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Wie Corona Familien in Sachsen spaltet

Corona als Belastungsprobe: In einer ARD-Doku sprechen der Dresdner „Querdenker“-Chef und der Sohn eines Verschwörungstheoretikers über Risse.

Richard Zschech und seine Mutter sind völlig uneins über die Coronamaßnahmen. Doch sie reden immerhin miteinander.
Richard Zschech und seine Mutter sind völlig uneins über die Coronamaßnahmen. Doch sie reden immerhin miteinander. © MDR

Dresden. Sehr, sehr angenehm ist schon mal, dass nie gebrüllt wird. Die kurzen Demonstrations-Videoausschnitte außer Acht gelassen. Nicht die übliche Empörung durchzieht diese TV-Doku, sondern eher eine Mischung aus Ratlosigkeit, Melancholie und einer Spur Hoffnung. Exakt mit diesem Erzählton lässt sich möglicherweise auch dem Problem beikommen, dass dieser MDR-Beitrag behandelt.

Unbehagen auf beiden Seiten

Peter Podjavorsek und Adama Ulrich haben für ihren Dreiviertelstünder, der völlig zu Unrecht ins Spätabendprogramm der ARD geschoben wurde, Menschen getroffen, die durch die Pandemie in gegensätzliche Überzeugungskreise und damit in tiefe Beziehungskrisen getrieben wurden. Das Unbehagen angesichts dieses Zustandes eint schon mal Vertreter beider Lager, also Gegner der Corona-Maßnahmen und deren Befürworter.

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"Querdenker" demonstrieren gegen die Coronamaßnahmen der Regierung.
"Querdenker" demonstrieren gegen die Coronamaßnahmen der Regierung. © MDR

Der Dresdner Ingenieur Richard Zschech etwa wuchs quasi mit Verschwörungsmythen auf. Sein Vater glaubte, dass die US-Regierung hinter den Anschlägen aufs New Yorker World Trade Center steckte, und konnte seinen damals 16-jährigen Sohn gleichfalls davon überzeugen. Zschech junior erzählt nun, wie er durchs konsequente Hinterfragen eines Kommilitonen plötzlich ohne Argumente dastand, wie aus Zweifeln die Erkenntnis wuchs, dass man besser beweisbaren Fakten vertrauen soll. Das belastete sein Verhältnis zu Vater und Bruder, durch Corona sei der Konflikt vollends eskaliert.

Bitte keine Besserwisserei!

Seine Mutter immerhin trifft sich sogar mit ihm vor der Kamera; man tauscht Standpunkte aus, hört sich zu. Selbst wenn keine inhaltliche Annäherung folgt, sei ein Gespräch dieser Art die einzige Chance, die Beziehung zu retten, sagt die Sozialpsychologin Pia Lamberty: „Man muss sich fragen: Gehe ich auf diese Person so zu, wie ich möchte, dass man mit mir umgeht?“ Schreien und Besserwisserei führe jedenfalls nur dazu, dass man sich abwendet. Und Lamberty stellt fest: „Der Verschwörungsglaube hat in der Pandemie nicht zugenommen, wenn man sich quantitative Studien anschaut. Was zugenommen hat, ist der Handlungsdruck und die Sensibilität in der Gesellschaft.“

Marcus Fuchs, der Dresdner Chef-„Querdenker“, hat zwei Drittel seines einstigen Freundeskreises verloren.
Marcus Fuchs, der Dresdner Chef-„Querdenker“, hat zwei Drittel seines einstigen Freundeskreises verloren. © MDR

Das spürt auch Marcus Fuchs, der Dresdner Chef-„Querdenker“. Er empfängt das Dreh-Team in seinem Haus, lässt sich bei Demo-Vorbereitung filmen und gesteht dann, dass er zu zwei Dritteln seines einstigen Freundeskreises keinen Kontakt mehr habe. Selbst seine Eltern habe er bereits seit Monaten nicht gesehen. „Alle in der Familie haben studiert“, sagt er. „Da ist es doch verwunderlich, dass die jetzt alles mitmachen – Maske, Impfung. Es ist kurios.“

Kein vernünftiger Austausch

Er reklamiert für sich und seine Bewegung, „den Diskurs in der Gesellschaft zu ermöglichen“. Ziel sei „die Überwindung der gesellschaftlichen Spaltung“. Richard Zschech erlebt es etwas anders. Als Zaungast einer „Querdenker“-Demo in Dresden sei ihm „Verpiss dich!“ zugerufen worden. Ein vernünftiger Austausch kommt dort also nicht zustande, der funktioniert dagegen auf direkter, persönlicher Ebene.

Robin Espe, Tontechniker bei den „Querdenker“-Demos und Betreiber eines Techno-Clubs in Kamenz, diskutiert am Lagerfeuer mit einer Freundin, die als Krankenschwester die meisten Corona-Maßnahmen für sinnvoll hält. Auch diese beiden kommen nicht überein, lassen sich jedoch ausreden, vergreifen sich nie ihm Ton.

Annäherung in Brandenburg

In Wallmow, einem Dorf in der Uckermark, versucht man nach diesem Prinzip, den durch die Corona-Maßnahmen entstanden Graben zu schließen. Die einst vorbildliche Gemeinschaft aus Alteingessenen und Zugezogenen scheint allen wichtiger als der Streit um Masken und Impfungen . Zwei Protagonistinnen nähern sich beim Treffen auf der Parkbank vorsichtig an. Tenor: Man muss ja nicht immer einer Meinung sein, sollte aber trotzdem zusammenhalten.

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Bei derartigen Prozessen gibt es inzwischen auch professionelle Hilfe: In Berlin eröffnete kürzlich „veritas“, die erste Beratungsstelle für Opfer von Verschwörungserzählungen. Chef Tobias Meilicke sagt: „Für viele sind wir die letzte Hoffnung vorm Kontaktabbruch.“ Den sollte man unbedingt vermeiden und selbst wenn es schwierig ist; sich eine Brücke ins alte Leben erhalten. Diese Botschaft bringt die Doku insgesamt überzeugend auf den Punkt.

  • „Beziehungskrisen: Wie Corona spaltet“; am Montag ab 23.40 Uhr im Ersten sowie in der ARD-Mediathek

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