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Werden wegen Corona die Krankenhausbetten knapp?

Noch müssen auf Intensivstationen in Sachsens Krankenhäusern wenige Corona-Patienten beatmet werden. Doch die Zahlen sind trügerisch.

Bett einer Intensivstation des Universitätsklinikums Dresden.
Bett einer Intensivstation des Universitätsklinikums Dresden. © Ronald Bonß/dpa

In der Berliner Charité werden geplante Operationen bereits verschoben, um Intensivbetten freizuhalten. Auch die Frankfurter Uniklinik rüstet sich für deutlich mehr Corona-Patienten. Und wie sieht es in Sachsens Kliniken aus? Die zweite Corona-Welle hat den Freistaat erreicht. Die Zahl der täglich neu gemeldeten Infektionen liegt mittlerweile im dreistelligen Bereich. Am Donnerstag kamen 369 Fälle dazu. Aktuell gibt es damit 1.901 aktiv Infizierte.

Auch die Zahl der Patienten, die stationär behandelt werden muss, steigt – ist aber weiterhin vergleichsweise niedrig. 44 Coronakranke lagen am Freitag in Sachsen auf der Intensivstation, 25 von ihnen müssen künstlich beatmet werden. „Die geringen Zahlen sind jedoch trügerisch“, sagt Erik Bodendieck, Präsident der Sächsischen Landesärztekammer. Die Behandlung von Corona-Patienten in Krankenhäusern erfolge mit fünf, sechs Tagen Verzögerung. Die Einweisungen könnten in den nächsten Wochen rasch steigen. „Bei den Intensivbetten sind wir aber noch keineswegs an der Kapazitätsgrenze“, sagt Bodendiek.

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Insgesamt stehen in Sachsens Krankenhäusern 1.795 Intensivbetten zur Verfügung, davon sind 1.248 belegt – allerdings nur 2,45 Prozent mit Corona-Patienten. Als Notfallreserve stehen weitere 700 Intensivbetten bereit. Die Zahlen stammen aus dem DIVI-Intensivregister. Das ist eine digitale Plattform, die intensivmedizinisch behandelte Covid-19-Patienten sowie Behandlungs- und Bettenkapazitäten von rund 1.300 Akut-Krankenhäusern in Deutschland erfasst. Die tägliche Meldung ist seit dem 16. April für die Einrichtungen gesetzlich vorgeschrieben. Demnach sind in ganz Deutschland noch rund 8.700 Intensivbetten frei.

Hoher Bedarf im Winter

„Damit es nicht zu Überlastungen in der medizinischen Versorgung kommt, ist die Auslastung der Intensivbetten in den nächsten Monaten ein entscheidender Faktor“, sagt Professor Dr. Christian Karagiannidis, künftiger Präsident der Deutschen Gesellschaft für Internistische Intensivmedizin und Notfallmedizin (DGIIN). Die steigende Zahl der Neuinfektionen müsse immer im Zusammenhang mit der Verfügbarkeit von Intensivbetten betrachtet werden. „Gerade in den Herbst- und Wintermonaten ist der Bedarf ohnehin oft für andere intensivpflichtige Patienten groß“, bestätigt auch Andreas Mogwitz, Medizinischer Geschäftsleiter am Dresdner Universitätsklinikum.

Dennoch: Befürchtungen, dass die vorhandenen Intensivbetten in sächsischen Kliniken nicht ausreichen könnten, erteilt er eine Absage. „Wir sind insgesamt deutlich besser vorbereitet als noch im Frühjahr.“ „Wir sind sehr gut gerüstet“, sagt auch Bodendieck. So funktioniere im Freistaat zum Beispiel die Verteilung von Corona-Patienten sehr gut. Bereits Ende März wurde die Zentrale Corona-Krankenhausleitstelle Dresden ins Leben gerufen. Sie ist 24 Stunden am Tag besetzt und arbeitet eng mit den 35 angeschlossenen Kliniken in Dresden und Ostsachsen sowie den Mitarbeitern aus dem Rettungsdienst zusammen.

In Chemnitz und Leipzig gibt es ein ganz ähnliches Modell. „So wird sichergestellt, dass die Patienten je nach Schwere ihrer Erkrankung und ihres Zustands in das Krankenhaus eingeliefert werden, das sie am besten behandeln kann“, sagt Mogwitz. Zudem lasse sich auf diese Weise eine Überbelegung einzelner Kliniken vermeiden. „Ich glaube, nicht die Kapazität der Intensivbetten sind unser Hauptproblem, vielmehr das fehlende Personal“, sagt Bodendiek. So habe das Uniklinikum Dresden in den vergangenen Monaten eine „zweite Linie“ aufgebaut. Studierende, Ärzte oder auch pensionierte Fachkräfte seien darauf vorbereitet worden, bei Bedarf aushelfen zu können, sagt Mogwitz. Vorrangig müsse das Ziel dennoch sein, die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen. Jeder Einzelne müsse dazu beitragen.

Routine eingekehrt

Ein weiterer Grund dafür, dass sich die Kliniken in Sachsen gut gerüstet sehen, ist das in der Uniklinik Dresden entwickelte Prognose-Tool. „Aufgrund der Datenmenge sind relativ sichere Vorhersagen über schwere Krankheitsverläufe bei Corona-Fällen möglich“, sagt Mogwitz. „Demnach gehen wir nächste Woche von insgesamt etwa 100 infizierten Patienten in Dresden und Ostsachsen, die im Krankenhaus behandelt werden müssen“, sagt Mogwitz. Rund zehn bis 15 Prozent bräuchten laut Prognose eine intensivmedizinische Betreuung. „Durch das Tool können wir den Bedarf an Intensivbetten frühzeitig abschätzen“, sagt Mogwitz.

Doch wann wird eine Verlegung eines Corona-Patienten auf die Intensivstation überhaupt notwendig? „Sobald er aufgrund der Entzündung der Lunge nicht mehr in der Lage ist, selbstständig mit der Atmung seinen Körper zu versorgen“, sagt Mogwitz. Sowohl die Lunge als auch die Brustmuskulatur leiden unter der künstlichen Beatmung und werden geschwächt. „Daher benötigen die Patienten in der Regel im Anschluss eine lange Zeit, um sich zu regenerieren“, so Mogwitz.

Im Frühjahr hatte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) verfügt, dass Krankenhäuser in Deutschland 50, später 25 Prozent der Intensivbetten freizuhalten haben. Diese Regelung gibt es nicht mehr. Vielmehr sind die Kliniken angewiesen, gemäß der Notwendigkeit zu entscheiden, erklärt Mogwitz. „Ich glaube, die Einrichtungen handeln alle mit sehr viel Augenmaß und entscheiden von Woche zu Woche.“ Geplante Eingriffe zu verschieben sei laut Landesärztekammer-Präsident Bodendieck in Sachsen derzeit kein Thema. Es gebe jedoch Kliniken, die derzeit ihre Corona-Isolierungsstation wieder aufbauen würden. „Insgesamt stehen wir in den deutschen Kliniken deutlich besser da als während der ersten Welle“, sagt auch Karagiannidis. Ein Grund dafür sei, dass mehr Routine in der Behandlung von Covid-19 eingekehrt sei und Ärzte inzwischen durch aktuelle Forschung besser wüssten, worauf sie achten müssten.

Patienten über 60

Ein Beispiel sei die Gefahr von Thrombosen. Laut Mogwitz seien in Sachsen einige Patienten an einer Lungenembolie und nicht an einer Lungenentzündung verstorben, wie sich erst später herausgestellt habe. „Zudem stehen uns mit den Medikamenten Remdesivir, Cortison und der passiven Immunisierung neue Therapiemöglichkeiten zur Verfügung, die es zu Beginn so nicht gab“, erläutert Intensivmediziner Karagiannidis.

„Wichtig ist aber: Wir können auf keinen Fall sagen, ob die Krankheit milder verläuft. Es erkranken derzeit sehr viel mehr jüngere Patienten als in der ersten Welle, phasenweise lag das Durchschnittsalter der Infizierten fast 20 Jahre unter dem Durchschnittsalter der Infizierten der ersten Welle. Junge Patienten erkranken an Covid-19 grundsätzlich weniger häufig schwer“, so der Mediziner. „Die Hauptlast der Covid-Erkrankungen auf den Intensivstationen entfällt auf die Altersgruppe der über 50- bis 60-Jährigen.

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Der Inzidenzwert ist etwa gleich geblieben. Ein weiterer Patient musste auf die Intensivstation.

Deshalb ist es dringend notwendig, die Gesamtzahl an Infektionen den Infektionszahlen der Gruppe der über 50- bis 60-Jährigen gegenüberzustellen und diese Entwicklung genau zu beobachten“, sagt Karagiannidis, der auch wissenschaftlicher Leiter des DIVI-Intensivregisters ist. Eine Auswertung der Daten in Sachsen hat ergeben: Auf der Intensivstation behandelt werden mussten zum großen Teil Patienten, die älter als 60 Jahre waren. „Außerdem gab es einen leichten Männerüberschuss“, sagt Mogwitz.

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