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Wie Corona den Antisemitismus stärkt

„Querdenker“ tragen Judenstern und verharmlosen den Nationalsozialismus. Das macht den Gedenktag für dessen Opfer heute umso wichtiger.

Jüdische Kinder hinter Stacheldraht: Am 27.
Januar 1945 wurde das KZ Auschwitz von der Roten Armee befreit. Seit 25 Jahren wird an diesem Datum in Deutschland der Opfer des Nationalsozialismus
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Jüdische Kinder hinter Stacheldraht: Am 27. Januar 1945 wurde das KZ Auschwitz von der Roten Armee befreit. Seit 25 Jahren wird an diesem Datum in Deutschland der Opfer des Nationalsozialismus gedacht. © Getty Images / Hulton Archives

Corona kann beides: das Beste und das Schlechteste im Menschen hervorkehren. Auf der einen Seite zeigen sich seit Ausbruch der Pandemie verstärkt solche positiven Eigenschaften wie Hilfsbereitschaft, Verantwortungsbewusstsein, Gemeinsinn. Auf der anderen treten unter dem allgegenwärtigen Druck auf alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens vermehrt Aggressivität, Egoismus und Abwertung von Andersdenkenden zutage. Obendrein stärkt das eine Virus ein zweites: den Antisemitismus.

Das haben die vergangenen Wochen überdeutlich gemacht. Auch dann, wenn eine „Jana aus Kassel“ sich auf einer Querdenken-Veranstaltung „wie Sophie Scholl“ fühlt und damit den Nationalsozialismus samt dessen Untaten verharmlost. Aber vor allem, wenn ein Kind seine Situation wegen einer ausgefallenen Geburtstagsfeier mit der Lage des jüdischen Mädchens Anne Frank im Amsterdamer Versteck vergleicht. Und noch mehr, wenn zahllose Protestierer gegen die Corona-Schutzmaßnahmen bei Demos den Judenstern tragen und sich so mit NS- und Holocaust-Opfern symbolisch gleichstellen – weitestgehend toleriert von ihren Mitdemonstranten.

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Auf der "Querdenker-Demo in Berlin sagte am Wochenende dieser Redner: Es kotze ihn an, dass man als Nicht-Maskenträger ständig ein Attest oder seine Medikamente vorzeigen müsse und „sich wie ein Jude in den Dreißigerjahren fühlt“.
Auf der "Querdenker-Demo in Berlin sagte am Wochenende dieser Redner: Es kotze ihn an, dass man als Nicht-Maskenträger ständig ein Attest oder seine Medikamente vorzeigen müsse und „sich wie ein Jude in den Dreißigerjahren fühlt“. ©  Screenshot

Wenn man „sich wie ein Jude in den Dreißigerjahren fühlt“

Das sind keine Bagatellen. Das sind Erscheinungsformen der Relativierung des nationalsozialistischen Völkermordes. In Rein-Unkultur demonstrierte das am Wochenende der Redner einer Querdenken-Demo in Berlin, indem er sagte: Es kotze ihn an, dass man als Nicht-Maskenträger ständig ein Attest oder seine Medikamente vorzeigen müsse und „sich wie ein Jude in den Dreißigerjahren fühlt“.

Insofern hat es seine eigene Tragik, dass „Corona“ auch den heutigen Internationalen Tag des Gedenkens an den Holocaust beeinträchtigt, dessen Anlass die Befreiung des KZ Auschwitz am 27. Januar 1945 ist, heute vor 76 Jahren. Die meisten Veranstaltungen fallen aus oder wandern ins Netz ab, andere finden nur eingeschränkt live statt. Das ist vor allem deshalb fatal, weil die durch die Pandemie begünstigte scheinbare Normalisierung oder Bagatellisierung des Antisemitismus ein umso stärkeres Dagegenhalten bräuchte, gerade an diesem Datum.

Verschwörungsgläubige neigen zu Antisemitismus

Denn der Judenhass speist sich nicht nur, aber auch aus dem Vergessen der historischen Ursachen und Realitäten des Holocaust. Da nutzt es auch nichts, den genuin deutschen Antisemitismus dadurch versuchsweise kleiner zu reden oder von ihm abzulenken, indem man auf den – fraglos nicht minder gefährlichen – Antisemitismus von Zuwanderern verweist, wie es Relativierer nur zu gerne tun. Zumal die Pandemie noch einen weiteren, einen gewissermaßen indirekten Verstärkungseffekt für den Antisemitismus aufweist.

Wie die sogenannte Flüchtlingskrise ist auch die Coronakrise ein Katalysator für Verschwörungstheorien. Für den Glauben an das Wirken obskurer Kräfte im Hintergrund, die insgeheim an einer Umwandlung der Welt und an der Unterdrückung der Völker arbeiten. Inzwischen ist es hinlänglich erwiesen: Umso ausgeprägter die Verschwörungsmentalität eines Menschen, desto höher seine Neigung zu antisemitischen Ressentiments.

Sänger Xavier Naidoo vermutet immer wieder die jüdischen Bankiers-Dynastie "Die Rothschilds" als jüdische "Strippenzieher" hinter angeblichen weltweiten dunklen Machenschaften.
Sänger Xavier Naidoo vermutet immer wieder die jüdischen Bankiers-Dynastie "Die Rothschilds" als jüdische "Strippenzieher" hinter angeblichen weltweiten dunklen Machenschaften. © Foto: Uwe Anspach/dpa

"Die Juden" als Strippenzieher hinter der Pandemie

Der Zusammenhang wird offenbar, wenn man sich vergegenwärtigt: Antisemitismus funktioniert selbst als Verschwörungstheorie. Schließlich ist die gegen Juden gerichtete Zuschreibung von geheimer Macht ein fester Bestandteil antisemitischen Denkens. In diesen Konstruktionen erscheinen „die Juden“ seit Jahrhunderten als Strippenzieher hinter „den Herrschenden“, der (Welt-) Politik, dem (Welt-) Finanzsystem, seit einigen Jahren obendrein hinter den Medien. Und neuerdings eben, vereinfacht gesagt, hinter Corona.

Wie immer, wenn einfache Erklärungen für komplizierte Probleme nicht zu haben sind, suchen manche Menschen auch für die aktuell grassierende Pandemie einschlägige Verantwortliche, kurz: Sündenböcke. Und etliche werden fündig – bei „den Juden“. Etwa beim Milliardär George Soros oder „den Rothschilds“, der bekannten Bankiers-Dynastie. Insofern könnten die kommenden Untersuchungen zur Verbreitung antisemitischer Denkmuster in der deutschen Gesellschaft zeigen, dass sie nach Jahren des allmählichen Schwindens 2020 womöglich wieder zugenommen haben, neu belebt durch die Corona-Krise.

Schlagersänger Wendler fragt: "KZ Deutschland?"

Da ist es auch kein wirklicher Trost, dass nicht alle Menschen, die einzelne solcher Denkmuster hegen, automatisch Antisemiten durch und durch sind. Schließlich stärkt jedes Aufgreifen von einzelnen seiner Merkmale letztlich den Antisemitismus insgesamt. Vor allem, wenn es sich um reichweitenstarke Prominente handelt wie Soulsänger Xavier Naidoo oder Schlagerbarde Michael Wendler. Letzterer gab unlängst über den Nachrichtendienst Twitter zu den Corona-Maßnahmen von sich: „KZ Deutschland?“

Seit 25 Jahren war der Holocaust-Gedenktag in Deutschland ein relevantes Vehikel für die Aufklärung auch darüber, was der Antisemitismus war, ist und anrichten kann. In seinem Jubiläumsjahr wäre er so wichtig wie lange nicht, könnte er seine Erinnerungskraft voll entfalten und dabei nicht zuletzt klarstellen, wie leichtfertig, geschichtsvergessen und obszön es ist, die Coronakrise durch Vergleiche mit und Allegorien zu der NS-Zeit zu missbrauchen.

Die Politikerin und Publizistin Marina Weisband wird neben der Holocaust-Überlebenden Charlotte Knobloch am 27. Januar im Reichstag sprechen. Sie sagt: Das Märchen, dass Juden schuld an Corona seien, ist nicht nur eine Meinung. „Es ist auch eine Handlung.
Die Politikerin und Publizistin Marina Weisband wird neben der Holocaust-Überlebenden Charlotte Knobloch am 27. Januar im Reichstag sprechen. Sie sagt: Das Märchen, dass Juden schuld an Corona seien, ist nicht nur eine Meinung. „Es ist auch eine Handlung. ©  Archiv/dpa

Niemand leidet unter "Corona" wie NS-Opfer unter Hitler

Denn nichts haben die jetzigen Maßnahmen zu tun mit den nationalsozialistischen Unterdrückungsmaßnahmen und Verbrechen. Und in nichts gleichen die Menschen, die heute unter den aktuellen Einschränkungen leiden, den Millionen ermordeten Juden, den Sinti und Roma oder den Zwangsarbeitern. Ebenso wenig ist ihr Schicksal auch nur annähernd vergleichbar mit dem Los all jener, die sich aus religiösen, politischen oder schlichtweg menschlichen Beweggründen dem wirklichen Terror widersetzten und deswegen der wirklich totalitären Staatsgewalt des Nationalsozialismus zum Opfer fielen.

Immerhin die zentrale Gedenkfeier im Bundestag findet statt und wird live übertragen. Dabei greift sie erstmals nicht nur passiv das Problem auf, dass die Überlebenden des Holocaust allmählich aussterben, die persönliche Erinnerung der kollektiven bald nicht mehr zur Verfügung steht und diese sich verändern muss. Neben der 88-jährigen Zeitzeugin Charlotte Knobloch ist eine zweite Rednerin geladen, Marina Weisband.

Das ist nicht nur eine Meinung. Es ist auch eine Handlung.

Die Politikerin und Publizistin gehört zur sogenannten „dritten Generation“ der deutschen Juden der Nachkriegszeit. Zu jenen Nachfahren der Opfer, bei denen die Erinnerung an den Holocaust ein fester Bestandteil der Familiengeschichte, des Familiengedächtnisses und damit der seelischen Prägung ist.

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Daher löst auch der Anblick von Judensternen auf Querdenker-Kleidung bei vielen Deutschen wie Weisband anderes aus als bei Nichtjuden, ebenso das verbale Anpflocken von Juden als Sündenböcke der Pandemie. „Das Kommunizieren darüber, dass Juden etwa schuld an Corona seien, ist nicht nur eine Meinung“, sagte die 33-Jährige kürzlich dazu in einem Interview. „Es ist auch eine Handlung.“

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