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Wer wohnt im Dresdner Quarantäne-Hochhaus?

Über Nacht wird ein Wohnheim in Dresden deutschlandweit bekannt, weil ein junger Student an Covid-19 stirbt. Wie geht es nun den anderen Bewohnern?

Im Quarantäne-Hochhaus an der Hildebrandstraße in Dresden besteht die Angst vor einer Ansteckung mit der Corona-Variante aus Indien weiterhin.
Im Quarantäne-Hochhaus an der Hildebrandstraße in Dresden besteht die Angst vor einer Ansteckung mit der Corona-Variante aus Indien weiterhin. © xcitepress

Dresden. Zerrissen flattert ein rot-weißes Absperrband im Wind. Auf den ersten Blick scheint es das einzige, was von der Quarantänezeit im Dresdner Corona-Hochhaus übriggeblieben ist. Dort ist vergangene Woche ein junger Bewohner nach seiner Rückkehr aus Indien an Covid-19 verstorben. Es besteht der Verdacht, dass er sich dort zuvor mit der Delta-Variante des Virus infiziert haben könnte.

Das Dresdner Gesundheitsamt riegelte daraufhin das 15-geschossige Gebäude ab, alle 170 Bewohner mussten einen PCR-Test machen. Gar nicht so einfach, denn mehr als 80 Prozent kommen aus dem Ausland. Deutsch versteht hier nicht jeder.

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Seit Sonntagabend sind die meisten wieder aus der Isolation raus, außer sieben positiv getesteten Personen. 18 befinden sich zurzeit noch in Quarantäne. Wie aber geht es den Bewohnern?

"Ist das so, weil ich indisch aussehe?"

Davinder Bansat (39) wartet noch, ehe er seine Familie in Indien wieder besucht
Davinder Bansat (39) wartet noch, ehe er seine Familie in Indien wieder besucht © René Meinig

Weiße Gardinen hängen an der Tür zu Davinders Zimmer. Gemeinsam mit seiner Frau lebt der in Indien geborene Student in einer 20-Quadratmeter-Wohnung. Mehrere Lernzettel liegen auf dem Boden verstreut, eine schwarze Gitarre ruht auf dem Bett. "Ich hab' während der Quarantäne viel gespielt", sagt der Musikfan, der auch vom spontanen Konzert der Banda Comunale begeistert war. "Ich bin so dankbar für die Unterstützung." Damit richtet sich der 39-Jährige an die vielen Helfer - angefangen von der Heilsarmee bis zum Studentenrat der TU Dresden, die das Gebäude mit Lebensmitteln belieferten. Dennoch ist er froh, wieder raus zu dürfen:

Dreimal am Tag geht er nun wieder mit seinem Hund in den Park, dort bemerkt er manchmal, dass die Leute einen anderen Weg einschlagen. "Ist das so, weil ich indisch aussehe? Haben sie Angst vor der Mutation?"

Er selbst bleibt optimistisch: "Angst vor einer Ansteckung habe ich nicht, ich kannte den verstorbenen Mann nicht." Trotzdem hätte sich der Inder mehr Informationen über den Toten gewünscht. "Hier leben 170 Menschen, mit einem Namen kann ich wenig anfangen, ein Foto hätte mehr gebracht. Vielleicht habe ich ihn kurz zuvor im Flur getroffen."

Auch die anderen Bewohner trifft er nur am Hauseingang, er hat wenig Kontakt zu ihnen. "Vielleicht wäre das vor Corona anders gewesen." Davinder lebt seit September 2020 in Deutschland, kennt Dresden also nur im Lockdown. Den Studentenclub um die Ecke hat er noch nie geöffnet erlebt.

"Hier wohnen viele Kulturen"

Nguyen Anh (28) aus Vietnam wohnt seit fünf Jahren in der Hildebrandstraße 7.
Nguyen Anh (28) aus Vietnam wohnt seit fünf Jahren in der Hildebrandstraße 7. © René Meinig

Studentin Anh Nguyen ist auf dem Weg zur Bushaltestelle. Seit Dienstag ist sie aus der Quarantäne raus, viele ihrer Mitbewohner waren da schon längst wieder an der frischen Luft. "Ich habe am Sonntag keine Mail vom Amt erhalten, obwohl ich auch negativ getestet wurde. Ich hab dann angerufen und auf meinen Bescheid gewartet."

Die Vietnamesin wohnt seit fünf Jahren mit ihrem Freund in Dresden, trotzdem kennt sie nur wenige in dem Hochhaus. "Hier wohnen viele Kulturen", ist ihre Begründung. Auch zu dem verstorbenen Mann hatte sie nie Kontakt. Verängstigt ist sie trotz negativem Testergebnis: Neben ihrem Zimmer seien vier Jungs in Quarantäne. Und selbst ihrem PCR-Ergebnis traut sie nicht hundertprozentig. "Bei dem Mann war der Test auch negativ, vielleicht sind wir ja in ein paar Tagen alle positiv."

Sorgen macht sich nicht nur die Studentin, sondern auch ihre Familie in Vietnam: Während der Isolation hat sie viel mit ihr telefoniert. Auch jetzt lebt sie weiterhin im Digitalen: Bis sie genug Klarheit hat, trifft sie sich mit ihren Freundinnen nicht im Park, sondern im Chat.

Das Wichtigste zum Coronavirus in Dresden:

"Es ist meine Verantwortung, wenn etwas passiert."

Bewohner Muhammad Kashif (28) aus Pakistan musste schon oft in Quarantäne.
Bewohner Muhammad Kashif (28) aus Pakistan musste schon oft in Quarantäne. © René Meinig

Für Hausbewohner Muhammad Kashif war die Quarantänezeit nichts Neues. Insgesamt war der Student aus Pakistan schon mehr als drei Wochen in der Isolation. Zuerst, als er von seiner Familie aus Pakistan im Herbst zum Masterstudium an die TU Dresden kam, dann als er seine Verwandten im März besuchte, und jetzt. "Gewöhnt habe ich mich trotzdem nicht daran", sagt der 28-Jährige, der am Sonntag sofort einen Nachtspaziergang gemacht hat, als das Gesundheitsamt ihn aus der Quarantäne entließ.

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Die Normalität sei bei ihm aber noch nicht eingekehrt. Das Unternehmen, bei dem er nebenbei jobbt, will ihn erst in einer Woche wiedersehen. Auch im Hochhaus selbst sei es seitdem ruhiger geworden: "Sonst saßen ein paar Menschengruppen draußen auf der Wiese, man hat sich unterhalten", sagt Muhammad, der jetzt allein im Hinterhof steht. "Ich bin nicht verängstigt, aber vorsichtig." Er will erstmal noch keine Leute treffen: "Es ist meine Verantwortung, wenn etwas passiert."

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