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„Weihnachten wird überhöht – diesmal wegen Corona“

Eine Psychotherapeutin über Jammerer, worauf es gerade wirklich ankommt und wie man Weihnachten psychisch gesund bleibt.

Angesichts der nahenden Weihnachtsfeiertage unter Corona-Bedingungen darf man durchaus auch mal traurig sein - sollte das große Ganze aber nicht aus den Augen verlieren.
Angesichts der nahenden Weihnachtsfeiertage unter Corona-Bedingungen darf man durchaus auch mal traurig sein - sollte das große Ganze aber nicht aus den Augen verlieren. © Yui Mok/PA Wire/dpa

Von Sandra Dassler

Psychotherapeutin Isabella Heuser-Collin leitet die Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Campus Benjamin Franklin der Charité. Sie wundert sich über die grotesken Klagen derjenigen, die jetzt wegen der Corona-Einschränkungen jammern – und in vorherigen Jahren froh gewesen wären, Verwandte nicht zu sehen. Gleichzeitig sagt sie: Man darf auch mal traurig sein, sollte das große Ganze aber nicht aus den Augen verlieren. Was das ist, verrät sie im Interview.

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Frau Heuser-Collier, normalerweise würden wir um diese Zeit darüber sprechen, warum so viele Menschen über Weihnachtsstress, Konsumterror, Betriebsfeiern, Verwandtenbesuche und trügerische Familienharmonie klagen. Dieses Jahr ist und wird alles anders – und die Menschen klagen auch.

In der Tat. Jetzt klagen viele, dass sie wegen Corona nicht ihre nervigen Verwandten besuchen, nicht auf Betriebsfeiern abhängen, nicht auf überfüllten Weihnachtsmärkten shoppen können. Selbst das gemeinsame Glühwein-Trinken wird in den Rang eines Grundrechts erhoben. Das ist grotesk, aber nur die andere Seite einer Medaille. Denn ob man es nun scheußlich findet oder unverzichtbar: Weihnachten wird in beiden Fällen völlig überhöht. Diesmal wegen Corona.

Sie halten das für gefährlich?

Ja, denn es bedeutet, dass man niemals ein schönes Weihnachten erleben wird. Sondern immer etwas daran auszusetzen hat.

Verstehen Sie die Klagen in diesem Jahr?

Bei den meisten Menschen finde ich sie unangebracht – bis auf jene, die wirklich Grund dazu haben.

Und das wären?

Alle, die wirklich einsam und allein sind. Jene, die ihre Kinder, Enkel und Urenkel nicht sehen können und jene, die sonst wenigstens dieses eine Mal im Jahr aus den Pflegeheimen geholt oder zumindest dort besucht werden. Und vielleicht noch jene, die durch ihre Arbeit in dieser Zeit überlastet sind und dazu noch befürchten müssen, sich anzustecken. Die haben ein Recht zu klagen. Alle anderen können sich auf die Situation einstellen.

Isabella Heuser-Collier schlägt vor, an Weihnachten an andere zu denken, die wirklich ein hartes Jahr hatten – wie zum Beispiel Pflegekräfte oder Ärzte.
Isabella Heuser-Collier schlägt vor, an Weihnachten an andere zu denken, die wirklich ein hartes Jahr hatten – wie zum Beispiel Pflegekräfte oder Ärzte. © Robert Michael/dpa

Das fällt offenbar vielen schwer...

Das kann man aber lernen. Die Menschheit hat sich auch deshalb immer weiter entwickelt, weil wir resiliente Wesen sind: Das heißt, wir können uns anpassen, wir sind auch in der Lage, eine schwierige Situation anzunehmen und zu sagen: „Ok, das ist jetzt so. Damit muss ich umgehen und damit kann ich auch umgehen.“

Das klingt jetzt ein wenig theoretisch. Wie kann man das im Alltag umsetzen?

Wenn man dieses Jahr nicht verreisen kann, dann macht man vielleicht etwas Schönes zu Hause. Lernt kochen oder ein Instrument spielen, geht mehr spazieren oder tut auch mal gar nichts. Es ist überhaupt nicht schlimm, wenn man mal für ein paar Tage auf der Couch abhängt. Das ist unter anderem der Sinn von Feiertagen: es soll mal Ruhe einkehren, Gelassenheit, Entschleunigung.

Das heißt, man darf sich auch mal gehen lassen?

Natürlich. Man darf sich auch mal zugestehen, dass es ein hartes Jahr war. Aber die meisten Menschen können sich dann wahrscheinlich auch sagen: „Es hätte schlimmer kommen können. Es geht mir wahrscheinlich besser als manch anderen: den Händlern, den Menschen aus der Unterhaltungsbranche, den Gastronomen und vielen mehr.“

Aber die Trennung von geliebten Menschen belastet doch viele, oder?

Zweifellos. Aber sie ist ja nicht von Dauer. Die Impfung wird kommen. Und man kann anrufen, schreiben oder die neuen technischen Möglichkeiten nutzen.

"Wir sind diesem Virus eben nicht hilflos ausgeliefert."

Teilen Sie die Ansicht, dass die „sozialen Medien“ in diesen Zeiten erst wirklich ihren Namen verdienen?

Da ist etwas Wahres dran. Obwohl es schon immer darauf ankam, wie man sie nutzt. Wenn ein Zehnjähriger der ganzen Tag ins Handy schaut und die Menschen um sich herum nicht mehr wahrnimmt, ist das nicht gut. Wenn aber eine Vierjährige ihren Großeltern über WhatsApp oder Skype das Lied vorsingt, das sie gerade im Kindergarten gelernt hat - dann ist das etwas Wunderbares. Ich habe immer darauf hingewiesen, dass wir gerade ein physical distancing und keinesfalls ein social distancing erleben. Deshalb kann man wirklich nur hoffen, dass es inzwischen in jedem Haushalt neue Medien gibt und auch jemanden, der sie bedienen kann.

Stimmt es, was ein Pfarrer neulich gesagt hat: dass Corona dem eigentlichen Weihnachten, sprich der Weihnachtsbotschaft nichts anhaben kann?

Ja, das stimmt. Die Geburt Jesu kann man auch alleine feiern. Oder zu zweit. Aber da wir uns inzwischen gerade in den Großstädten zu einer säkularen Gesellschaft entwickelt haben, hat Weihnachten für die meisten eine andere, aber ebenfalls wichtige Bedeutung: Es geht um Familie, zwischenmenschliche Beziehungen und Zeit für Besinnung.

Ist Besinnung, Besinnlichkeit, angesichts der Ängste und Sorgen, die viele Menschen wegen der Pandemie haben, überhaupt möglich?

Ich finde schon. Wir sind ja diesem Virus eben nicht hilflos ausgeliefert, wir sind nicht ohne Kontrolle, wir haben es weitgehend in der Hand, wenn wir uns an die Regeln halten.

Aber das gilt doch nicht für alle. Haben nicht Ärzte oder Kranken- und Altenpfleger ein hohes Risiko?

Ja, das haben sie, vor allem, wenn sie direkt mit Infizierten arbeiten. Ein höheres Risiko als andere haben auch Verkäuferinnen oder Erzieher. Das sollte uns aber nicht zu der Schlussfolgerung verleiten, man könne nichts gegen das Virus tun. Man kann Abstand halten, sich die Hände waschen und Maske tragen.

Aber gerade die Genannten kommen auch mit jenen in Kontakt, die sich weigern, Masken zu tragen.

Deshalb müssen wir alle noch besser aufeinander achtgeben und nicht durchgehen lassen, dass jemand andere gefährdet. Auch wenn es generell natürlich nicht möglich ist, die Risiken des Lebens auf Null zu minimieren. Und ja – die gegenwärtige Situation ist gefährlich, sie ist anstrengend. Aber sie ist kein Krieg.

Mit einfachen Mitteln lässt sich die eigene psychische Widerstandskraft trainieren: Indem man etwa Mittags eine Stunde nach draußen oder in den Wald geht und Sonnenlicht und frische Luft tankt.
Mit einfachen Mitteln lässt sich die eigene psychische Widerstandskraft trainieren: Indem man etwa Mittags eine Stunde nach draußen oder in den Wald geht und Sonnenlicht und frische Luft tankt. © Sebastian Gollnow/dpa

Sind wir vielleicht durch 75 Jahre Frieden zu „psychischen Weicheiern“ geworden?

Ich denke schon auch manchmal darüber nach, was unsere Großeltern und Urgroßeltern so alles aushalten mussten, das ist wahr. Aber auch wir werden es schaffen. Außerdem ist es normal, dass wir auch mal negative Emotionen haben. Die sollten nicht immer sofort pathologisiert werden. Es ist nicht krank, Angst vor einer reellen Gefahr zu haben. Es ist auch nicht krank, traurig zu sein, weil man Kinder, Enkel oder Eltern nicht sehen kann. Aber es ist auch nichts, was man nicht aushalten könnte. Dafür haben wir unsere psychische Widerstandskraft, unsere Resilienz.

Wie kann man die stärken?

Mit einfachen Mitteln. Indem man etwa Mittags eine Stunde nach draußen oder in den Wald geht und Sonnenlicht und frische Luft tankt. Oder wirklich mal eine Zeitlang auf der Couch abhängt. Man kann auch mal einen langen Brief schreiben oder ein langes intensives Telefongespräch mit Freunden führen oder sich einfach nur darüber freuen, dass man zuhause keine Maske tragen muss.

Und wie erklärt man alten, vielleicht sogar dementen Menschen die Situation?

Immer wieder, auch wenn es noch so oft ist. Und möglichst ohne genervt zu sein – nach dem Motto: „Ich habe es Dir doch schon tausend Mal erklärt.“ Nein, ganz ruhig, empathisch, liebevoll.

Und bei kleineren Kindern?

Auch denen kann man sagen, dass Oma und Opa dieses Jahr nicht kommen können, weil sie sonst krank werden. Dass es aber bald eine Impfung gibt... Was das ist, wissen schon die Dreijährigen. Und viele haben ja auch schon in der Kita ein Corona-Virus gebastelt. Gut wäre es, wenn man sich, weil diesmal zu Weihnachten nicht alles wie gewohnt ablaufen kann, auch etwas Neues einfallen lässt.

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Das gilt wahrscheinlich nicht nur für den Umgang mit Kindern.

Nein, Gewohnheiten, Routinen sind wichtig, aber man sollte auch immer mal wieder etwas Anderes wagen. Ich glaube an die Anpassungsfähigkeit des Menschen. Weil er sich auf neue Situationen einstellen kann. Das kann jeder.

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