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Wie relevant sind die Inzidenz-Zahlen noch?

Der Inzidenzwert ist zentral für die Corona-Politik. Zum Problem könnte nun werden, dass der Einfluss der Schnelltests nicht zuverlässig erhoben wird.

Pro Woche werden in Deutschland derzeit etwa 1.2 Millionen Abstriche auf Coronaviren untersucht.
Pro Woche werden in Deutschland derzeit etwa 1.2 Millionen Abstriche auf Coronaviren untersucht. © Sebastian Kahnert/dpa

Von Thomas Trappe

In Zeiten eingeschränkter Grundrechte kommt dem Vertrauen in politische Entscheidungsfindung eine kaum zu überschätzende Rolle zu.

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Die SARS-CoV-2-Inzidenzzahlen, die fast jeder Bundesbürger allmorgendlich zur Kenntnis bekommt, hatten da schon immer einen schlechten Stand: Faktisch sind diese montags nicht zu gebrauchen, wegen Nachmeldungen am Dienstag nur eingeschränkt und am Wochenende sowieso nicht.

Verlässlichste Größe ist dabei also immer der Vorwochenvergleich – doch auch dieser kann derzeit nur mit Einschränkungen interpretiert werden. Grund ist die seit einer Woche geltende Schnelltest-Strategie der Bundesregierung, mit der zwangsläufig auch die Zahl der PCR-bestätigten positiven Corona-Fälle steigen dürfte.

Die Diskussion darüber, wie tauglich Inzidenzzahlen als Gradmesser für Lockdown- und Öffnungsmaßnahmen sind, wird – analog zum Tempo, in dem die Schnelltests ausgerollt werden – damit in den kommenden Wochen deutlich an Fahrt aufnehmen. Und dürfte, das zeigt eine Abfrage bei den Staatskanzleien der Länder, beim nächsten Bund-Länder-Gipfel in einer Woche zu vertieften Debatten führen. Ist die Inzidenz als oberster Gradmesser für die Corona-Politik noch zu halten?

1,2 Millionen PCR-Tests pro Woche

Seit Beginn der Corona-Pandemie werden die von den Gesundheitsämtern an das Robert Koch-Institut übermittelten Fallzahlen durch ebenjenes RKI vermeldet – hier fließen alle PCR-bestätigen positiven Fälle ein, also absolute, nicht relative Zahlen.

Zu Beginn des ersten Lockdowns vor einem Jahr gab es wöchentlich 128.000 Tests, erst Anfang September waren die Kapazitäten in den Laboren auf dem Niveau, mit dem bis heute gearbeitet wird, also bei rund 1,2 Millionen Tests pro Woche.

Die Inzidenzzahlen, mit denen man in den ersten Lockdown ging, sind daher kaum vergleichbar mit jenen, über die man heute spricht. Im Laufe der Zeit haben sich weitere Parameter etabliert, mit denen das Ausbruchsgeschehen beurteilt wird, zum Beispiel die Positivrate: Ihren absoluten Höhepunkt erreichte diese zwischen Weihnachten und der ersten Januarwoche, als sie auf bis zu 15 Prozent anstieg. In den vergangenen Woche lag sie bei rund sechs Prozent.

RKI, BMG, Länder: Kein Überblick über Zahlen

Die seit einem halben Jahr relativ konstante Zahl an Testungen wird demnächst aller Voraussicht nach deutlich nach oben gehen. Denn seit einer Woche greift die neue Schnelltest-Strategie, die jedem Bundesbürger pro Woche einen kostenlosen Antigentest in einer Apotheke oder einem Testzentrum ermöglicht.

Da es laut Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) „mehr als genug Schnelltests“ gibt, wie er erst am Freitag in der Bundespressekonferenz betonte, und laut Ministeriumsangaben von vor zwei Wochen „150 Millionen Schnelltests auf Halde“ lagen, gäbe es damit ein erhebliches Testpotenzial, mit denen die bisherigen Zahlen vervielfacht werden könnten – und mit ihnen auch die Zahl der ans RKI gemeldeten positiven Fälle.

Die am 8. März in Kraft getretene Schnelltestverordnung des BMG legt fest, dass positive Antigen- durch anschließende PCR-Tests bestätigt werden sollen und damit auch in die RKI-Statistik einfließen.

Auf der Hand liegt, dass nun nicht 80 Millionen Tests pro Woche stattfinden werden, auch nicht ansatzweise so viel. Wie viele es aber sind oder gar sein werden, das scheint aber eine große Unbekannte zu sein. Am Freitag sagte Minister Spahn in der Bundespressekonferenz, man wisse nicht, wie viele Schnelltests bislang durch die Apotheken und Testzentren angefordert wurden – werde aber sehen, wie viele positive und PCR-bestätigte Schnelltests später in die RKI-Statistik einliefen.

Bislang aber gibt es beim RKI offenbar nur höchst lückenhafte Infos darüber, wie viele der täglich gemeldeten Corona-Fälle auf kostenlose Schnelltests zurückgehen. Solche Testergebnisse seien zwar meldepflichtig und würden auch an das RKI übermittelt, hieß es von dort. „Sie erfüllen aber, wenn keine PCR-Bestätigung durchgeführt worden ist, nicht die Referenzdefinition, werden also nicht veröffentlicht.“ Man gehe zudem auch davon aus, „dass die Antigentests bisher nicht vollständig von den Gesundheitsämtern an das RKI übermittelt werden. Eine entsprechende Auswertung hat bislang keine aussagekräftigen Daten ergeben, da die Gesundheitsämter bei Fällen mit bestätigten PCR-Tests die Antigentests aus Kapazitätsgründen häufig nicht erfassen.“

RKI-Chef warnt vor falschen Schlüssen

Anders gesagt: Weder beim RKI oder beim BMG liegen aussagekräftige Daten darüber vor, welchen Einfluss die positiv gemeldeten und PCR-bestätigten Schnelltests derzeit und demnächst auf die Inzidenzzahlen haben. Auch RKI-Chef Lothar Wieler konnte dazu in der Bundespressekonferenz am Freitag keine Angaben mache, warnte aber vor falschen Schlüssen.

„Der Eindruck, dass die Anzahl der durchgeführten Tests ein Korrelat dafür ist, wie viel positiv getestet wird, ist schlichtweg nicht zutreffend“, betonte er. Verfiele man diesem Trugschluss, würde man das wahre Krankheitsgeschehen unterschätzen, das sich derzeit ja durchaus in anderen Parametern – zum Beispiel Atemwegsinfektionen in Sentinelpraxen – niederschlage. Nur stellt sich dabei natürlich für Viele umso mehr die Frage, warum man weiterhin an den Inzidenzzahlen als maßgeblichen Faktor für weitere politische Entscheidungen festhalten sollte?

Welche Rollen den täglich vom RKI gemeldeten Inzidenzzahlen zukommen, Anfang dieser Woche erneut zu beobachten: Da forderte die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensivmediziner (DIVI) einen sofortigen erneuten Lockdown, der wissenschaftliche Leiter des DIVI-Intensivregisters, Christian Karagiannidis, begründete dies mit den steigenden Inzidenzzahlen.

DIVI-Präsident Gernot Marx erklärte anschließend, dass man derzeit „leider wirklich nicht so genau sagen kann, ob es mehr oder weniger Fälle werden bedingt durch die Hinzunahme von Schnelltests“. Man sei aber trotzdem „gut beraten, die Instrumente, die sich bewährt haben, auch weiterzuverwenden, aber eben auch weiterzuentwickeln“.

Um die Schwierigkeit, andere Parameter als die Inzidenzen zu Rate zu ziehen, wissen die Intensivmediziner dabei nur zu gut: Immerhin steht auch immer wieder zur Debatte, die Zahl der belegten Intensivbetten zu berücksichtigen, die den Infektionszahlen aber um mehrere Wochen hinterherlaufen. Genauso gilt das für Corona-Todesfälle: Diese gehen seit Ende Februar in Deutschland kontinuierlich zurück.

Würde man sich allein auf diese Zahlen stürzen, drohte man mit Öffnungen in eine tödliche Falle zu laufen. Auch dieses Risiko liegt hinter jeder Diskussion über ein Abwendung vom Inzidenzwert.

Uneinigkeit in den Ländern

Gleichwohl, die Debatte ist kaum noch zu vermeiden. In Niedersachsen etwa führt das gerade zu einem Streit innerhalb der Landesregierung: So forderte der Wirtschaftsminister Bernd Althusmann (CDU) gerade, vom Inzidenzwert als alleinigem Kriterium abzurücken, stattdessen auf einen „gewichteten Risikowert“ zu setzen. „Bei dem könnte etwa die Frage der Belegung und Kapazität der Krankenhäuser, der Alterserkrankungen und der regionalen Entwicklungen mit regionalen Hotspots einfließen“, sagte Althusmann der „Hannoverschen Allgemeinen Zeitung“. Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) lehnte diesen Vorstoß daraufhin rundheraus ab.

Weils Parteifreundin und Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern, Manuela Schwesig, hatte sich indes bereits beim letzten Bund-Länder-Gipfel dafür eingesetzt, „dass neben den nach wie vor wichtigen Inzidenzwerten auch andere Kriterien wie Impffortschritt, Testmöglichkeiten oder die Belegung von Intensivbetten einbezogen werden“, wie ein Sprecher auf Anfrage mitteilt – man bleibe dieser Position auch beim nächsten Treffen treu.

Auch in Sachsen-Anhalt ist das Thema Inhalt aktueller Diskussionen im Kabinett, wie es aus Magdeburg heißt. In Bremen geht man zwar davon aus, dass es „aufgrund der Schnelltests mehr positive Fälle geben wird“, es sei aber „verfehlt, eine gerade erst beschlossene Regelung aufgrund dessen zur Diskussion zu stellen“.

In Hessen will man „die Entwicklungen der näheren Zukunft abwarten, um bewerten zu können, wie die Auswirkungen der Tests sind“. In Sachsen wird betont, dass man bereits jetzt die Covid-19-Belegung in Kliniken berücksichtige, allgemein aber mache „die Einbeziehung zusätzlicher Faktoren die Erstellung von Stufenplänen komplizierter“, weshalb man davon Abstand nehme.

In Rheinland-Pfalz stellt man vor allem den Sinn der Schnelltests heraus, „Infektionsketten frühzeitig zu unterbrechen und weitere Infektionen zu verhindern“. Weitere „wichtige Eckpfeiler“ seien bei der Beurteilung „Testmöglichkeiten, Impfquoten und Krankenhauskapazitäten“.

Aus den Antworten lassen sich in der Regel noch keine konkreten Anpassungswünsche für das nächste Bund-Länder-Spitzentreffen ableiten. Aber dass man erneut mit einem Stufenplan an die Öffentlichkeit gehen wird, der alleine auf Inzidenzen abzielt, ist zunehmend unwahrscheinlich.

Nicht zuletzt, weil dabei der NRW-Ministerpräsident, durch Wahlniederlagen und Korruptionsaffären unter Druck geratene CDU-Chef und potenzielle nächste Kanzlerkandidat Armin Laschet ein gewichtiges Wort mitreden wird. Dessen Gesundheitsministerium erklärt auf Anfrage, dass „in der Tat ein Anstieg der Inzidenzzahlen bei einer deutlich ausgeweiteten Teststrategie nicht ausgeschlossen werden“ könne. Man werde wohl zu Beginn der anrollenden Schnelltest-Strategie „mehr finden, die Inzidenz wird vermutlich steigen. Aber wenn wir immer weiter testen, dann wird diese langsam wieder sinken“.

Auf jeden Fall wolle man aber bei den Beratungen mit Kanzlerin und den anderen Länderchefs nächste Woche darauf drängen, „dass wir bei testbedingt steigenden Inzidenzzahlen das Testgeschehen in die Bewertung über erforderliche Schritte einfließen lassen müssen“, heißt es in NRW.

Infektionen bei Über-80-Jährigen stagnieren

Auch unter Medizinern dürfte die Diskussion über die Sinnhaftigkeit des Inzidenzwertes demnächst befeuert werden – und nicht nur allein wegen der steigenden Meldezahlen durch die kostenlosen Schnelltests.

„Bei der realistischen Bewertung der aktuellen Infektionslage greift die reine Fokussierung auf den Inzidenzwert sowie den R-Faktor zu kurz“, sagt etwa Jochen A. Werner, Ärztlicher Direktor und Vorstandsvorsitzender der Universitätsmedizin Essen. Er verweist neben der unklaren Datenlage bei den Schnelltests auf die mittlerweile hohe Durchimpfungsrate in Alten- und Pflegeheimen, deren Bewohner:innen „demzufolge deutlich weniger gefährdet sind als zu Beginn der Pandemie“.

Tatsächlich ist die Zahl der Corona-Infektionen unter den über 80-Jährigen seit Beginn der Impfungen dramatisch zurückgegangen, eine ähnliche Entwicklung gibt es bei den 60- bis 79-Jährigen, bei denen die Impfkampagne wenigstens teilweise schon angelangt ist.

„Natürlich müssen wir wachsam bleiben“, betont Jochen Werner im Gespräch mit Tagesspiegel Background. „Aber die begonnenen Lockerungen sind auch bei moderat steigenden Inzidenzwerten verantwortbar, wenn sie von einem engen Monitoring inklusive Testungen, der Einhaltung der Abstands- und Hygienemaßnahmen sowie dem zügigen Fortgang der Impfungen begleitet werden.“

Werners Vorschlag wurde zum Teil auch schon umgesetzt – mit der jüngsten Anpassung des Infektionsschutzgesetzes im Zuge der Verabschiedung des Epidemische-Lage-Fortgeltungsgesetzes vor zwei Wochen.

Im Gesetz findet sich seitdem neben den Inzidenzwerten als Maßstab für Schutzmaßnahmen unter anderem nun auch die Anzahl geimpfter Personen als relevanter Maßstab wie auch „die sozialen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Auswirkungen auf den Einzelnen und die Allgemeinheit“ – inwieweit diese sehr auslegungsbedürftigen Regelungen allerdings in die nächsten Bund-Länder-Beschlüsse einfließen, ist offen.

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„Für eine solide testungsabhängige Kennzahl fehlt nicht nur die Datengrundlage, sondern es besteht die Herausforderung, das Testen darin angemessen abzubilden“, hieß es gestern dazu aus dem bayrischen Gesundheitsministerium – auch mit Blick auf die bald kommenden Selbsttests, die erneut für eine Dynamik bei bestätigenden PCR-Tests sorgen könnten. Was mit diesem Umstand zu machen ist, dazu hat man auch in Bayern kein abschließendes Konzept. Bei den kommenden Bund-Länder-Gesprächen komme es daher vor allem darauf an, „mit Augenmaß und unter genauer Analyse des weiteren Infektionsgeschehens voranzugehen“.

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