andere Menschen aus dem Kreis Bautzen im vergangenen Jahr sehr unter den Folgen der Pandemie, berichtet Manja Döcke. „Unsere Beratungszahlen sind stark angestiegen“, sagt sie. Und zwar um 70 Prozent. Während sie 2019 insgesamt 719 Beratungsgespräche führte, waren es im Corona-Jahr 1.237 Beratungen. „Wir merken, dass die Probleme sich durch Corona verschärft haben“, warnt Manja Döcke. Und zwar in allen Bereichen.

Besonders drastisch sei das beispielsweise bei finanziellen Problemen; von 150 Beratungen im Jahr 2019 stieg die Zahl auf 245. Psychische Probleme nahmen ebenfalls zu; statt 163 Beratungen wie 2019 führte Manja Döcke im vorigen Jahr dazu 224 Gespräche. Mehr Bautzener berichteten von Verschuldung, brauchten Hilfe bei der Pflege oder gerieten in Wohnungsnot. Besonders drastisch auch, wie im Falle des eingangs erwähnten Seniors, die Beratungszahlen wegen Vereinsamung: 2019 führte Manja Döcke dazu 114 Gespräche, 2020 waren es 252.

Viele Bautzener vereinsamen in der Pandemie

„Wir merken nicht nur, dass die Zahl der Probleme zunimmt“, sagt Manja Döcke, „sondern auch, dass die Probleme der einzelnen komplexer werden.“ Dass die Menschen, die ohnehin schon Schwierigkeiten haben, in der Pandemie noch größere bekommen. Die Gründe dafür seien unterschiedlich: Einige vereinsamen aus Sorge sich anzustecken. Andere, weil soziale Gruppenangebote nicht mehr möglich sind, zum Beispiel die „Seniorenkaffeerunde“ der Caritas oder das „Frühstück nicht allein“.

Wieder andere leiden darunter, dass ein persönlicher Kontakt zu Behördenmitarbeitern nicht möglich ist, weil sie zum Beispiel Probleme beim Ausfüllen von Anträgen haben. Es hätten auch Menschen angerufen, die beispielsweise auf einen Platz in einer psychiatrischen Einrichtung warten. Wegen Corona hätten sich die Wartezeiten oftmals verlängert, Erkrankungen hätten sich verschlimmert.

Mehr Schulden, Sucht und Wohnungsprobleme

Und es gibt diejenigen, die durch die Pandemie ihren Job verloren oder aus anderen Gründen finanzielle Schwierigkeiten haben. Wie eine alleinerziehende Mutter aus Bautzen. „Sie ist wegen einer schweren Erkrankung Erwerbsminderungsrentnerin. Sie muss also mit wenig Geld auskommen“, erzählt Manja Döcke. „Ihr Kind geht in eine neunte Klasse und brauchte fürs Homeschooling einen Laptop. Weil die Frau aber keine Grundsicherung erhält, konnte sie keinen Zuschuss dafür beantragen“, erklärt die Sozialarbeiterin. „Das bedeutete für die Mutter neue Schulden.“

"Die Pandemie führt zu großen sozialen Notlagen", sagt Caritas-Sozialarbeiterin Manja Döcke.
"Die Pandemie führt zu großen sozialen Notlagen", sagt Caritas-Sozialarbeiterin Manja Döcke. © SZ/Uwe Soeder

„Durch die Folgen der Corona-Pandemie kommt es zu sehr großen sozialen Notlagen“, sagt Manja Döcke. „Wohnungsprobleme, Schulden, Vereinsamung, Sucht: Viele Probleme eskalieren.“ Dennoch: Es gehe ihr nicht um Kritik an den Maßnahmen der Regierung, erklärt Döcke. Die Pandemie sei nun einmal da und müsse in den Griff bekommen werden.

Vielmehr hoffe sie auf konsequenteres Umsetzen der Maßnahmen, ein schnelleres Vorankommen beim Impfen. Und sie hoffe, dass die Menschen mehr aufeinander achten; vielleicht den älteren Nachbarn oder der überforderten alleinerziehenden Mutter Hilfe anbieten. „Viele ältere Leute haben beispielsweise Probleme dabei, Impftermine zu vereinbaren“, sagt sie. Da sei Unterstützung notwendig.

Stadt hat die finanzielle Unterstützung gekürzt

Sie selbst wisse derzeit kaum, wo sie anfangen soll – so viel Hilfebedarf gebe es. Verschärft werde das Problem jetzt noch, weil die Bautzener Stadtverwaltung eine Kürzung der finanziellen Unterstützung angekündigt hat. „Es kann sein, dass wir Angebote kürzen müssen – dabei bräuchten wir eigentlich mehr Kapazitäten.“

Die Stadtverwaltung bestätigt, die Unterstützung für die Caritas gekürzt zu haben. Sie begründet das mit einem Haushaltsdefizit von 3,4 Millionen Euro, vor dem die Stadt jetzt steht. Sie verweist als Alternative auf Mittel der städtischen Stiftungsverwaltung oder das Förderprogramm für Demokratieprojekte (PfD).

Caritas: "Kürzung zum ungünstigsten Zeitpunkt"

„Sozialarbeit ist ein wichtiger gesellschaftlicher Faktor“, erklärt Bautzens Finanzbürgermeister Dr. Robert Böhmer. „Faktisch gehört die finanzielle Unterstützung jedoch zu den freiwilligen Leistungen einer Kommune.“ Das bedeute: Wenn es der Stadt nicht gelinge, das Haushaltsloch durch Kürzungen selber zu kompensieren, müsste der Haushalt im Extremfall von „Dritten“ übernommen werden. Dann hätte die Stadt auf die freiwilligen Leistungen keinen Einfluss mehr. „Nahezu alle sozialen Projekte stünden dann von heute auf morgen vor dem Aus. Das gilt es unbedingt zu verhindern“, sagt Robert Böhmer.

„Von den Stiftungsgeldern“, erklärt Caritas-Oberlausitz-Chef Andreas Oschika, „könnten wir Projekte oder Veranstaltungen finanzieren – nicht aber das Beratungsangebot.“ Er warnt deshalb vor einem „Sterben auf Raten“ der sozialen Hilfsangebote und kritisiert das Signal, das die Stadt mit der Kürzung sendet – in Zeiten, in denen die Notlagen steigen. Er sieht es wie Sozialarbeiterin Manja Döcke. „Bisher hat uns die Stadt gut unterstützt“, sagt sie, „aber die Kürzung kommt leider zum ungünstigsten Zeitpunkt.“

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