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Wie alles aus dem Ruder läuft

Zahlenchaos, woher einen PCR-Test bekommen, Regelbrüche - die Verunsicherung in der vierten Corona-Welle ist im Kreis Görlitz riesig.

Von Susanne Sodan
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Aus Dresden zum Beispiel wurde ein Patient nach Bremen ausgeflogen am Wochenende. Auch der Kreis Görlitz hat mit Verlegungen beginnen müssen.
Aus Dresden zum Beispiel wurde ein Patient nach Bremen ausgeflogen am Wochenende. Auch der Kreis Görlitz hat mit Verlegungen beginnen müssen. © dpa-Zentralbild

Wieder über 150 mehr. Beim RKI stieg die 7-Tage-Inzidenz für den Landkreis Görlitz über das Wochenende auf 1554,5. "Platz" sechs in der bundesweiten Inzidenz-Liste des RKI. Ob die Zahlen langsam wieder belastbar sind - unklar. Das Zahlen-Kuddelmuddel der vergangenen Woche im Landkreis Görlitz, nur ein Teil, wie gerade vieles aus dem Ruder läuft. Die SZ fasst die auffälligsten Symptome des Kontrollverlustes im Kreis Görlitz zusammen.

Statistiken: Vertrauensverlust bei den Inzidenzen

Entstanden war das Zahlenchaos vorige Woche, weil der Landkreis nicht mehr hinterherkam, die Befunde an den Freistaat weiterzugeben. Am Donnerstagabend hatten Landkreis und Bundeswehr es geschafft, den Berg abzubauen. Zwischenzeitlich lag die Inzidenz beim RKI nur halb so hoch wie beim Landkreis. Der Abstand wird seit Tagen geringer. Am Montag lag die Landkreis-Inzidenz bei 2.167. "In den nächsten Tagen ist die weitere Angleichung der Landkreis-Inzidenz an die RKI-Inzidenz zu erwarten", teilt das Gesundheitsamt mit.

Was unstrittig ist: Wie das Zahlen-Problem zustande kam. Durch den massiven Anstieg von Neuinfektionen. So hat das Medizinische Labor Ostsachsen, das die meisten Tests aus den Landkreisen Görlitz und Bautzen auswertet, vorige Woche 12.021 Proben untersucht - eine Rekordzahl. "Allerdings sah es in den beiden Wochen zuvor schon ähnlich aus", schildert der Görlitzer Infektionsepidemiologe Roger Hillert. Die Positivrate vorige Woche: über 50 Prozent. 6.906 Tests fielen positiv aus. "Wir gehen aber davon aus, das jetzt ein Scheitelpunkt erreicht ist, und es langsam wieder abwärts geht."

Kliniken: Erste Corona-Patienten wurden verlegt

Ein Scheitelpunkt auch in den Kliniken. Am Donnerstag hatte der Landkreis Görlitz bekannt gegeben, dass die Kapazitäten der Kliniken im Kreis ausgereizt sind, mit Verlegungen in andere Krankenhäuser begonnen werden muss. Am Wochenende folgte die bislang größte Verlegungs-Aktion. Aus Bayern, Thüringen und Sachsen mussten knapp 50 Schwererkrankte in andere Bundesländer, die weniger heftig betroffen sind, verlegt werden. Am Wochenende gab es auch Verlegungen aus dem Landkreis Görlitz, allerdings nicht bundesländer-übergreifend, sondern innerhalb Sachsens, teilt der Landkreis Görlitz mit.

Zu viele Neuinfektionen: PCR-Tests werden rar

Nicht nur bei den Impfterminen waren die Schlangen zuletzt lang, sondern nach der Verschärfung der Corona-Regeln in Sachsen auch bei den Testzentren. Fällt das Ergebnis eines Schnelltests positiv aus, muss er durch einen PCR-Test bestätigt werden. Den PCR-Test braucht es nicht nur, um sicherzugehen, dass das Ergebnis korrekt ist, sondern auch als Grundlage für die Fallzahl-Meldungen des Gesundheitsamtes. Man braucht ihn auch, um nach Infektionsverlauf als genesen zu gelten und abschätzen zu können, wann eine Booster-Impfung sinnvoll ist, erklärt der Görlitzer Hausarzt Dr. Henry Hedrich. Aber die Kapazitäten dafür sind knapp. Auf der Landkreis-Internetseite sind kreisweit nur drei Stellen angegeben.

Heißt auch: Der Andrang bei den niedergelassenen Ärzten ist hoch, bestätigt Henry Hedrich. "Pro Tag nehmen wir etwa 20 bis 30 Proben, die wir ins Labor für den PCR-Test einsenden", erklärt er. Zum Teil nimmt er auch Fremdpatienten zum PCR-Test an, wenn diese unter Symptomen leiden, ihr Hausarzt aber keine Testung vornimmt. Wenn dagegen jemand einen PCR-Test braucht, um zum Beispiel zu verreisen - "das geben die Kapazitäten einfach nicht her." Er würde sich wünschen, dass mehr seiner Kollegen mitziehen. "Würden wir uns alle gemeinsam beteiligen, würden wir es auch schaffen und es würde nicht immer wieder zu solchen Engpässen kommen." Ein Hinweis, wie sehr die Kapazitäten an den Grenzen sind: Eine "Freitestung" aus der Quarantäne ist für enge Kontaktpersonen inzwischen auch per Schnelltest bei einem Testzentrum nach frühestens sieben Tagen möglich. Asymptomatische oder geimpfte Infizierte können sich mittels PCR-Test nach fünf Tagen "freitesten". Der Landkreis rät aufgrund der Lage zum Antigen-Schnelltest in einem Testzentrum nach sieben Tagen.

Demos: Regelbruch als "Widerstand"

Impfunwillige nutzen jede Gelegenheit, um gegen die Corona-Auflagen zu verstoßen. So sollen sich am Sonntagabend auf der Elisabethstraße in Görlitz rund 100 Menschen versammelt haben. Sie folgten einem Aufruf des Wirtshauses "Zur Altstadt", dessen Wirt für die AfD im Stadtrat saß und der mit einer Kerzenaktion gegen die Spaltung der Gesellschaft ein Zeichen setzen wollte. Als die Polizei eintraf, waren noch etwa 35 Personen vor Ort, schildert Polizei-Sprecherin Anja Leuschner. Doch im Moment gilt ein eingeschränktes Versammlungsrecht, mehr als zehn Personen werden nicht genehmigt. Doch genehmigt war dieser Auflauf sowieso nicht. Die Polizei erstattete Anzeige.

Politik: Sprunghafte Kommunikation

Ein Stückweit mag der Landkreis hier Mitschuld tragen. Noch vor Kurzem gab Landrat Bernd Lange bekannt, er halte 3-G für ausreichend - um kurz darauf festzustellen, dass die Krankenhäuser rasend schnell zulaufen, und Hilfe bei Freistaat und Bundeswehr zu beantragen. Auch, dass sich Kreis und Stadt bei den Regel-Kontrollen so lange den Ball gegenseitig zuspielten, bis der Freistaat feste Kontrollteams forderte, mag manchen in seinem Widerstand bestärkt haben. Oder dass der Kreis mehrfach Sondergenehmigungen für die Demos von Corona-Maßnahmen-Gegnern gegeben hatte, obwohl auf der anderen Seite die Inzidenz immer weiter stieg. Nach außen wirkte es, als ob Corona-Gegner eine Sonderrolle hätten.

Lange hatte immer an die Eigenverantwortung appelliert. So vernunftgeprägt der Wunsch sein mag, so unrealistisch ist er. Stattdessen wirkt es, als würde jedes mögliche Schlupfloch genutzt. So rief etwa die AfD in Weißwasser am Wochenende zu einer Demo mit Autokorso auf, an der dann zum Beispiel Tino Chrupalla, einer der beiden AfD-Bundesvorsitzenden, teilnahm.