merken
PLUS Wirtschaft

Werden wir zu Online-Shoppern umerzogen?

Der Weihnachts-Lockdown trifft die Läden in den Städten und Gemeinden auch langfristig. Sie müssen sich umstellen.

Händler, die offline und online bedienen können, haben es jetzt leichter.
Händler, die offline und online bedienen können, haben es jetzt leichter. © Jens Kalaene/dpa

Von Finn Mayer-Kuckuk

Die Lieferdienste stellen in diesen Tagen täglich Millionen von Paketen zu – und erwarten für die kommenden Tage einen weiteren Anstieg des Volumens. Wenn die Verbraucher ihre Weihnachtsgeschenke wirklich nur noch im Netz bekommen, werden sie noch eine Flut weiterer Bestellungen absetzen, vermuten Branchenvertreter. „Die Rekordmengen zu Weihnachten und die noch weiter steigenden Sendungsmengen durch die Pandemie bringen unser Netzwerk an die Grenzen“, sagt Marco Schlüter, der Leiter des operativen Geschäfts beim Paketzusteller Hermes.

Gesundheit und Wellness
Gesundheit und Wellness auf sächsische.de
Gesundheit und Wellness auf sächsische.de

Immer gerne informiert? Nützliche Informationen und Wissenswertes rund um das Thema Gesundheit und Wellness haben wir in unserer Themenwelt zusammengefasst.

Anders als viele Akteure in Gesellschaft und Politik hat sich Hermes jedoch in den vergangenen Monaten auf die Lage eingestellt. „Uns spielt bei den neuerlichen Verschärfungen der Corona-Maßnahmen in die Karten, dass wir uns bereits auf die Pandemie-Situation vorbereitet haben.“ Dem Bundesverband Paket und Expresslogistik zufolge hat die Branche allein für dieses Weihnachtsgeschäft 30.000 zusätzliche Mitarbeiter eingestellt.

Geschlossene Einkaufspassage in Leipzig.
Geschlossene Einkaufspassage in Leipzig. © Sebastian Willnow/dpa

Corona wirkt in diesem Jahr verstärkend auf bestehende Trends im Einzelhandel. Die Verlagerung der Einkäufe ins Netz hat sich durch die Pandemie noch einmal deutlich beschleunigt. Der Anteil des Online-Shoppings am Weihnachtsgeschäft lag im vergangenen Jahr noch bei 14 Prozent, in diesem Jahr werden es über 20 Prozent sein, schätzt der Bundesverband E-Commerce und Versandhandel Deutschland. Viele Verbraucher sind in diesem Jahr sogar erstmals zum Shopping ins Netz gegangen statt in die Fußgängerzone. „Jeder zehnte Deutsche entdeckte 2020 diese Form des Einkaufs völlig neu für sich“, sagt eine Studie des Marktforschungsinstituts Heute und Morgen im Auftrag von Hermes.

In den vergangenen Jahren ist das Online-Geschäft ohnehin jedes Jahr gewachsen – ein guter Teil auf Kosten des stationären Einzelhandels. Dazu kam in diesem Jahr Corona. Es war nicht nur die neue Menschenscheu, die die Kunden ins Netz getrieben hat. Dazu kommt auch der erhöhter Bedarf nach Notebooks und Monitoren, weil viele Arbeitnehmer ihr Homeoffice aufmotzen möchten. Mit den Beschlüssen vom Wochenende kommt auf all das noch der Lockdown hinzu. Ausgerechnet in der Woche vor dem 4. Advent.

Online rettet Handel allgemein

Dieser Sturm bringt Online-Händler und Lieferdienste ans Limit. Die vielen Bestellungen sind den Firmen hochwillkommen – doch die Nachfrage drängt sich immer extremer auf wenige Tage im Jahr zusammen. Immerhin haben aber die Rabatt-Tage wie „Black Friday“ und „Cyber Monday“ im November das Weihnachtsgeschäft etwas entlastet. Das hat zugleich dazu geführt, dass die Lager einiger Online-Anbieter schon leer sind. Die Lieferungen aus Asien sind längst abgeschlossen; Nachschub kommt erst im Januar. Das betrifft vor allem Computer, Spielkonsolen und andere Heimelektronik. „Da viele Kunden ihr Homeoffice ausstatten möchten und gleichzeitig die Nachfrage auch international bei Behörden und Firmen gestiegen ist, sind erste Modelle nicht mehr lieferbar“, sagt Oliver Hellmold, Chef des großen Computer-Versenders Notebooksbilliger.de. Die plötzliche Verlagerung von Offline nach Online durch den neuen Shutdown führt nun auch dazu, dass die Waren zum Teil am falschen Ort liegen: im Innenstadt-Geschäft statt draußen im Versandzentrum einer Online-Plattform. Anbieter, die sowohl über physische Filialen als auch eine starke Digitalsparte haben, mussten diese Trennung überwinden, um auf die Lage reagieren zu können. „Unsere Mitglieder haben im ersten Shutdown in ihren Filialen Pakete gepackt und konnten so zum einen ihre Mitarbeiter dort beschäftigen“, sagt Groß-Albenhausen.

Die Paketberge werden wachsen.
Die Paketberge werden wachsen. © imago images

Im Vorteil sind nun also vor allem Läden, die sich ein Online-Standbein aufgebaut haben. Das bedeutet aber auch, dass viele altmodischere Geschäfte in den Fußgängerzonen in der Existenz bedroht sind – das Online-Geschäft bekommen schließlich vor allem Plattformen mit bekannten Namen, massivem IT-Einsatz und Hauptsitz in den USA ab. Doch zumindest die größeren deutschen Online-Shops zeigen sich durchaus wettbewerbsfähig. „Wir sind wieder ein Spieler, den es lohnt, ernst zu nehmen“, sagt Bernhard Düttmann, der Chef der Ceconomy AG, zu der die Elektroketten Mediamarkt und Saturn gehören. In den vergangenen anderthalb Jahrzehnten waren die Ketten hinter die reinen Online-Anbieter wie Amazon und Notebooksbilliger zurückgefallen. „Wir waren von der Spur abgekommen“, gibt Düttmann zu. Seitdem hat das Unternehmen jedoch kräftig in den Aufbau guter Online-Shops investiert. Die Gruppe konnte vom Trend zu Neuanschaffungen von Elektronik in diesem Jahr voll profitieren. Der Online-Umsatz von Mediamarkt-Saturn stieg im Geschäftsjahr bis Ende September um 44 Prozent auf 4,2 Milliarden Euro, wie Ceconomy am Dienstag mitteilte. Auch der neue Lockdown schreckt Mediamarkt-Saturn nicht. „Wir sind heute viel besser vorbereitet als im Frühjahr“, sagte Düttmann. Lieferengpässe gebe es in seinem Haus nicht. Das Unternehmen ist in Deutschland der drittgrößte Online-Händler nach Amazon und Otto.

Der Schnellkurs im Online-Handel beschleunigt damit jedoch auch das Innenstadtsterben. Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln rechnet mit einem Verlust von 13 Milliarden Euro für die Läden. Innerhalb von acht Wochen habe sich eine Entwicklung abgespielt, die sonst zehn Jahre gedauert hätte, hat die Unternehmensberatung McKinsey errechnet. Zugleich rettet der Online-Kanal in dieser Pandemie den Handel insgesamt. Was, wenn die Geschäfte hätten schließen müssen, ohne dass es für den Konsum eine Alternative gibt? Der Online-Bereich hält derzeit die Wirtschaft am Laufen. Der Umsatz im Netz werde um sechs Milliarden Euro steigen, sagt das IW voraus.

Einkaufstipps fürs Netz:

Weiterführende Artikel

Kretschmer will mit Corona-Demonstranten reden

Kretschmer will mit Corona-Demonstranten reden

130 neue Todesfälle in Sachsen, Freistaat verlängert Lockdown bis Mitte Februar, Schule ab Mitte Februar - unser Newsblog.

Lockdown: Sachsens Händler verlieren täglich 50 Millionen

Lockdown: Sachsens Händler verlieren täglich 50 Millionen

Der erneute Lockdown wird Sachsens Händler hart treffen. Ihr Verbandschef fordert nun neue Staatshilfen und sagt, wie sich Betroffene selbst helfen können.

Das macht Corona mit Dresdens Innenstadt

Das macht Corona mit Dresdens Innenstadt

Restaurants sind geschlossen, Einkaufen ist aber möglich. Wie sich der Lockdown auf das Leben in der Dresdner City auswirkt.

  • Spätestens bis Freitag bestellen: DHL will Pakete, die bis Samstag eingeliefert werden, noch vor Weihnachten zustellen. Hermes verspricht sogar noch für alle Sendungen, die bis zum 21. eingehen, einen Zustellversuch bis zum Heiligen Abend. Doch eine Bestellung nach dem Wochenende wird schon ziemlich knapp: Viele Versender sind derzeit so ausgelastet, dass die Pakete nicht wie sonst sofort herausgehen, sondern erst Tage später.

  • Wer in den Tagen vor Weihnachten nicht viel zuhause ist, sollte schon bei der Bestellung einen Abholpunkt festlegen, raten Paketdienste.

  • Nicht-festliche Anschaffungen verschieben: Der Versender Notebooksbilliger.de rät dazu, den neuen Computer fürs Homeoffice im Februar oder März anzuschaffen, statt ihn sich zu Weihnachten schenken zu lassen.

Mehr zum Thema Wirtschaft