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Wenn der Corona-Blues überhand nimmt

Nicht jedes Tief ist gleich eine Depression. Doch die Digitalisierung hat die Hilfsangebote für alle Betroffenen erweitert.

Früher war Depressionscoach Arne Tempel selbst depressiv, heute macht er mit Büchern und Videos Mut. Während Corona hatte er so viele Anfragen wie noch nie.
Früher war Depressionscoach Arne Tempel selbst depressiv, heute macht er mit Büchern und Videos Mut. Während Corona hatte er so viele Anfragen wie noch nie. © Jürgen Lösel

Wer bei Ruth Belzner anruft, weiß sich anders nicht mehr zu helfen: Normalerweise geht es um Beziehungsprobleme oder Suizidgedanken. Das Spektrum ist vielfältig. Doch momentan dreht sich fast jedes Gespräch nur um Corona: „Wir haben noch nie erlebt, dass ein Thema so viel Platz einnimmt“, sagt Belzner, die seit 24 Jahren die Telefonseelsorge Würzburg leitet. Selbst die Einführung von Hartz IV sei nicht so omnipräsent gewesen.

Die Einschränkungen zur Bekämpfung des Coronavirus verursachen Sorgen und Stress, viele Menschen hängen durch. Auch im Freistaat führen Telefonseelsorger viele Gespräche dazu, berichten Mitarbeiter der Diakonie Sachsen, einem der Träger. Vor allem Einsamkeit und familiäre Konflikte würden die Anrufer beschäftigen.

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Es fehlt die Tagesstruktur

„Gefährlich wird es dann, wenn ich mir selber nicht mehr sagen kann, das geht vorbei“, so Diplompsychologin Belzner. In jedem Fall helfe Nachfragen, Hinhören und den Anrufer in den Mittelpunkt stellen – genau wie bei jedem privaten Gespräch auch. „Die Situation können wir sowieso erst mal nicht ändern“, sagt Belzner. „Deshalb sollte man sich auch beim Gespräch mit geknickten Freunden oder Verwandten mit Ratschlägen zurückhalten und sich erst mal versichern, ob diese überhaupt gehört werden wollen. Meistens wird nämlich gar keine Lösung gesucht.“ Falls doch, sei es wertvoller, nach Erfahrungen aus früheren Krisen zu fragen und den Gesprächspartner selber denken zu lassen.

Professor Ulrich Hegerl, Chef der Deutschen Depressionshilfe, beruhigt: „Allein durch den Lockdown wird niemand in die Depression getrieben.“ Auch wenn die Anzeichen ähnlich seien, würden solche Befürchtungen die Schwere der Krankheit verkennen: „Meistens handelt es sich um verständliche menschliche Reaktionen auf schwierige Lebensumstände, nicht aber um eine Erkrankung.“ Menschen, die allerdings schon vor Corona depressiv gewesen seien, würden die Corona-Maßnahmen deutlich stärker treffen.

Betroffene leiden fast doppelt so häufig unter der fehlenden Tagesstruktur und bleiben deutlich länger liegen als sonst, heißt es im aktuellen Depressions-Barometer der Stiftung. „Menschen in einer Depression sind hoffnungslos und erschöpft. Eine fehlende Tagesstruktur erhöht das Risiko, dass sie sich grübelnd ins Bett zurückziehen. Lange Bettzeiten wiederum können die Depression weiter verstärken. Ein Teufelskreis beginnt“, sagt Hegerl.

Klinikaufenthalte platzen

Probleme, die seiner Meinung nach bei den Corona-Maßnahmen nicht ausreichend berücksichtigt würden. Es müssten Experten aus unterschiedlichen Bereichen zusammenarbeiten und nicht nur die Kollegen aus der Virologie: „Wie viel Leid und Tod lässt sich durch die Maßnahmen verhindern und wie viel wird durch sie verursacht?“, ist für Hegerl die zentrale Frage.

Zwar hat Corona die Digitalisierung vorangetrieben: Psychotherapeuten können Video- und Telefonsprechstunden nun deutlich häufiger bei den Kassen abrechnen. Und über 80 Prozent der Patienten, die das digitale Behandlungsangebot in der Coronazeit zum ersten Mal genutzt haben, waren auch sehr zufrieden. Dahinter steht allerdings ein großes Problem: Jeder zweite Betroffene berichtete bei der repräsentativen Online-Befragung der Stiftung von ausgefallenen Terminen während des ersten Lockdowns.

Für jeden zehnten Depressiven sei sogar ein geplanter Klinikaufenthalt geplatzt. „Im ambulanten Bereich gab es damals hingegen teilweise sogar mehr Kapazitäten, da viele Patienten so verunsichert waren, dass sie Termine abgesagt haben.“ Mittlerweile würden wieder mehr Termine wahrgenommen. Den Betroffenen sei klar geworden, dass ihre Erkrankung nicht hinten anstehen dürfe.

Mehr getrennt als vereint

Dennoch ist die Nachfrage nach Selbsthilfeangeboten im Internet groß: Viele landen beim Dresdner Arne Tempel, der selbst depressiv war. Er beschreibt seine damalige Situation als einen grauen Seidenschleier, der sich über sein Leben gelegt hat. Er sei in der Schule permanent müde und antriebslos gewesen.

Inzwischen geheilt, führt der 31-Jährige seit acht Jahren einen Selbsthilfe-Blog, um Mut zu machen und Tipps zu geben: „Die meisten Betroffenen drehen sich innerlich im Kreis“, berichtet Tempel. „Sie empfinden ihre alltäglichen Probleme und Macken auf einmal als noch viel anstrengender.“

Hinter vielen E-Mails steckt die Erkenntnis, dass das permanente Aufeinanderhocken Familien, Beziehungen und Freundschaften mehr zu trennen scheint als sie zu vereinen. „Vor allem leiden sehr viele darunter, dass auf einmal so viele unterschiedliche Meinungen breitgetreten werden.“

Ein sicherer Rahmen, um seine Meinung zu äußern, ohne gleich vom Gegenteil überzeugt zu werden, sei weggebrochen. Tempels Tipp: „Wir müssen uns klarmachen, dass das Gefühl von Verbindung und sozialer Wärme wichtiger ist als recht zu haben.“ Streitthemen solle man also einfach mal ruhen lassen und unterschiedliche Meinungen akzeptieren.

Ein Therapeut verschreibt Online-Angebot

Dass die Anfragen an Tempel seit einiger Zeit abnehmen, hat nicht mit dem gesunkenen Bedarf, sondern mit Googles Algorithmus zu tun. Er drängt Selbsthilfe-Blogs bei den Suchergebnissen weit nach hinten. Tempel kann diesen Schritt sehr gut nachvollziehen: „Weit mehr als die Hälfte aller Videos über Depression, die ich mir angeschaut habe, sind zu nichts nütze“, sagt er.

Oft seien es Leute, die eine kurze depressive Phase hatte und die Betroffenen mit ihren Tipps überfordern. Viele würden sogar Bücher verkaufen. „Gerade wenn es um Depressionsthemen geht, kann das gefährlich werden. Fachlich schlechte Bücher haben manchmal trotzdem Fünf-Sterne-Bewertungen, weil sich die Community gegenseitig pusht.“

Ein fundiertes Onlineangebot kann hingegen ein Psychotherapeut verschreiben. Seit Corona steht Betroffenen das iFightDepression-Tool zur Verfügung, das sich vom Facharzt kostenlos freischalten lässt. Es ist ähnlich aufgebaut wie eine Verhaltenstherapie und liefert zusätzlich wichtige Hilfestellungen, um die Woche besser zu strukturieren.

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