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„Wir stehen vor einem Trümmerhaufen“

Zum zweiten Mal fällt der Canalettomarkt in Pirna pandemiebedingt aus. Doch diesmal ist der Schaden für den Veranstalter groß. Der Frust auch.

Von Thomas Möckel
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Agenturchef Holger Zastrow, weihnachtsmarktloser Marktplatz in Pirna: "Wir sind so richtig verarscht worden."
Agenturchef Holger Zastrow, weihnachtsmarktloser Marktplatz in Pirna: "Wir sind so richtig verarscht worden." © Daniel Förster

Es ist eine Geschichte, in der am Anfang ziemlich viel wäre, hätte und normalerweise vorkommt. Es ist eine Geschichte, die ein trauriges Vorerst-Ende erreicht hat, das wirkliche Ausmaß und die Spätfolgen sind aber noch nicht abzusehen.

Holger Zastrow steht am Dienstagnachmittag auf dem ziemlich leeren Marktplatz in Pirna, keine Buden weit und breit, nur der Weihnachtsbaum steht einsam da, den das Weihnachtskind Thea gleich um Leuchten bringen wird. Zastrow ist Chef der Agentur „Plan de Saxe“, die seit vielen Jahren schon den Pirnaer Canalettomarkt organisiert und veranstaltet.

Normalerweise hätten Zastrow und das Weihnachtskind jetzt auf der Bühne gestanden und den diesjährigen Weihnachtsmarkt eröffnet. Die Menschen hätten Glühwein getrunken, gebrannte Mandeln gegessen, sie hätten vermutlich all das sehr genossen, weil 2020 diese ganze Weihnachtsstimmung ausfiel. Hätten. Normalerweise.

Zweite Absage in Folge

Aber normal ist nichts an dieser Geschichte, in die der Freistaat Sachsen am Freitagabend vergangener Woche ziemlich unvermittelt hineingrätschte. Die Corona-Inzidenz im Landkreis lag da schon über 1.000, für Covid-19-Patienten gab es kaum noch freie Klinikbetten. Und die Zahlen stiegen weiter.

Quasi in letzter Minute untersagte die Landesregierung dann doch sämtliche Weihnachtsmärkte, obwohl sie bis dahin beteuert hatte, die heilige Tradition unangetastet zu lassen. Nun fällt zum zweiten Mal dieser kollektive Adventskonsumzauber aus, die Absage in diesem Jahr wiegt aber weitaus schwerer. „Wir sind so richtig verarscht worden“, sagt Zastrow.

Politik, sagt der Agenturchef, selbst jahrelang FDP-Landtagsabgeordneter, könne vor allem mit Vertrauen und Verlässlichkeit punkten. Doch all das setze die Landesregierung jetzt aufs Spiel. Was ihn so wütend macht, ist nicht der Umstand, dass das Land mit der Absage auf die hohen Infektionszahlen reagierte und Menschen schützen will. Es ist etwas Anderes.

In wenigen Minuten alles pulverisiert

Wütend macht ihn, dass die Landesregierung die Veranstalter und Betreiber von Weihnachtsmärkten so lange in Sicherheit wog, sie machen ließ, sie alles aufbauen ließ, weil sie selbst lange daran festhielt. „Die Planungssicherheit war da“, sagt Zastrow.

Seine Agentur schloss Verträge, gewann Händler für den Canalettomarkt, ließ die Verkaufshütten aufstellen, plante mehrere Zonen, erarbeitete Hygiene- und Kontrollkonzepte, um gerüstet zu sein für sämtliche Vorgaben.

Doch die Landesoberen pulverisierten in wenigen Minuten all das, wohinein schon jede Menge Kraft und Geld geflossen waren. „Wir stehen nun vor einem Trümmerhaufen“, sagt Zastrow, „mir fehlen die Worte dafür.“

Kaum noch Personal zu finden

Nach seiner Ansicht sei der Freistaat mit dieser kurzfristigen Absage auf dem besten Wege, eine Jahrhunderte alte Tradition dauerhaft zu beschädigen. „Die Regierung legt jetzt echt die Axt ans Weihnachtsland Sachsen an“, sagt Zastrow. Dabei seien die Weihnachtsmärkte kulturell und wirtschaftlich sehr bedeutsam, ein Herzstück dieses Bundeslandes.

Nach dem pandemiebedingten Aus 2020 war es ohnehin schon schwierig, für dieses Jahr einen Weihnachtsmarkt zu organisieren. Das Angebot an Handelsware – beispielsweise erzgebirgische Handwerkskunst oder Herrnhuter Sterne – ist bereits mächtig ausgedünnt, weil viele Händler inzwischen übers Internet verkaufen.

Zudem werde es laut Zastrow immer problematischer, Personal für die Verkaufshütten zu finden. Immer weniger sind bereit dazu, vier Wochen oder länger auf einem Weihnachtsmarkt zu arbeiten.

Schaden: eine halbe Million Euro

Gleichwohl war es „Plan de Saxe“ gelungen, in diesem Jahr 40 Händler und Gastronomen für den Canalettomarkt zu gewinnen. Bei gutem Wetter, sagt Zastrow, wäre es ein super Markt gewesen, die Händler hätten mit Sicherheit einen guten Schnitt gemacht.

Doch nun verdirbt die bestellte Ware, vieles ist unverkäuflich, es fließt keine Standmiete an die Betreiber, die ihrerseits schon viel Geld in Werbung und Vorbereitung investierten. Die Verluste sind immens. Durch den Wegfall des Canalettomarktes sowie des Augustusmarktes in Dresden beziffert Zastrow allein für seine Firma als Marktbetreiber den Schaden auf etwa eine halbe Million Euro.

Dabei wäre ein Weihnachtsmarkt in Pirna aus seiner Sicht durchaus möglich gewesen. Die Hygienekonzepte waren selbst für das Hochinzidenzgebiet genehmigt, 2G hätte mit Kontrollen funktioniert. „Vor allem für Geimpfte“, sagt Zastrow, „ist die Absage ein Schlag ins Gesicht.“

Hoffnung auf staatliche Hilfe

Das Verbot gilt zwar zunächst nur bis 12. Dezember, aber auch danach wird es keinen Weihnachtsmarkt in Pirna geben. Noch weiß keiner, ob so etwas dann erlaubt sein wird, auch wirtschaftlich macht es laut dem Betreiber keinen Sinn. Und es ist ohnehin schon wieder alles abgebaut, um nicht noch mehr Kosten zu produzieren.

Dennoch gibt sich Zastrow als unerschütterlicher Optimist. Er hofft darauf, dass der Freistaat die entstandenen Schäden über einen Hilfsfonds ausgleicht, momentan sei eine solche Hilfe aber noch nicht in Aussicht.

Möglicherweise, so der Agenturchef, werde seine Firma die Absage und die damit verbundene finanzielle Schieflage auch ohne staatliche Hilfen überleben, aber ein wenig bange vor der Zukunft ist ihm schon. „Wir werden uns wohl oder übel mit der Frage beschäftigen müssen“, sagt Zastrow, „ob Weihnachtsmärkte in ihrer bisherigen Form künftig überhaupt noch ein Geschäftsmodell sind.“