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Wenn die Pflege die Familie ersetzt

Die Bewohner im Meißner Katharinenhof sind isoliert und einsam. Wegen Corona. Trotz erfolgter Impfung sind Lockerungen nicht in Sicht.

Erwin Klein und Ingrid Mentner sind trotz Isolation durch die Pandemie froh, im Katharinenhof betreut zu werden.
Erwin Klein und Ingrid Mentner sind trotz Isolation durch die Pandemie froh, im Katharinenhof betreut zu werden. © Claudia Hübschmann

Meißen. Ingrid Mentner schluckt. Die Frage, wann sie das letzte Mal ihren Sohn gesehen hat, lässt sie kurz verstummen. Mit brüchiger Stimme erzählt die Seniorin, dass sie zwar täglichen Telefonkontakt habe, ihr aber der persönliche fehle. Trotzdem: Auch wenn es sie schmerzt, die Maßnahmen könne sie verstehen. Genauso wie Erwin Klein, der neben ihr sitzt. Beide kennen das betreute Wohnen im Katharinenhof nur im Pandemie-Modus.

Die Senioren sitzen im Rosenzimmer der Tagespflege auf dem Plossen. An der Decke ist Stuck. Ein Blick durch die Tür zeigt eine Außenterrasse mit bodentiefen Fenstern. Von dort aus sieht man ein Blumenrondell, das die Bewohner des Katharinenhofes regelmäßig selbst bepflanzen. Dies ist für Erwin Klein eine der schönen Erinnerungen des vergangenen Jahres, die ihn glücklich macht. Von seinem Zimmer aus kann er auf die Blumen schauen. „Ich habe ein wunderbares Zimmer. Ich möchte mit keinem anderen tauschen“, sagt der 85-Jährige. Seine Tochter wohne zudem in Meißen. Er und Ingrid Mentner haben dabei weniger Angst vor dem Virus als vor Isolation und Einsamkeit. Anders schaut es bei Ilse Brandt aus.

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Der Katharinenhof in Meißen war mal ein städtisches Pflegeheim. Seit 2016 befindet sich dort die Tages- und Intensivpflege der Elsterwerdaer Firma Leocare genauso wie betreute Wohngruppen.
Der Katharinenhof in Meißen war mal ein städtisches Pflegeheim. Seit 2016 befindet sich dort die Tages- und Intensivpflege der Elsterwerdaer Firma Leocare genauso wie betreute Wohngruppen. © Claudia Hübschmann

Die 90-Jährige sitzt in ihrem kleinen Zimmer im zweiten Stock. Sie hat einen Fernseher, daneben steht ein Bild ihres verstorbenen Mannes. Die aktuelle Lage mache sie nicht traurig. Sie sieht das eher pragmatisch. Denn vom Leben erwartet sie ohnehin nicht mehr so viel. Irgendwann müsse jeder mal gehen. Gegenüber vom Krankenbett, in der anderen Ecke, ist ein Sekretär. Darin befinden sich Knabbereien und Fotografien, die sie langsam herauskramt. Sie zeigen einen Ausschnitt ihres Lebens, das sich vorrangig auf dem Meißner Plossen abspielte. Jeder ihrer Gesprächsfäden führt in diese Zeit vor 70 Jahren.

Ilse Brandt richtet sich von ihrem Sessel auf. Sie hastet dabei nicht. Wenn sie einmal in einer Position verharrt, bleibt sie dort. Früher war der Katharinenhof mal ein städtisches Pflegeheim. Sie war dort Pflegerin und wohnte die meiste Zeit gegenüber, wie sie erzählt. Fotos aus dieser Zeit zeigt sie stolz und mit großen Augen. Ihr Redefluss wird schneller. „Das war eine schwere Zeit, aber auch eine sehr glückliche.“ Während Ilse Brandt sich kaum noch an das Mittagessen des Vortags erinnern könne, verknüpft sie mit dem Katharinenhof von damals noch die meisten Erinnerungen ihres Lebens. Wie als sie hochschwanger auf der Station arbeiten musste, aber ihr Mann, Hausmeister im Pflegeheim, die ganze Schicht strikt Wache hielt. Da habe sie sich damals keine Gedanken gemacht. Sie fühle sich deswegen in Meißen sehr wohl und ist hiergeblieben. Obwohl ihre Tochter in Thüringen lebt.

Tagespfleger müssen Familie sein

Dass die Bewohner sich im Katharinenhof so wohlfühlen, macht Peggy Fuhrman stolz. Es zeige, dass die Arbeit aller Kollegen in der Pflege und Tagespflege die Menschen erreiche. Das bewege sie aufrichtig. Gerade vor Weihnachten wäre die Psyche der Bewohner besonders angeschlagen gewesen. Denn nicht alle Angehörigen besuchten die Pflegebedürftigen. „Da mussten wir viele Tränen trocknen“, sagt die Teamleiterin der Tagespflege. Sie erklärt, dass nicht alle Verwandten der Bewohner aus Meißen kommen. Außerdem wollten einige sich nicht testen lassen. Auch wenn sie das ärgere, finden sie und ihr Team dafür Lösungen. Zum Beispiel durch Telefonate oder Videotelefonie.

Peggy Fuhrmann arbeitet seit etwa einem halben Jahr in der Tagespflege und leitet dort das Team. Sie kennt ihre Verantwortung und freut sich, wenn die Bewohner sich wohlfühlen.
Peggy Fuhrmann arbeitet seit etwa einem halben Jahr in der Tagespflege und leitet dort das Team. Sie kennt ihre Verantwortung und freut sich, wenn die Bewohner sich wohlfühlen. © Claudia Hübschmann

In Corona-Zeiten sind die Mitarbeiter der Tagespflege dabei noch wichtiger als sonst: Denn sie ersetzen die Angehörigen, die kaum vor Ort sein können. „Ich empfinde das als schön“, so Peggy Fuhrmann. Trotzdem sei ein Nachteil: „Durch Corona erhalten wir einen Pflegeheimcharakter.“ Denn die Familien gehen häufig davon aus, dass sich die Katharinenhof-Pfleger um alles kümmern. „Wir sind aber nur als Unterstützung da und wollen die Selbstständigkeit unserer Bewohner fördern. Wenn wir alles übernehmen, züchten wir uns Pflegefälle heran.“

Peggy Fuhrmann arbeitet seit September 2020 im Katharinenhof. Sie kümmert sich momentan um 14 Bewohner. Dabei kann sie 1,5 Meter Abstand nicht einhalten. „Wir müssen ihnen näherkommen, da die Hälfte schwer hört.“ Die medizinische Maske dämpft dabei ihre Stimme. Einige Bewohner wünschten sich im Herbst deshalb, dass sie die Maske doch absetzt. „Mittlerweile haben sie sich aber daran gewöhnt. Sie diskutieren nicht und freuen sich einfach über den Körperkontakt.“ Daneben muss sie mehr organisieren als früher: Termine für Testungen koordinieren, Pausen der Kollegen einplanen und Telefonate mit Angehörigen führen.

In der Corona-Zeit habe sich die Pflegearbeit trotzdem kaum geändert. Hygienische Maßnahmen, die schon vor Corona galten, haben noch immer Bestand. „Wir waschen uns auch ohne Corona regelmäßig die Hände und desinfizieren sie regelmäßig“, sagt sie. Jetzt komme eben noch die Maske hinzu und die inzwischen mehrfach wöchentlichen Tests. „So können wir mit ruhigem Gewissen die Patienten behandeln.“ Viele Team-Mitglieder haben ihr Privatleben stark eingeschränkt. Denn: „Wir haben eine Verantwortung.“ Natürlich gab es auch im Katharinenhof Mitarbeiter, die keine Maske tragen wollten und mit ihr diskutierten. Die habe sie eindringlich daran erinnert. Der Erfolg gibt Recht: Bisher gab es im Katharinenhof keinen einzigen Corona-Fall: weder unter den Bewohnern noch unter dem Personal.

„Für meine Mutter hat sich der Kreis geschlossen“

Monika Reuss beruhigt es, dass das Pflegepersonal sich gut um ihre Mutter kümmert. Trotzdem weiß die Tochter von Ilse Brandt, dass die Senioren durch die Folgen der Pandemie vereinsamen. Während sie sich mit ihren Freunden etwas häufiger treffen kann, muss ihre Mutter darauf komplett verzichten. Mit ihrem 85-jährigen Mann schafft sie es nur alle vier bis sechs Wochen nach Meißen. Denn Monika Reuss wohnt drei Stunden entfernt, im thüringischen Zella-Mehlis. Sie selbst ist 70 Jahre. Deswegen wäre es für das Ehepaar beschwerlich, häufiger zu fahren. Ohne Corona würden sie zudem auch in Meißen übernachten. Ilse Brandt hat sich jedoch damals bewusst dagegen entschieden, nach Thüringen zu ziehen.

Ilse Brandt war eine der ersten, die in den Katharinenhof eingezogen ist. Kein Wunder, sie hat hier schon einmal gearbeitet, und zwar als Pflegerin in der DDR.
Ilse Brandt war eine der ersten, die in den Katharinenhof eingezogen ist. Kein Wunder, sie hat hier schon einmal gearbeitet, und zwar als Pflegerin in der DDR. © Claudia Hübschmann

„Ich habe es ihr mehrmals angeboten, aber sie wollte gern dort bleiben, wo sie gelebt hat“, sagt die Tochter. Das akzeptiert Monika Reuss. „Für meine Mutter hat sich der Kreis geschlossen.“ Trotzdem sorgt sie sich. Ilse Brandt sei bedeutend labiler geworden, hat abgenommen sowie starke Schmerzen. Nicht nur deswegen sei ihre Mutter in den vergangenen Monaten oft betrübt gewesen. Das habe sie bei den täglichen Telefonaten gespürt, die sie oft am Abend führen. „Ich merke das an ihrer Stimme, wenn etwas ist.“ So bedauert Ilse Brandt, dass die Pandemie alles komplizierter mache. Trotzdem habe sie Verständnis. Die 90-Jährige wisse, dass die Erkrankung gerade für Ältere böse enden könne. Monika Reuss begrüßt es deshalb, dass die Pflegeleitung im Katharinenhof strikt die Hygiene-Regeln einhalte.

Pflege-Personal: „Wir alle sind am Limit“

Immer mehr Corona-Fälle im Landkreis, sich wöchentlich ändernde Verordnungen des Bundes, des Freistaats sowie des Landratsamtes: Peggy Trauzold habe sich seit einem Jahr gefühlt mit nichts anderem beschäftigt. „Es wird immer schwieriger, das den Pflegebedürftigen zu vermitteln“, sagt die Assistenz der Geschäftsführung und stellvertretende Pflegedienstleitung. Beispiel Alltagsmasken: Mal waren sie völlig ausreichend, dann musste jeder einen medizinischen Mund-Nasen-Schutz tragen, mittlerweile FFP2 oder KN95. Die Maßnahmen wurden zudem immer weiter verschärft. „Wir müssen und wollen die Besuchsmöglichkeiten aufrechterhalten, aber es gilt eine Testpflicht für Besucher: Nicht immer ist das einfach zu organisieren.“ Deswegen gebe es auch drei Testtage im Katharinenhof, um den Stress zu mildern. Zudem kommen viele Angehörige mittlerweile mit einem Test von außerhalb. Das entlaste das Personal zusätzlich.

Knapp 50 arbeiten allein in der Meißner Pflegeeinrichtung. Der Zusammenhalt unter den Kollegen sei mit der Pandemie gewachsen, so Peggy Trauzold. „Wir haben wunderbare Mitarbeiter, die auch mal kurzfristig einspringen, wenn es sein muss.“ Trotzdem: „Wir alle sind am Limit.“ Es fehle der Ausgleich im Alltag. Kaum einer könne seinen Hobbys nachgehen und Geschäfte, Restaurants oder Kinos sind geschlossen. Katrin Däbler fasst ihre Situation so zusammen: „Die Kilos sind gestiegen, weil wir uns mit Naschen trösten.“ Der Teamleiterin der Intensivpflege wie auch Peggy Trauzold ist es deswegen wichtig, dass die Mitarbeiter genügend Freizeit neben der Arbeit haben. Viele würden unter dumpfen Kopfschmerzen leiden, beobachtet Katrin Däbler. „Das liegt sicher an der psychischen Dauerbelastung.“

Sie sorgen dafür, dass die ambulante Pflege und das betreute Wohnen trotz Corona weitergeht: Katrin Däbler (von links), Pflegedienstleiterin Sabine Wendler, Peggy Trauzold und Oliver Leonhardt.
Sie sorgen dafür, dass die ambulante Pflege und das betreute Wohnen trotz Corona weitergeht: Katrin Däbler (von links), Pflegedienstleiterin Sabine Wendler, Peggy Trauzold und Oliver Leonhardt. © Claudia Hübschmann

Leocare-Chef Oliver Leonhardt ist deshalb dankbar für seine Mitarbeiter, die trotz der Corona-Krise so gute Arbeit leisten. Denn er weiß, dass die Stimmung angespannt ist, vielleicht auch gereizter als vorher. Zusätzlich fehle die gesellschaftliche Anerkennung des Pflegeberufs seit Jahren. „Das ist eine nationale Aufgabe, dies zu ändern.“ In anderen Ländern wäre es undenkbar, seine Eltern in fremde Hände zu geben. In Deutschland ist es mittlerweile normal. Deswegen müsse die Verbesserung der Pflegebedingungen auf die politische Agenda. Da reichen kein alleiniges Applaudieren und einmaliger Pflegebonus, so der Geschäftsführer.

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