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„Wegen Corona können wir nicht alle Betten belegen“

Nach zehn Jahren verlässt Direktor Matthias Grimm das Krankenhaus Arnsdorf. Wie die Pandemie die Arbeit verändert hat - ein Rückblick.

Matthias Grimm war zehn Jahre Verwaltungsdirektor des Sächsischen Krankenhauses Arnsdorf. Am 1. Januar tritt er eine neue Stelle in Hessen an.
Matthias Grimm war zehn Jahre Verwaltungsdirektor des Sächsischen Krankenhauses Arnsdorf. Am 1. Januar tritt er eine neue Stelle in Hessen an. © René Meinig

Arnsdorf. Angebliche Unterbringung von Quarantäneverweigerern in der Psychiatrie, ein spektakulärer Neubau und die Corona-Krise: In die Amtszeit von Matthias Grimm fallen außergewöhnliche Ereignisse. Ende des Monats wechselt der Verwaltungsdirektor des Sächsischen Krankenhauses Arnsdorf nach Hessen. Die SZ sprach mit ihm über die Gründe und die aktuelle Lage im Krankenhaus.

Herr Grimm, seit genau zehn Jahren arbeiten Sie an der Spitze des Landeskrankenhauses. Warum verlassen Sie Arnsdorf?

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Wenn es für mich persönlich einen Zeitpunkt gibt, noch einmal etwas Neues anzufangen, dann ist er jetzt. Deshalb habe ich die Chance ergriffen. Ich trete zum 1. Januar eine Stelle als Geschäftsführer eines Unternehmens an, das verschiedene Gesundheitseinrichtungen in der Nähe von Wiesbaden betreibt. Ich hatte drei Angebote anderer Häuser. Für Hessen habe ich mich entschieden, weil die Aufgabe, das dortige Krankenhaus diese Einrichtung zu führen, reizvoll ist und rund einhundert Kilometer von meiner Heimatregion entfernt liegt.

Sie gehen in einer bewegten Zeit. In den Krankenhäusern in Sachsen ist die Situation wegen der vielen Corona-Patienten angespannt. Wie ist die Lage in Arnsdorf?

Bisher sind wir relativ glimpflich durch die Pandemie gekommen. Wir haben bisher keine größeren Ausbrüche zu verzeichnen. Es gibt immer wieder vereinzelt Fälle, die wir schnell unter Kontrolle haben. Das ist der Stand von Mitte Dezember, ich hoffe, dass das so bleibt. Das liegt sicher an unseren strengen Sicherheitsvorschriften. Bei uns tragen alle Mitarbeiter die besser schützenden FFP2-Masken, und wir testen alle Patienten, die zu uns kommen.

Werden bei Ihnen überhaupt Patienten mit einer Corona-Infektion behandelt?

Ja, Menschen, die dringend eine psychiatrische oder neurologische Behandlung brauchen, bekommen sie bei uns, auch wenn sie mit dem Coronavirus infiziert sind. Sie sind auf einer entsprechend isolierten Station untergebracht. Sollten sie allerdings so starke Symptome zeigen, dass Intensivmedizin notwendig wird, müssen wir sie verlegen. Der Schwerpunkt unseres Krankenhauses liegt vorrangig in der Behandlung von psychischen und neurologischen Erkrankungen. In einer Außenstelle des Landeskrankenhauses, in der Tagesklinik für Kinder und Jugendliche in Kamenz, ist die Eindämmung des Virus nicht so gut gelungen.

Was ist passiert?

Wir mussten sie wegen zu hoher Infektionszahlen schließen. Zu viele Mitarbeiter hatten sich angesteckt oder waren in Quarantäne. In so einem Haus mit einem ständigen Wechsel der tagesklinischen Patienten ist es auch schwieriger, gegen das Virus vorzugehen.

Mitarbeiter sind erkrankt oder in Quarantäne: Muss die Zahl der Patientenbetten reduziert werden, wie in anderen Krankenhäusern auch?

Ja, wir haben im Landeskrankenhaus Arnsdorf 460 Betten, wovon wir aktuell rund 80 Prozent unserer belegen können. Grund ist der Ausfall von Mitarbeitern im Zusammenhang mit Corona. Auch das ist der Stand von Mitte Dezember.

Würden diese Betten ohnehin freibleiben, oder können einfach weniger Patienten behandelt werden?

Letzteres ist der Fall. Normalerweise wären diese Betten belegt. Wir können somit weniger Menschen behandeln, als es uns von der Bettenanzahl möglich wäre. Ihre Behandlung wird auf einen späteren Zeitpunkt verschoben. Insofern spüren wir die Auswirkungen der Pandemie ebenfalls sehr direkt, obwohl wir keine somatische Klinik sind.

Zweimal ist Arnsdorf bundesweit in die Schlagzeilen gekommen. Das erste mal 2016, als ein Syrer vor einem Supermarkt an einen Baum gefesselt wurde. Wie haben Sie die Zeit wahrgenommen?

Als bedrückend. Das Schicksal des jungen Syrers ist mir sehr nahe gegangen. Er war bei uns vor dem Ereignis in Behandlung. Sie gestaltete sich schwierig, da er einen seltenen Dialekt sprach und sich überhaupt schwer verständigen konnte. Als dann der Vorfall im Supermarkt passierte, war er nicht mehr unser Patient. Dennoch ist sein Schicksal für mich sehr erschütternd. In den Tagen im Frühjahr 2016 waren danach zahlreiche Presseteams auf unserem Gelände. Die mussten wir auch zum Schutz unserer Patienten fernhalten.

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Der zweite Vorfall mit bundesweitem Interesse war die angebliche Zwangseinweisung von Quarantäne-Verweigerern im Frühjahr.

Da ist vermutlich unter dem Zeitdruck dieser Tage die Kommunikation missverständlich gewesen: Die sogenannten Quarantäne-Verweigerer sollten nie in die Psychiatrie eingewiesen werden, sondern es ging ausschließlich um Räumlichkeiten, also eher wie ein Hotel. Wir hatten auf unserem weitläufigen Gelände ausreichend Unterbringungsmöglichkeiten. Deshalb wurden wir angefragt. Wir haben dann ein separates Haus zur Verfügung gestellt. Ohne jegliche Verbindung zur Psychiatrie. Nicht einmal Personal hätten wir zur Verfügung gestellt. Aber die Situation hat uns wieder gezeigt, wie sensibel wir alle mit dem Thema Psychiatrie umgehen müssen.

Erfreulich war für Sie sicher die Inbetriebnahme des neuen Hauses auf Ihrem Gelände diesen November.

Ja, natürlich. Das war eine große Investition. 23 Millionen Euro hat der Freistaat ausgegeben, und es ist der erste Neubau seit 108 Jahren, also ein wichtiger Meilenstein für das Krankenhaus. Es beherbergt jetzt den größeren Teil unserer Erwachsenenpsychiatrie. Fünf Stationen der Allgemein- und Akutpsychiatrie sind hier untergebracht. Gerade als ich 2010 neu nach Arnsdorf kam, war die Diskussion in vollem Gange, ob alte Gebäude genutzt werden sollen oder ein Neubau her muss. Ich war immer ein Verfechter eines Neubaus. Die Räume können nach modernen Ansprüchen gestaltet werden. In einem Altbau ist das nur schwer möglich. Patientenzimmer sind viel zu groß oder zu klein. So ist der heutige Standard von Ein- oder Zweibettzimmern immer mit gewissen Kompromissen verbunden. Im Neubau hat jedes Zimmer nun eine eigene Nasszelle und das Haus ist als Ganzes auch wirtschaftlicher zu betreiben. Wir sind sehr froh, dass wir das neue Gebäude haben und damit unseren Patienten und unseren Mitarbeitern ein modernes Umfeld bieten können.

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